5.4. Burghard Dedner:
Büchner und Gutzkow

Im Februar 1835 wählte Büchner Karl Gutzkow als Vermittler für sein Erstlingsdrama Danton’s Tod. Gutzkow reagierte mit spontaner und unbedingter Begeisterung. Es ist gut denkbar, dass wir ohne Gutzkows Gespür für die außerordentlichen literarischen Qualitäten dieses Dramas heute von dem Dichter Büchner nichts wüssten.

 

Inhaltsverzeichnis

1. Büchners Kenntnis des literarischen Marktes
2. Gutzkows literaturpolitisches Programm 1835
3. Gutzkows Interesse an Büchner
4. Gutzkow als Leser Büchners
5. Politische Differenzen
6. Der Briefwechsel Büchner-Gutzkow
7. Postmortem

 

1. Büchners Kenntnis des literarischen Marktes

Am Samstag, den 21. Februar 1835, nahm Büchner Kontakt zu Karl Gutzkow in Frankfurt auf, indem er ihm auf dem Umweg über den Verleger Johann David Sauerländer das Manuskript zu Danton’s Tod zusandte. 21. Februar 1835. An Karl Gutzkow in Frankfurt am Main Zeitleiste 21. Februar 1835 Er erbat eine Antwort »noch vor nächstem Mittwoch«. An diesem Tag, also am 25. Februar, schickte ihm Gutzkow die Bestätigung, das Drama sei für den Druck angenommen. 25. Februar 1835. Von Karl Gutzkow nach Darmstadt

Was Büchner von Karl Gutzkow wusste oder gelesen hatte und warum er gerade ihm das Manuskript seines Dramas schickte, ist unbekannt. Jedoch haben wir Hinweise, dass der einundzwanzigjährige Büchner sich auf dem literarischen Markt in Grenzen auskannte. Einen Teil dieser Kennntnisse verdankte er vermutlich Freunden und Bekannten.

Büchners Straßburger Freund August Stöber , Einleitung zu Lenz später ein bekannter elsässischer Autor, korrespondierte bereits im Sommer 1831 mit dem schwäbischen Literaten Gustav Schwab, dem damaligen Mitherausgeber des Stuttgarter Morgenblatt für gebildete Stände. Stöber veröffentlichte dort zwischen dem 19. Oktober und dem 10. Dezember 1831 die Artikelfolge »Der Dichter Lenz«, in der er das Material aus dem Oberlin-Nachlass auswertete, das er Büchner später für die Lenz-Erzählung zu Verfügung stellte.

In Darmstadt war Büchner bekannt mit Heinrich Künzel (Darmstadt 28. Dez. 1810 – 11. Nov. 1873 ebd.), einem ehemaligen Mitschüler, der 1832 (zusammen mit dem Darmstädter Friederich Metz ) einen Musenalmanach. Eine Neujahrsgabe für 1833 publizierte, an der – vermittelt durch Büchner – auch seine Straßburger Freunde August und Adolf Stöber als Beiträger mitwirkten. Büchner behandelte im Brief vom 24. August 1832 das Unternehmen des Musemalmanachs zwar ironisch 24. August 1832. An August und Adolph Stoeber in Straßburg und äußerte sich im Brief vom 9. Dezember 1833 abfällig über Künzels „ästhetisches Geschlapp“. 9. Dezember 1833. An August Stöber in Oberbronn Aber sein Satz, Künzel könne, nachdem er »schon alle mögliche poetischen Accouchirstühle probirt« habe, »höchstens noch an eine kritische Nothtaufe in der Abendzeitung appelliren«, deutet doch auf eine Kenntnis der führenden deutschen Zeitschriften. Die Dresdner Abendzeitung gehörte zu den konservativsten Publikationsorganen in Deutschland.

Einleitung zu Danton’s Tod Dass Büchner den literarischen Markt verfolgte, zeigt auch eine Reihe von Heine-Zitaten in der ersten Szene von Danton’s Tod. Büchner entnahm sie Anfang Februar 1835 Heines Publikation Salon II, die gerade eben auf dem Markt erschien.

Auch französische Neuerscheinungen nahm Büchner anscheinend wahr. Die »Vorrede« zu Leonce und Lena »Alfieri: „e la fama?“ Gozzi: „e la fame?“« Leonce und Lena entnahm Büchner anscheinend den »Lettres d’un voyageur«, die George Sand in der Revue des Deux Mondes« (No II, 3e série, Bd. III, Paris 1834, S. 200) veröffentlicht hatte (vgl. MBA VI, Stellenerläuterungen), und als Karl Gutzkow im Brief vom 7. April 1835 Büchner aufforderte 7. April 1835. Von Karl Gutzkow nach Straßburg, ihm »Kritiken über neueste franz. Literatur« zu schicken, antwortete Büchner zwar abschlägig, wie er den Eltern am 20. April mitteilte 20. April 1835. An die Eltern in Darmstadt , aber sein nächster Brief enthielt doch, wie Gutzkow am 12. Mai schrieb, »Äußerungen über neure Lit.«12. Mai 1835. Von Karl Gutzkow nach Straßburg

Am 1. Januar 1836, einen Monat nach Gutzkows Verhaftung, schrieb Büchner seinen Eltern, Gutzkow habe »bisher einen edlen, kräftigen Charakter gezeigt, er hat Proben von großem Talent abgelegt [...]. Gutzkow hat in seiner Sphäre muthig für die Freiheit gekämpft«. 1. Januar 1836. An die Eltern in Darmstadt Die Sätze lassen vermuten, dass Büchner die schriftstellerische Karriere des nur zwei Jahre älteren Karl Gutzkow schon vor 1835 verfolgt hatte.

Von besonderem Interesse für den Verfasser von Danton’s Tod war natürlich, dass Gutzkow seit Januar 1835 am Frankfurter Sauerländer-Verlag das Literatur-Blatt der Zeitung Phönix. Frühlingszeitung für Deutschland herausgab und also die Drucklegung des Dramas vermitteln konnte.

2. Gutzkows kulturpolitisches Programm 1835

Der 1811 in Berlin geborene Karl Gutzkow wurde der Öffentlichkeit bekannt durch journalistische Arbeiten, darunter seine Mitarbeit an Wolfgang Menzels Literatur-Blatt (1831–1834), sowie durch seine Romane Briefe eines Narren an eine Närrin (1832), von Ludwig Börne als ein »herrliches deutsches Buch« gelobt, und Maha Guru (1833).

Bevor Gutzkow 1835 zum Frankfurter Sauerländer-Verlag wechselte, hatte er bereits Kontakte zu den wichtigeren Vertretern der jungen Schriftstellergeneration geknüpft. Er plante, Frankfurt am Main als eine nicht von einem Fürstenhof dominierte größere Stadt zum führenden deutschen Kulturzentrum zu entwickeln. Er wollte hier eine »Phalanx«[1] potentieller Mitarbeiter bilden, suchte ihnen bei der Suche nach Arbeit und Geld auszuhelfen und Einleitung zu Übersetzungen vermittelte z. B. Angebote, durch die Übersetzung von Victor Hugos Werken Geld zu verdienen, außer an Büchner auch an Ferdinand Freiligrath, an Wilhelm Zimmermann und an Franz Kottenkamp. Ende Juli zog der etwas ältere jungdeutsche Literat Ludolf Wienbarg nach Frankfurt. Der Berliner Schriftsteller Theodor Mundt schrieb in dieser Zeit an den jungdeutschen Autor Gustav Kühne:

Das junge Deutschland sammelt sich jetzt in Frankfurt a. M.! Auch Ludolf Wienbarg ist dort […]. Ich habe neulich wieder sehr dringende Mittheilungen vom jungen Deutschland gehabt, und will mit diesen Männern, die sehr lebhaft einen festen Bund wünschen, wenigstens einen Kongreß verabreden, auf dem man sich persönlich zu vereinigen und zu vermitteln suchen sollte! [2]

Spätestens im August 1835 konzentrierte Gutzkow seine Kräfte auf die Deutsche Revue, eine noch im Planungsstadium befindliche ambitionierte literarische Zeitschrift, die er gemeinsam mit Ludolf Wienbarg im neu gegründeten Mannheimer Verlag Carl Löwenthal herausgeben wollte. Vorbild dieser Zeitschrift war wohl die französische Revue des deux mondes, der Publikationsort für fast alle führenden Literaten Frankreichs.

Wie die öffentliche Ankündigung des Zeitschriften-Projekts am 26. Oktober 1835 Karl Gutzkow, Erklärung zeigt, gelang es Gutzkow, eine beträchtliche Anzahl bedeutender Schriftsteller und Gelehrter für die Mitarbeit an der Deutschen Revue zu gewinnen. Zu ihnen gehörte auch Georg Büchner, der seinen Eltern nicht ohne Stolz davon berichtete. 2. November 1835. An die Eltern in Darmstadt Kampagne gegen das „Junge Deutschland“ Das Unternehmen wurde Opfer der von Wolfgang Menzel organisierten Kampagne gegen das »Junge Deutschland«, die zu einem Publikationsverbot für sämtliche jungdeutsche Schriftsteller am 14. November 1835 und zur Verhaftung Gutzkows am 30. November führte.

Neben diesem groß angelegten Versuch einer organisatorischen Zentrierung der deutschen Literaturproduktion waren es vor allem drei inhaltliche Ziele, die Gutzkow anstrebte.

1. Schöpferische Periode in der deutschen Literatur: In einem Artikel im Literatur-Blatt Nro 1 des Phönix vom 7. Januar 1835 sprach Gutzkow von dem absehbaren Ende der derzeitigen »kritischen Periode« der Literatur, in der »Urtheil« und »Meinung [...] an die Stelle der Kunst getreten« seien. Er glaube »an die neue Schöpfung einer positiven, sich zusammenziehenden und ostensiblen Literatur«. Die »junge Generation« habe »die Aufgabe, positiv zu verfahren, selbst zu schaffen«. »Die Beweise, welche wir heute vermissen«, so versicherte er, »werden uns morgen zufallen.«

2. Ekklesiothritia: In einem Brief an den jungdeutschen Literaten Gustav Schlesier vom 18. Mai 1835 schrieb Gutzkow:[3]

Mir ist daran gelegen, die Kirche aufzulösen u nebenbey an der Verflüchtigung des Staates zu arbeiten. Das Wort für diesen Kampf hab‘ ich gestern erfunden: es ist nach Analogie des Steinschnitts gebildet: Ekklesiothritia.

3. Bühnenreform: Gutzkow, der später selbst ein erfolgreicher Bühnenautor wurde, strebte eine Bühnenreform an. An Stelle der Bühnen in den Residenzstädten, in denen – häufig pietistisch-prüde – Fürstenhöfe den Ton angaben, setzte er auf Bühnen in bürgerlich dominierten Städten wie Frankfurt am Main.

In allen drei Programmpunkten sah sich Gutzkow durch Büchners Drama bestätigt.

3. Gutzkows Interesse an Büchner

Im Danton-Drama sah Gutzkow den Beweis für den Anbruch der neuen schöpferischen Literaturepoche. Deshalb schrieb er am 3. März 1835, also im zweiten Brief seiner Korrespondenz mit Büchner:

Solche versteckte Genies, wie Sie, kommen mir grade recht; denn ich möchte, daß meine Profezeiung für die Zukunft nicht ohne Belege bliebe, u Sie haben ganz das Zeug dazu, mitzumachen. 3. März 1835. Von Karl Gutzkow nach Darmstadt

Einen Monat später, am 7. April 1835, schrieb er:

Ich wiege mich in dem Gedanken, Sie entdeckt zu haben u Sie recht als ein schlagendes Beispiel, als Armidaschild der Menge, mit der ich mich zu balgen habe, gegenüberhalten zu können. 7. April 1835. Von Karl Gutzkow nach Straßburg

Der Armidaschild ist ein Zauberspiegel aus Torquato Tassos Epos La Gerusalemme Liberata (1581). Indem sich der von der schönen Zauberin Armida entführte Ritter Rinaldo in ihm spiegelt, vermag er seine derzeitige unmännliche Erscheinung zu erkennen und so Armidas Zauber zu brechen. Büchners Drama diente Gutzkow also zur Beschämung der zeitgenössischen deutschen Autoren, denen er in seiner Danton-Rezension vom 11. Juli 1835 die »besondern künstlerischen Verdienste« von Büchners Drama vor Augen hielt. Karl Gutzkow, Phönix-Rezension

Wer so sehr an der Fähigkeit der Deutschen, sich mit Geist, Grazie, kurz mit Styl auszudrücken, verzweifeln muß, wie der Herausgeber einer kritischen Revüe der täglich aufwuchernden literarischen Erscheinungen, muß bei der Beurtheilung eines Buches, wie Danton’s Tod von Büchner ist, eine Freude empfinden, die viel zu nüancirt und zusammengesetzt ist, als daß ich sie hier ganz wiedergeben könnte. In Bildern und Antithesen blitzt hier alles von Witz, Geist und Eleganz. Keine verrenkten Gedanken strecken ihre lange Gestalt gen Himmel und schlottern wie gespenstische Vogelscheuchen am Winde hin und her. Keine ungebornen Embryone stehen in Spiritusgläsern um uns herum und beleidigen das Auge durch ihre Unschönheit, sie mögen auf noch so tiefe Entdeckungen zu deuten scheinen. Es ist Alles ganz, fertig, abgerundet. Staub und Schutt, das Atelier des Geistes sieht man nicht. Ich wüßte nicht, worin anders das Kennzeichen eines literarischen Genies besteht. Als ein solches muß man Georg Büchner mit seiner Ideenfülle, seiner erhabenen Auffassung, mit seinem Witz und Humor begrüßen. Was ist Immermanns monotone Jambenclassicität, was ist Grabbe’s wahnwitzige Mischung des Trivialen mit dem Regellosen gegen diesen jugendlichen Genius!

Fasziniert war Gutzkow weiterhin von Büchners »seltener Unbefangenheit« im Umgang mit Dezenzgeboten. Gutzkows eigenem kulturpolitischen Programm der sensualistischen Emanzipation kamen die vielfältigen Dezenzverstöße in Danton’s Tod sehr entgegen. In der praktischen Arbeit als Redakteur von Texten, die er dem Zensor vorzulegen hatte, musste er sie allerdings beseitigen. An Büchner schrieb er am 3. März 1835:

Es ist verflucht, aber es geht nicht anders, u ich vergebe Ihnen nicht, daß Sie mich bei dieser Dollmetscherei u Vermittlerschaft zwingen, die Parthie der Prüderie zu führen. 3. März 1835. Von Karl Gutzkow nach Darmstadt

In seinem späteren Büchner-Nachruf schrieb er dann: LZ-4570 Karl Gutzkow: Ein Kind der neuen Zeit

Es tobte eine wilde Sanscülottenlust in der Dichtung; die Erklärung der Menschenrechte wandelte darin auf und ab, nackt und nur mit Rosen bekränzt. Die Idee, die das Ganze zusammenhielt, war die rothe Mütze. Büchner studirte Medizin. Seine Phantasie spielte mit dem Elend der Menschen, in welches sie durch Krankheiten gerathen; ja die Krankheiten des Leichtsinns mußten ihm zur Folie seines Witzes dienen. Die dichterische Flora des Buches bestand aus ächten Feld- und Quecksilberblumen. Jene streute seine Phantasie, diese seine übermüthige Satyre. Als ich nun, um dem Censor nicht die Lust des Streichens zu gönnen, selbst den Rothstift ergriff, und die wuchernde Demokratie der Dichtung mit der Scheere der Vorcensur beschnitt, fühlt’ ich wohl, wie grade der Abfall des Buches, der unsern Sitten und unsern Verhältnissen geopfert werden mußte, der beste, nämlich der individuellste, der eigenthümlichste Theil des Ganzen war.

Und schließlich war Gutzkow beeindruckt von den religionsskeptischen Passagen in Danton’s Tod. Sein Roman Wally, die Zweiflerin scheint in dieser Hinsicht von Büchners Drama beeinflusst.[4]. Kampagne gegen das „Junge Deutschland“Der Roman führte im Januar 1836 zu Gutzkows Verurteilung wegen »Angriffes auf die christliche Religion«.

4. Gutzkow als Leser Büchners

Die Äußerungen Gutzkows zu Danton’s Tod sind bekannt und gut dokumentiert. Darüber hinaus hat Teraoka Takanori nachgewiesen, dass sich Wirkungsspuren von Büchners Drama in Gutzkows Drama Nero und seiner Schrift Zur Philosophie der Geschichte finden, die Gutzkow nach Erhalt von Danton’s Tod verfasste.[5] In Nero betreffen die Ähnlichkeiten einzelne Metaphern vom Menschen als Puppe und als Musikinstrument sowie die Themen der sensualistischen und religiösen Skepsis und einer »transgressiven Sinnlichkeit«[6], die Gutzkows Nero mit Büchners Danton verbinden.

Noch auffälliger sind die Wirkungsspuren in dem Kapitel »Die Revolutionen« in der Abhandlung Zur Philosophie der Geschichte, die Gutzkow in seiner Mannheimer Gefängniszeit verfasste.

Gutzkow unterscheidet hier zwei Formen der Rechtfertigung revolutionärer Gewalttaten. Der Revolutionär kann sich bei seinen Taten auf höhere Instanzen und Werte oder aber auf die Zwänge situativer Notwehr berufen. Die erste Form lehnt Gutzkow ab, die zweite lässt er zu. Er schreibt[7]:

Keine Revolution darf sich dem moralischen Gesichtspunkte entziehen; es wird immer eine Verantwortlichkeit geben, welche bei ihnen auf eine freie Willenskraft fällt, auf eine Handlung, welche fast immer Verschuldung und Veranlassung in diesem Falle ist. Man will sogar die französische Revolution außer aller Zurechnung stellen. Man will nur Begriffe, nur dunkle Energien der Schicksalsnothwendigkeit sehen, welche jenes schaudervolle Drama tragirten, man betrachtet die eine wie die andre Partei als Schauspieler, welche eine vom Weltgeist einstudirte Rolle vortragen, als Marionetten, die von einer unsichtbaren Hand am Drathe des Begriffes wären gelenkt worden. [...] Wenn es eine zwingende Nothwendigkeit in der französischen Revolution gab, so war es nur die des Augenblickes. [...] Wie es vermeiden, daß man kein Opfer wird? Nicht anders, als daß man selbst Opfer macht. [...] Die Noth des Augenblicks, nicht der Weltgeist entschuldigt die gräßlichen Thaten der Französischen Revolution. Die Menschen mußten über eine und dieselbe schmale Brücke, mußten es zur gleichen Zeit, und wehe dem, der an den Rand gedrängt wurde!

Die Revolutionäre berufen sich auf eine »Schicksalsnothwendigkeit«, auf den »Weltgeist«, der die Menschen eine »einstudirte Rolle« spielen lässt, oder auf den »Drath des Begriffes«, an dem sie »als Marionetten […] von einer unsichtbaren Hand gelenkt« werden. Mit diesen Formulierungen griff Gutzkow vermutlich bewusst zurück auf Rechtfertigungsformen in Danton’s Tod in Sätzen wie:

wir stehen immer auf dem Theater, wenn wir auch zulezt im Ernst erstochen werden (II/1 Danton) Danton’s Tod
Der Weltgeist bedient sich in der geistigen Sphäre unserer Arme (II/7 St. Just) Danton’s Tod
Das Schicksal führt uns die Arme (III/4 Danton) Danton’s Tod
Puppen sind wir von unbekannten Gewalten am Draht gezogen [...] man sieht nur die Hände nicht (II/5 Danton) Danton’s Tod .

Dagegen steht die Berufung auf eine Notwehr, in der ein Mensch andere zum »Opfer macht«, damit er selbst »kein Opfer wird«. Gutzkow wählte dafür das Bild einer über einen Abgrund gespannten »schmalen Brücke«, die alle gleichzeitig überqueren müssen. Auch die Personen in Danton’s Tod wählen diese Form der Rechtfertigung. So rechtfertigt Danton die Septembermorde mit dem klassischen Argument »Brett des Karneades«:

zwei Feinde auf einem Brett, wir oder sie, der Stärkere stößt den Schwächeren hinunter, ist das nicht billig [...]. (II/5 Danton) Danton’s Tod

Und Robespierre wählt als Rechtfertigung das Bild einer vorwärts drängenden Masse:

Wer in einer Masse, die vorwärts drängt stehen bleibt, leistet so gut Widerstand als trät’ er ihr entgegen; er wird zertreten [...]. (I/6 ) Danton’s Tod

Büchner zeigt allerdings, dass auch das Notwehrargument anfällig für sophistische Auslegungen ist. Barrères Versuch, seine Zugehörigkeit zum Wohlfahrtsausschuss vor sich selbst zu rechtfertigen, mag das belegen:

 

Als die Septembriseurs in die Gefängnisse drangen, faßt ein Gefangner sein Messer, er drängt sich unter die Mörder, er stößt es in die Brust eines Priesters, er ist gerettet!
Wer kann was dawider haben?
Ob ich mich nun unter die Mörder dränge, oder mich in den Wohlfahrtsausschuß setze, ob ich ein Guillotinen oder ein Taschenmesser nehme? Es ist der nämliche Fall […]. (III/6) Danton’s Tod

5. Politische Differenzen

In der Danton-Rezension Karl Gutzkow, Phönix-Rezension zeigte sich Gutzkow mehr beeindruckt von Büchners sprachlicher Meisterschaft, seinem »Witz und Humor« und der dargestellten »Fülle von Leben« als von seiner »Auffassung des Stoffes«, also dem Inhalt des Dramas. In seinem Inhaltsreferat entwarf er ein Schema von Revolutionsgeschichte, das die Rolle des Volkes im Revolutionsgeschehen ignoriert. Die Französische Revolution war demnach zunächst dominiert von den Girondisten, den »Römern der Revolution«, deren Handeln »durch einige Prinzipien« und »erhabenen Enthusiasmus« bestimmt war und die eine »Revolution ohne Massen« wollten. Ihnen folgten mit den Dantonisten die »Griechen« der Revolution, Griechen allerdings mit »Blut an den Händen«, dem »Blut des Septembers, das nicht vergossen wurde, um zu strafen, sondern um zu schrecken«. »Die dritte Phase der Revolution«, so Gutzkow weiter, »war die religiös-fanatische Robespierres. Die Revolution war ein Cultus geworden und hatte ihre Altäre, ihre Dogmen, ihre Ceremonie.« Robespierre habe die Revolution »für eine Offenbarung, welche ganz außer dem Bereiche des menschlichen Willens läge, also für die Vorsehung und die Gottheit selbst«, gehalten.

Über die blutigen Phasen der Revolution urteilt in der Szene I/4 der Dantonist Lacroix:

man hat die Atheisten und Ultrarevolutionärs aufs Schaffott geschickt; aber dem Volk ist nicht geholfen es läuft noch barfuß in den Gassen und will sich aus Aristocratenleder Schuhe machen. Danton’s Tod

Diese Tatsache, dass in Danton‘s Tod den Politikern mit den Pariser Sansculotten selbständige Menschen mit eigenen Bedürfnissen und Machtansprüchen gegenüberstehen, nahm Gutzkow in seine Dramenanalyse nicht auf. Dies deutet auf den wohl gravierendsten Unterschied zwischen Büchners und Gutzkows politischen Auffassungen.

In seinen Briefen wies Büchner gelegentlich auf diesen Unterschied in der politischen Einschätzung hin. Gutzkow und seine Freunde – so Büchners Kritik – hätten unrealistische Vorstellungen vom Einfluss der Intellektuellen und schätzten auch deren parteiliche Interessen falsch ein. Anfang September 1835 schrieb Büchner an Gutzkow:

das Verhältniß zwischen Armen und Reichen ist das einzige revolutionäre Element in der Welt, der Hunger allein kann die Freiheitsgöttin und nur ein Moses, der uns die sieben ägyptischen Plagen auf den Hals schickte, könnte ein Messias werden [...]. Anfang September 1835. An Karl Gutzkow in Frankfurt am Main

Und im Brief vom Anfang Juni 1836 schrieb er:

Uebrigens; um aufrichtig zu sein, Sie und Ihre Freunde scheinen mir nicht grade den klügsten Weg gegangen zu sein. Die Gesellschaft mittelst der Idee, von der gebildeten Klasse aus reformiren? Unmöglich! Unsere Zeit ist rein materiell, wären Sie je directer politisch zu Werke gegangen, so wären Sie bald auf den Punkt gekommen, wo die Reform von selbst aufgehört hätte. Sie werden nie über den Riß zwischen der gebildeten und ungebildeten Gesellschaft hinauskommen. [8] Etwa 1. Juni 1836. An Karl Gutzkow in Framkfurt am Main

Im Konfliktfall – so Büchner – werde »die gebildete und wohlhabende Minorität« sich immer einem Bündnis mit der »großen Klasse«, also dem armen und ungebildeten Teil der Bevölkerung, verweigern.

Als Antwort auf diese Kritik wiederholte Gutzkow im Brief vom 10. Juni seinen Rat, Büchner solle seine Kräfte nicht der Politik, sondern der Literatur widmen, und gab als Begründung: »unter Umständen, wie die heutigen, wo die Massen schwach sind«, könne »das Tüchtige nur aus runden u vollkommenen Individualitäten geboren werden«. 10. Juni 1836. Von Karl Gutzkow nach Straßburg Das war sicher nicht Büchners Einschätzung, der zehn Tage zuvor geschrieben hatte, man solle »die Bildung eines neuen geistigen Lebens im Volk suchen«.

6. Der Briefwechsel Gutzkow–Büchner

Von den 25 Briefen an Büchner, die uns vorliegen, stammen dreizehn von Gutzkow und sieben von Eugen Boeckel. Der geringfügige Rest sind fünf Briefe von einzelnen Personen. Von Büchners Briefen an Boeckel hat sich nur einer erhalten. von den vermutlich elf Briefen Büchners an Gutzkow sind immerhin fünf erhalten, und bei den übrigen lässt sich der Inhalt anhand der Gegenbriefe und der Briefe an die Eltern in Grundzügen erschließen.

Dieser Briefwechsel erstreckte sich über den Zeitraum vom 21. Februar 1835 bis zum 10. Juni 1836, also über fünfzehneinhalb Monate. Die ersten drei bzw. vier Briefe betrafen das dringliche Problem der Verlagsverhandlungen zu Danton’s Tod und wuden innerhalb von neun Tagen gewechselt. Lässt man sie außer Acht, so ergibt sich für das restliche Jahr 1835 eine Frequenz von etwa einem Briefwechsel pro Monat. In der ersten Jahreshälfte 1836 schrieben die Partner noch einmal jeweils zwei Briefe. Die folgende Funkstille von acht Monaten bis zu Büchners Tod kann – muss aber nicht – auf eine wachsende Entfremdung der Briefpartner hindeuten. Gutzkow, der von Büchners Tod in der Presse erfuhr, hat die »Pause« in der Korrespondenz damit erklärt, dass er, Gutzkow, am 8. Juli 1836 heiratete, während Büchner sich auf seine Tätigkeit als Privatdozent in Zürich vorbereitete. LZ-4570 Karl Gutzkow: Ein Kind der neuen Zeit

da tritt eine kleine Pause ein, der Eine bestellt sein Haus, der Andre rüstet sich zu einer Reise und neuen Lebensbahn. Der Briefwechsel stockt. Man ist ohne Sorge über den still fortglimmenden Freundschaftsfunken und tritt eines Tages an einen Ort, wo sich das Echo der tausend Tagesgerüchte, der Irrthümer und der Verfolgungen in Zeitungen durchkreuzt. Man ergreift sorglos eine derselben und liest, daß der Freund, der hoffnungsvolle, strebende, muthige, schon seit Monaten hinübergegangen ist in das Reich des Friedens […].

In weiten Teilen folgt der Briefwechsel dem üblichen Schema der Autor-Verleger-Korrespondenz. Erörtert wurden Probleme der Drucklegung von Danton’s Tod (Honorar, Redaktion, Publikationstermine), die Aufforderung an den Autor, Weiteres zu publizieren, die Beteiligung an der Zeitschrift Deutsche Revue, Informationen über die Aufnahme von Danton’s Tod 28. September 1835. Von KarlGutzkow nach Straßburg sowie über Intrigen gegen den Autor in seinem Freundeskreis. 28. August 1835. Von Karl Gutzkownach Straßburg Umgekehrt suchte Büchner Gutzkows Verbindungen zum literarischen Markt zu nutzen. Er bat Gutzkow um Vermittlung einer Druckgelegenheit zugunsten seines Straßburger Freundes Johann Wilhelm Baum 7. April 1835. Von Karl Gutzkow nach Straßburg und später um eine (günstige) Rezension für eine Publikation seiner Freunde August und Adolph Stöber .Ende November 1835. An Karl Gutzkow in Frankfurt am Main

Gutzkow hatte über Büchner Informationen durch Dritte, so die richtige, dass Büchner ein Verhältnis zu einer Straßburgerin hatte6. Februar 1836 von Karl Gutzkow nach Strassburg, so auch die falsche, dass Büchner in den Frankfurter Wachensturm verwickelt war oder dass Büchner das Medizinstudium erst spät in Straßburg aufgegeben habe. Er erhielt einen Teil dieser Informationen vermutlich durch den Kreis um den Buchhändler Meidinger in Frankfurt-Rödelheim, aus dessen Familie seine Frau stammte.

Besonders eng wurde das Verhältnis der Briefpartner, als auch Gutzkow ein Opfer der Staatsmacht wurde. Angesichts seiner bevorstehenden Verhaftung erwog er im November 1835 zunächst die Flucht, wandte sich deshalb an einen Freund in Frankreich und teilte diesem Büchners Postadresse in Straßburg mit. 4. Dezember 1835. Von Karl Gutzkow nach Straßburg Und Büchner, der sonst nichts von Gutzkows persönlichen Verhältnissen, zum Beispiel nichts von seinen Heiratsabsichten in Frankfurt, wusste, war bestens über Gutzkows Mannheimer Gefängnis informiert. Es gelang ihm, einen auf das Format von 26 x 33 mm zusammengefalteten Brief ins Mannheimer Gefängnis zu schmuggeln. Nach Mitte Januar 1836. An Karl Gutzkow in Mannheim In diesem Brief machte sich Büchner sehr ernsthafte Sorgen um Gutzkows Schicksal nach seiner Entlassung. Er befürchtete vermutlich dessen Überstellung in das preußische Justizsystem. Gutzkow, der aufgrund seiner Verurteilung einen Teil seiner bisherigen Freunde verlor, beschrieb Büchners mehr als freundschaftliche Fürsorge später so: LZ-4570 Karl Gutzkow: Ein Kind der neuen Zeit

Allein auch in Mannheim blieb Georg Büchner dem Freunde treu. Seine Besorgniß irrte um die Haft, welche ihn traf, wie eine Braut umher. Er wandte List über List an, um ihm zu rathen und gleichsam aus der Ferne mit einem Tuche zu winken. Er kannte die Lokalität und schilderte sie mit einer Einbildungskraft, als wär’ er selbst zugegen.

7. Postmortem

LZ 4560 Wilhelm Schulz: NekrologDie Gutzkow zugängliche Zeitschrift, die Wilhelm Schulz' Züricher Nachruf auf Büchner nachdruckte, erschien am 22. Mai 1837. Unmittelbar darauf, ab dem 12. Juni, publizierte Gutzkow seinen Nachruf Ein Kind der neuen Zeit und darin Büchners Briefe an ihn. An entscheidenden Stellen folgte er nicht den Informationen des Züricher Nachrufs, sondern seinen eigenen Erinnerungen und Vermutungen. So vermutete er, Büchner habe über Jacob Lenz eine Komödie geschrieben. Leonce und Lena erwähnte er gar nicht, LZ-4570 Karl Gutzkow: Ein Kind der neuen Zeit und Büchners Brief vom Juni 1836 glaubte er entnehmen zu können, dass Büchner »sich auf die abstrakte Philosophie geworfen« habe, nicht aber auf die Vergleichende Anatomie. Erst eine Paketsendung Minna Jaeglés, die Abschriften von weiteren Büchner-Briefen sowie von Lenz und Leonce und Lena enthielt, belehrte ihn eines Besseren. Gutzkow plante mit dem Zugesandten und weiteren Lebenzeugnissen eine mit Werkzitaten angereicherte Büchner-Biographie zu verfassen. Da niemand auf seinen öffentlicher Aufruf, ihm weiteres Material zu Büchner zu schicken, reagierte, ließ er das Projekt fallen. Stattdessen druckte er weite Teile von Leonce und Lena sowie die vermutlich von ihm selbst zu einer Erzählung zusammengefügten »Bruchstücke« des Lenz in seiner Zeitschrift Frankfurter Telegraph im Juni 1838 bzw. Januar 1839. WZ 718 Karl Gutzkow: Vor- und Nachbemerkung zu „Leonce und Lena“, Mai 1838 An dem Lustspiel, das er als romantische Komödie in der Nachfolge Brentanos las, fand er wenig Gefallen. Die Erzählung pries er dagegen als Bestätigung seiner überschwänglich positiven Beurteilung von Danton’s Tod. WZ 710 Karl Gutzkow, Vorwort und Nachbemerkung zu Büchners „Lenz. Eine Reliquie von Georg Büchner“; Januar1839

Da ist Alles mitempfunden, aller Seelenschmerz mitdurchrungen; wir müssen erstaunen über eine solche Anatomie der Lebens- und Gemüthsstörung. G. Büchner offenbart in dieser Reliquie eine reproduktive Phantasie, wie uns eine solche selbst bei Jean Paul nicht so rein, durchsichtig und wahr entgegentritt. Wir möchten den Verf. des Büchner’schen Nekrologs im ›Conversations-Lexicon der Gegenwart‹ fragen, ob er nach Mittheilung dieses Lenz nun noch glaubt, daß wir die Gaben des zu früh Dahingegangenen überschätzten?

Diese Hochschätzung von Danton’s Tod und der »Bruchstücke« von Lenz findet sich auch in einer sehr viel späteren Stelle, wo Gutzkow noch einmal Büchners »seltenes poetisches Talent« hervorhebt. [9]

Das Woyzeck-Drama das Gutzkow noch in Karl Emil Franzos' Textfassung kennenlernte, hielt er dagegen für misslungen. Er schrieb am 7. Mai 1876 an Luise Büchner[10]:

Die gewaltigen Anläufe, die H Franzos genommen, um Ihrem Bruder ein Ehrendenkmal zu stiften, werden hoffentlich zur Vollendung kommen. Nur sollte er das Ganze ruhiger, überzeugender fassen. Diese unselige österr Feuilletonmanier! Das Aufdonnern mit Ausdrücken, selbst Gesichtspunkten! Bei dem Fragment Wozzeck, wenn es wirklich von Ihrem Bruder ist, hätte ich beischreiben mögen: 1777. Es ist der Styl der Sturm u. Drangperiode, ein Residuum der Lenz-Studien Ihres Bruders, das sein spätrer Geschmack gewiß verwarf. Wie kann man das als mustergültig für eine dramatische Begabung hinstellen? Eine ruhige Darstellung, im Style wie Strauß u Zeller, wäre überzeugender.

Zwischen Gutzkows letztem Brief an Büchner und dieser Äußerung liegen vierzig Jahre. Indem Gutzkow in Wozzeck den Einfluss des Sturm und Drang und vor allem den von Jacob Lenz wahrnahm, bewies er noch einmal sein ausgezeichnetes Gespür für literarhistorische Zusammenhänge. Indem er das Drama als bloßes »Residuum der Lenz-Studien« abtat und sogar Büchners Urheberschaft anzweifelte, zeigte er zugleich, dass er seine Fähigkeit, Büchners literarische Größe zu erkennen, eingebüßt hatte. Als umso erstaunlicher erscheint vor diesem Fehlurteil das Urteilsvermögen von Karl Emil Franzos, der mit der Entzifferung und dem Druck des Wozzeck Büchners weltliterarischen Erfolg im 20. Jahrhundert begründen half.



Anmerkungen

  • [1] Karl Gutzkow an Gustav Schlesier, 16. Januar 1835; zit. nach MBA IV, S. 269,
  • [2] Theodor Mund an Gustav Kühne; zit. nach MBA IV, S. ☻.
  • [3] Karl Gutzkow an Gustav Schlesier; zit. nach MBA IV, S. ☻.
  • [4] Vgl. hierzu Martina Lauster und David Horrocks: Büchner und Gutzkow: Affinitäten auf den zweiten Blick, in: Georg Büchner Jahrbuch 13 (2013–2015), 2016, S. 43–61, hier S. 54 f.
  • [5] Takanori Teraoka: Spuren der Götterdemokratie. Georg Büchners Revolutionsdrama "Danton's Tod“ im Umfeld von Heines Sensualismus, Bielefeld: Aisthesis 2006, darin: Gutzkow als Leser von Danton's Tod (S. 146-168). Vgl. zuvor Takanori Teraoka: Skepsis und Revolte als Grundzug von Nero und Danton‘s Tod. Zur dramatisch-motivischen Affinität der Dramen Gutzkows und Büchners, in: Georg Büchner Jahrbuch 9 (1995–99), 2000, S. 155–172.
  • [6] So Martina Lauster und David Horrocks (s. Anm. 4), S. 51.
  • [7] Karl Gutzkow: Philosophie der Geschichte, Hamburg: Hoffmann u. Campe 1836, S. 257 f.
  • [8] Ariane Martin, Im Dialog mit dem Jungen Deutschland. Büchners Briefe an Gutzkow, in: Georg Büchner Jahrbuch 12 (2009–2012), 2012, S. 165-177) vermutet, Büchner habe Gutzkows Broschüre Appellation an den gesunden Menschenverstand gelesen, in der Gutzkow ausgeführt hatte, er schreibe nicht für die Massen und seine Rede von »sozialer Revolution« bedeute eine Revolution der Ideen. Hierauf beziehe sich Büchner in seinem Brief vom Anfang Juni mit dem Satz: »Sie und Ihre Freunde scheinen mir nicht den klügsten Weg gegangen zu sein«.
  • [9] In Karl Gutzkows Beitrag »Die Familie Büchner« in: Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung Nr. 102, 20.12.1868, S. 442 heißt es: »Der älteste Sohn des selbst als Naturforscher anerkannten Arztes war jener von den Kennern der neuren deutschen Literatur wohlgeschätzte Georg Büchner, der nach den Proben eines seltenen poetischen Talentes, die er in seinem Drama »Danton's Tod« und in Novellenfragmenten gegeben hatte, für die Dichtkunst viel zu früh gestorben ist.« (zit. nach Gerhard K. Friesen: »Wir können alle gar nicht Respect genug vor Ihnen haben«. Der Briefwechsel zwischen Karl Gutzkow und Luise Büchner 1859–1876. In: Jahrbuch der Bettina von Arnim-Gesellschaft 8/9, 1996/97, S. 75-138, hier S. 84 f.) Als »seltnes poetisches Talent« bezeichnete Gutzkow Büchner auch in Unterhaltungen am häuslichen Herd NF 1 (1856), S. 303 f.
  • [10] Zit. nach Gerhard K. Friesen (s. Fußnote 9), S. 134. Luise Büchner antwortete am 31. Mai 1876 (ebd., S. 137 f): »Was Sie über die Veröffentlichung von Wozzeck sagen, hat ganz meinen Beifall, ich habe da auch die kunstvolle Auswahl vermißt, aber ich habe ja nichts dabei zu sagen.«
  • [11] In Rückblicke auf mein Leben, Berlin: Hofmann 1875  äußerte sich Karl Gutzkow zu Büchner so: »Am selben Tage hatte mir ein Flüchtling, ein Gießener Student, Georg Büchner, aus Straßburg ein Manuscript geschickt. Es war jenes an witzigen Einfällen und charakteristisch wiedergegebenen Momenten der französischen Revolution beachtenswerthe Drama: »Danton's Tod«. Der gleichfalls anwesende Buchhändler J. D. Sauerländer erbot sich sofort es zu verlegen und schickte dem von allen Mitteln entblößten, von seinem Vater zur Strafe für seine politische Gesinnung sich selbst überlassenen jungen Mann, der später in Zürich ein vielversprechender Physiolog wurde und allzufrühe starb, hundert Gulden als Honorar.«
Weiterführende Literatur:

Henri Poschmann: Am Scheidepunkt der Vormärzliteratur. Büchner und Gutzkow – eine verhinderte Begegnung, in: Helmut Bock, Renate Plöse (Hrsg.): Aufbruch in die Bürgerwelt: Lebensbilder aus Vormärz und Biedermeier, Münster 1994, S. 234–246.

Takanori Teraoka: Spuren der Götterdemokratie. Georg Büchners Revolutionsdrama "Danton's Tod“ im Umfeld von Heines Sensualismus, Bielefeld: Aisthesis 2006.

Ariane Martin: Im Dialog mit dem Jungen Deutschland. Büchners Briefe an Gutzkow, in: Georg Büchner Jahrbuch 12 (2009–2012), 2012, S. 165-177.

Martina Lauster und David Horrocks: Büchner und Gutzkow: Affinitäten auf den zweiten Blick, in: Georg Büchner Jahrbuch 13 (2013–2015), 2016, S. 43–61.

Text: Burghard Dedner, Juni 2016; zuletzt bearbeitet Dezember 2016