Darmstadt 1813–1831

1813

17. Oktober

Geburtshaus Georg Büchners

Carl Georg Büchner in Goddelau (Großherzogtum Hessen-Darmstadt) geboren.

Die Eltern sind Ernst Karl Büchner, Amtschirurg von Dornberg und Hospitalchirurg in Hofheim und seine Ehefrau, Sybille Caroline Friedericke Louise Büchner, geborene Reuß. LZ 910 Geburts- und Taufprotokoll

Georg Büchner ist das älteste von sechs Kindern des Ehepaars Büchner. Ihm folgen die Schwester Mathilde Büchner, der spätere Pharmazeut, Fabrikant und Politiker Wilhelm Büchner, Luise Büchner, die sich als Schriftstellerin und Frauenrechtlerin einen Namen machen wird, der Arzt, Naturwissenschaftler und Philosoph Ludwig Büchner und Alexander Büchner, späterer Sprachlehrer und Literaturprofessor an der Universität von Caen.

1816

Amtlicher Meldebogen der Familie Büchner

Herbst

Die Familie Büchner siedelt in die nahe gelegene Residenzstadt Darmstadt um, wo Ernst Büchner eine Stelle als Amts- und Stadtchirurg, später (ab 1817) als Medicinalassessor und (ab 1825) als Großherzoglicher Medizinalrat antritt.

In Darmstadt zieht die Familie mehrfach um: LZ 950 Alexander Büchner 1900Wohnhaus der Familie Büchner zunächst in eine Dienstwohnung in der Hospitalstraße (der späteren Grafenstraße) beim Städtischen Krankenhaus, 1819 an den Marktplatz, 1821/22 zum heutigen Ludwigsplatz, 1825 kauft sie schließlich das „geräumige Haus“ in der Grafenstraße 39. Mit im Haus wohnt die Großmutter Luise Philippine Reuß (geb. Hermani), die sogenannte „Rokokogroßmutter“.


1821

Herbst*

LZ 980 Carl Weitershausen

Aufnahme in die kurz zuvor in Darmstadt neu eröffnete „Privat-Erziehungs- und Unterrichts-Anstalt für Knaben“ des Dr. Carl Weitershausen

Bis zur Einschulung hatte Büchner Elementarunterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen durch seine Mutter, Caroline Büchner, erhalten. In Weitershausens Schule, einem, wie der Darmstädter Gymnasiast Wilhelm Hamm in seinen späteren Jugenderinnerungen (1881) schreibt, „wirklich glänzend eingerichtete[n] Institut“, wurden in zunächst drei, bald darauf vier Klassen rund 50 Schüler in dreizehn Fächern unterrichtet, darunter (für die Älteren) Latein, Griechisch, Französisch, seit 1825 auch Englisch, Geometrie, Naturgeschichte und Physik.

Besonderer Wert wurde in Weitershausens Schulkonzept auch auf freies Erzählen und Zeichnen gelegt sowie auf „Exerzieren unterm Gewehr mit Trommlern und Pfeifen“, „namentlich aber das Turnen […]. Überhaupt“, so Wilhelm Hamm, „hatte das ganze Institut einen freigeistigen, demagogischen Anstrich.“

1825

25. März

Georg Büchner legt gemeinsam mit acht anderen Gymnasiumsanwärtern die Abschlussprüfung ab. Schulbesuch in Darmstadt

26. März

Büchner wechselt an das sogenannte „Pädagog“, das großherzogliche humanistische Gymnasium in Darmstadt.Das „Pädagog“

Er wird dort nach einer schriftlichen und einer mündlichen Prüfung unmittelbar in die Tertia (also in die zweite, nicht die erste Klasse, Quarta) eingestuft. Ostern 1826 wird Büchner in die Sekunda versetzt, um im Herbst 1827 in die Prima aufzurücken. Ab Herbst 1829 bis zum Schulabschluss am 30. März 1831 gehört Georg Büchner der Selekta, der obersten Schulstufe, an.

Das Darmstädter „Pädagog“, in dessen fünf Klassen etwas mehr als 250 Schüler unterrichtet wurden, ist zu Büchners Schulzeit nicht nur eines der bedeutendsten Gymnasien des Großherzogtums Hessen, sondern auch eines der wichtigsten „teutschen“ Gymnasien überhaupt. Obgleich hier auch neue Fremdsprachen, namentlich Italienisch, Französisch und Englisch, unterrichtet werden, liegt der Schwerpunkt des Unterrichts auf alten Sprachen und Rhetorik. Im Jahr 1827 gliedern sich die Fächer in „I. Sprachen: 1) Hebräisch. 2) Griechisch. 3) Lateinisch. 4) Französisch. 5) Deutsch. II. Wissenschaften: 6) Encyklopädie der Wissenschaften und Literärgeschichte. 7) Religion. 8) Geographie und Geschichte. 9) Mathematik. 10) Naturkunde. III. Künste: 11) Zeichnen. 12) Kalligraphie. 13) Singen.“ Schulbesuch in Darmstadt

Juli/August

Zum Geburtstag des Vaters verfasst Büchner eine (als Fragment erhaltene) Erzählung über die „wunderbare Rettung Schiffbrüchiger“. Unsere Zeit

1828–1830*

 

Zur „liebsten Lectüre“ von Ernst Büchner gehörte es, die während der Napoleonischen Kriege „erlebten Ereignisse in der später erscheinenden Zeitschrift ‚Unsere Zeit‘ zu repetiren und zu ergänzen.Vielfach wurden diese Abends vorgelesen“, und alle Familienmitglieder „nahmen […] den lebhaftesten Antheil daran.“ Georgs Bruder Wilhelm   LZ 3440 Wilhelm Büchner Dezember 1878 demonstrierte hiermit später den „ohnehin freien Geist der Familie“ und erblickte in der Lektüre von Unsere Zeit – tatsächlich die Hauptquelle für Danton’s Tod Einleitung zu Danton’s Tod  – ein „Entstehungsmoment“ für das Revolutionsdrama.

1828

26. Mai

LZ 1140 KirchenbuchKonfirmation Georg Büchners in der Darmstädter Stadtkirche durch den Pfarrer Heinrich Philipp Ludwig. Schulbesuch in Darmstadt

Frühjahr

Büchner  und andere Schüler treffen sich „an Sonntagnachmittagen im Sommer“ (Luck) zur gemeinsamen Shakespeare-Lektüre. Büchner und Shakespeare

Dem Kreis gehören neben Georg Büchner auch Ludwig Wilhelm Luck LZ 1220 Luck an Franzos, Friedrich Zimmermann LZ 1200 Friedrich Zimmermann an Franzos und Georg Zimmermann, Karl Neuner sowie Karl Minnigerode an.

Weihnachten

Gedicht Die Nacht (für die Eltern). Schülerschriften

1829

August

Gedicht „Gebadet in des Meeres blauer Flut“ (zum Geburtstag der Mutter). Schülerschriften 

Um diese Zeit (1829/30) entsteht auch das Gedicht „Leise hinter düstrem Nachtgewölke“. Schülerschriften


Herbst/Winter*

Büchner schreibt einen Schulaufsatz zum Thema „Helden-Tod der vierhundert Pforzheimer“ Schülerschriften Schulbesuch in Darmstadt über einen historisch nicht nachgewiesenen Akt von heroischer Aufopferung Pforzheimer Bürger in der Schlacht bei Wimpfen im Mai 1622. Georg Büchner, ein „Vergötterer der Revolution“ Der Aufsatz enthält teils sinngemäße, teils wörtliche Übernahmen aus Johann Gottlieb Fichtes „Reden an die deutsche Nation“ (1808) und Johannes von Müllers Abhandlung über „Das Reich der Teutschen“ (1787), aber auch Anleihen an eine Rede Robespierres.

1830

Sommer*

Büchner rezensiert für den Unterricht den Schulaufsatz eines Mitschülers über den Selbstmord. 

29. September

Bei einer öffentlichen Schulfeier („Redeactus“) hält Büchner eine „Rede zur Verteidigung des Cato von Utika“ (95 v. Chr. ‑ 46 v. Chr.) Schülerschriften in der es heißt, Cato habe den Freitod wählen müssen, weil er nach dem Sieg Cäsars „nirgends mehr ein Asyl fand für die Göttin seines Lebens“, für „die Sache der Freiheit.“

Auf derselben Schulfeier hält der Direktor Carl Dilthey LZ 1155 Carl Dilthey 1830 eine Rede zum Regierungsantritt des Großherzogs Ludwig II.

In jener Zeit zeigt sich in Büchners Äußerungen eine zunehmende Radikalität in der Tradition der Französischen Revolution. LZ 1220 Ludwig Wilhelm Luck 1878 Er und der „in Excentricität mit ihm wetteifernde“ Karl Minnigerode grüßen sich „in der letzten Gymnasialzeit nur mit den Worten […]: Bon jour, citoyen.“Schulheft Büchners

1831

März

Büchner füllt die letzten Seiten seines Schulheftes mit eigenen Einfällen.

Hierzu gehören Invektiven gegen den Lehrer („Gelehrte Dungkaute!“ [= Misthaufen]) und Zitate teilweise erotischen Inhalts aus Volksliedern, Faust I und Shakespeares Dramen. Außerdem notiert Büchner eine Reihe von Versen aus dem „Großen Lied“, unter anderem: „Auf die Posaunen erklingen, / Gräber u. Särge zerspringen, / Freiheit steht auf.“ Schulbesuch in Darmstadt Verfasser dieses aus den 1810er Jahren stammenden lyrischen Manifestes ist Karl Follen, ein Anführer der radikalen Studentengruppe der „Gießener Schwarzen“. Das „Lied“ prophezeit die christlich-republikanische Erneuerung Deutschlands und ruft zum Fememord an den Fürsten auf.

30. März

Beim „Gymnasial-Redeactus“ zu Abschluss des Wintersemesters trägt Büchner in lateinischer Sprache die von ihm ausgearbeitete „Rede des Menenius Agrippa an das römische Volk auf dem heiligen Berge“ vor. Grundlage ist die aus Livius’ Ab urbe condita (Buch II, Kap. 32) bekannte Parabel vom Aufstand der Glieder des Körpers gegen den Magen.

Ausstellung des Abschluss-Zeugnisses („Exemtions-Scheines“) durch den Direktor der Schule, Dr. Carl Dilthey. LZ 1190 Carl Dilthey, Exemtionsschein Er schreibt über Büchner:

„[...] von seinem klaren und durchdringenden Verstande hegen wir eine viel zu vortheilhafte Ansicht, als dass wir glauben könnten, er würde jemals durch Erschlaffung, Versäumnis oder voreilig absprechende Urtheile seinem eigenen Lebensglück im Wege stehen.“

Frühjahr bis Herbst

Zu Büchners Beschäftigungen in dieser Zeit ist nichts überliefert. Möglicherweise besucht er Kurse, die sein Vater Ernst Büchner LZ 370 Ernst Büchner 1830 seit 1827 im Darmstädter Krankenhaus für „junge Leute“ anbot, „deren Verhältniße es ihnen nicht erlaubten eine öffentliche Lehranstalt zu besuchen“.

5. September

Büchners Vater ersucht beim großherzoglichen Ministerium des Innern und der Justiz um die Befreiung des Sohnes vom biennium academicum, das „Landeskinder“, LZ 1280 Dispensation 1831 die von „Landespädagogien oder Gymnasien“ auf die Universität wechselten, verpflichtete, die ersten zwei Jahre der Studienzeit an der Landesuniversität zu verbringen. Das Ministerium „willfahrt“ dem Gesuch mit einem „Dispensationsschein“ vom 9. September.