1.5. Privatdozent in Zürich 1836/37

Die Universität Zürich

Die Züricher Universitas Turicensis, an der Büchner am 5. November 1836 seine Probevorlesung zur Aufnahme als Privatdozent hielt und am 15. November mit Vorlesungen über vergleichende Anatomie begann, bot insgesamt gute Arbeitsbedingungen für den Asylanten Büchner. Sie war erst wenige Jahre zuvor, am 29. April 1833, von der neuen liberalen Regierung Zürichs feierlich eröffnet worden und war die erste Universität in Europa, die nicht von der Kirche oder einem Landesfürsten, sondern durch ein demokratisches Staatswesen ins Leben gerufen wurde. Die Universität fasste die bereits zuvor bestehenden Höheren Schulen für Theologie, Jurisprudenz und Medizin mit einer neu gegründeten Philosophischen Fakultät zusammen. Im ersten Semester waren 161 Studenten immatrikuliert, davon 16 im Fach Theologie, 26 in der Jurisprudenz, 98 im Fach Medizin und 21 in der Philosophie. 1833 waren insgesamt 26 Professoren und 29 Privatdozenten an der Züricher Universität tätig. (vgl. Universität Zürich. Festgabe zur Einweihung der Neubauten, 18. April 1914. Dem Zürcher Volke gewidmet von der Dozentenschaft der Universität. Zürich 1914). Etliche unter den neuberufenen Professoren stammten aus Deutschland und waren aus politischen Gründen in die Schweiz emigriert. Das gilt auch für den ersten Rektor der Universität, den Naturforscher, Philosophen und vergleichenden Anatomen Lorenz Oken. LZ 4260 Ludwig Büchner Er soll von Georg Büchners Probevorlesung derart „entzückt“ gewesen sein, dass er den Studenten seine Lehrveranstaltungen „vom Katheder herab“ empfahl und auch „seinen eigenen Sohn in dieselben“ schickte. Insgesamt soll Büchner in den Kreisen der Universität „ auf das Zuvorkommendste aufgenommen“ worden sein, und „man hatte sogar im Züricher Erziehungsrathe die Absicht, sehr bald für ihn eine Professur der vergleichenden Anatomie zu creiren.“

Promotion und Habilitation

Abfassung und Druck des „Mémoire“ 1835/36 Auf die Privatdozentur an der Universität Zürich, die ihm am 15. November 1836 verliehen wurde, hatte Büchner seit mindestens dem Herbst 1835 hingearbeitet. Am 2. November 1835 meldete er „beste Nachrichten“ in Hinsicht auf eine Promotion und Anstellung an der „Züricher Facultät“. 2. November 1835 An die Eltern in Darmstadt Die Eltern hatte er also von diesem Plan schon zuvor informiert. Er rechnete zunächst mit einer Promotion „noch vor Neujahr“ 1835 und der Privadocentur zu Ostern 1836. Die Ausweitung der Dissertation und die Möglichkeit zu deren Drucklegung verzögerten diesen Plan um ein halbes Jahr.

Etwa am 25. Juli schrieb Büchner dem nach Zürich emigrierten Georg Geilfus, er beabsichtige dem „Dekan der philosophischen Fakultät Baiter […] [s]eine Abhandlung nebst Doctorgebühren“ zu schicken und dann „im October in Zürich“ zu sein, LZ 3940 Philosophische Fakultät, Protokoll um dort „nächsten Winter [s]einen Kurs über Philosophie zu lesen“. Etwa 25. Juli 1836 An Georg Geilfus in Zürich Am 3. September verlieh ihm die Philosophische auf Grund der eingereichten Abhandlung die Doktorwürde.

LZ 4260 Ludwig Büchner 1850 Außerdem lud sie ihn ein, sich um eine Privatdocentur zu bewerben.

Nach Erledigung einer nicht unerheblichen Menge an Formalia bewarb sich Büchner am 26. September um Zulassung zur „Probevorlesung“ an der Universität Zürich. 26. September 1836. An das Präsidium des Erziehungsrats des Kantons Zürich Sie wurde ihm am 1. Oktober bewilligt.

Am 18. Oktober reiste Büchner in die Schweiz ein LZ 4260 Ludwig Büchner 1850 und am 24. Oktober fand er eine Unterkunft im Haus des Medizinprofessors Hans Ulrich Zehnder in der Steingasse (heute Spiegelgasse) 12. Mit dem Dekan Johann Georg Baiter einigte er sich, dass er im Wintersemester über Vergleichende Antaomie lesen werde.

Am Vormittag des 5. November hielt er „vor einem sehr zahlreichen Publikum“ und zum „allgemeinsten Beifall“ seine „Probevorlesung“ Probevorlesung über Schädelnerven Einleitung zu Probevorlesung und LZ 4140 Akademischer Senat, Protokoll am Nachmittag desselben Tages erteilte ihm der Erziehungsrat der Züricher Universität die „Bewilligung, als Privatdozent an der Züricher Hochschule aufzutreten“, die der akademische Senat der Universität Zürich „wegen der Dringlichkeit“ am 23. November bestätigte.

Am 15. November begann Büchner mit seiner Vorlesung über vergleichende Anatomie („Zootomische Demonstrationen“). Sein erstes Berufsziel hatte er erreicht.

Anatomie und Philosophie

Studien in Gießen und Darmstadt 1833–1835 Vermutlich seit dem Gießener Studienjahr arbeitete Büchner nebeneinander und mit anscheinend gleicher Intensität in den Fächern Vergleichende Anatomie und Philosophie. Anscheinend glaubte er, als akademischer Lehrer beide Fächer vertreten zu können.

Im Herbst 1835 suchte er nach einem geeigneten Dissertationsthema in einem der beiden Fächer, fand eines in Vergleichender Anatomie und entschied sich hierfür. Sobald die Dissertation abgeschlossen war, arbeitete er wieder im Fach Philosophie. Seinem Bruder Wilhelm schrieb er am 2. September, er beabsichtige „in Kurzem“ in Zürich „Vorlesungen […] über die philosophischen Systeme der Deutschen seit Cartesius und Spinoza […] halten.“ 2. September 1836. An Wilhelm Büchner

LZ 4260 Ludwig Büchner 1850 Dass Büchner seine Lehre im Fach Anatomie aufnahm, geschah auf Drängen des Dekan Baiter und in Hinsicht auf das Lehrangebot für das schon angelaufene Wintersemester. Da „Professor Bobrik bereits philosophische Vorlesungen angekündigt hatte, so sparte er, um Collisionen zu vermeiden, diesen Plan für das folgende Sommersemester auf und entschloß sich zur vergleichenden Anatomie.“

LZ 4170 Universität Zürich, Plan der Vorlesungen Als Ludwig Büchner dies schrieb, wusste er anscheinend nicht, dass Georg auch im dann folgenden Sommersemester nicht zur Philosophie zurückgekehrt wäre. Tatsächlich meldete er – vermutlich Ende Januar – bereits für das Sommersemester das Thema seiner Lehrveranstaltung an: Es hieß „Vergleichende Anatomie der Wirbelthiere“.

7.5. Burghard Dedner: Vater-Sohn-Konflikt IIBüchners Annahme, er werde beide Fächer vertreten können, wurde von seinem Vater nicht geteilt. Ernst Büchner gab den Rat, das Philosophieprojekt zugunsten der Vergleichenden Anatomie aufzugeben. Der Sohn werde „darin am ersten einen festen Fuß fassen und [s]ich am ehrenvollsten emporhelfen können.“ 30. Oktober 1836. Von Caroline Büchner nach Zürich

LZ 4260 Ludwig Büchner 1850 Auch die Kollegen in der Fakultät sahen in Büchner anscheinend den Anatomen. Er befreundete sich mit Professoren der medizinischen Fakultät wie dem Anatomieprofessor Friedrich Arnold und dem Mediziner Johann Lukas Schönlein sowie mit dem Naturwissenschaftler und Naturphilosophen Lorenz Oken, der anscheinend für sich eine Arbeitsteilung mit Büchner vorsah. Ein Besucher Zürichs berichtet: Oken „selbst liest nicht vergleichende Anatomie; dies trägt ein junger Privatdocent Dr. Büchner […] vor“ (zit. nach Marburger Büchner Ausgabe VIII, S. 215). Zufolge einer nicht verifizierbaren Mitteilung Ludwig Büchners hatte man „sogar im Züricher Erziehungsrathe die Absicht, sehr bald für ihn eine Professur der vergleichenden Anatomie zu creiren.“

LZ 4235 Lüning an Franzos 9. November 1877 August Lüning, der als Medizinstudent im vierten Semester Büchner 1836 in Zürich kennengelernt hatte, notierte hierzu in einem Brief an Karl Emil Franzos vom 9. September 1877 Folgendes: „Wir erfuhren unter anderm von ihm, daß er bis vor Kurzem noch ungewiß gewesen war, ob er sich der spekulativen Philosophie (über Spinoza hatte er eingehende Studien gemacht) oder der beobachtenden Naturwissenschaft zuwenden solle; nun habe er sich aber definitiv der letzteren gewidmet.“

Büchner als akademischer Lehrer

LZ 4235 Lüning an Franzos 9. November 1877 Über den akademischen Lehrer Büchner liegen zwei aus dem Abstand von über vierzig Jahren geschriebene Berichte von studentischen Hörern vor. August Lüning schreibt von Büchners „Vorlesungen über vergleichende Anatomie der Fische u. Amphibien“ vor „circa 20 Zuhörern“. Diese Zahl kann sich nur auf die Probevorlesung beziehen; für die „Zootomischen Demonstrationen“ ist sie auszuschließen. Glaubwürdig sind dagegen folgende Erinnerungen:

„Der Vortrag Büchner’s war nicht geradezu glänzend, aber fließend, klar u. bündig; rhetorischen Schmuck schien er fast ängstlich, als nicht zur Sache gehörig, zu vermeiden; was aber diesen Vorlesungen vor allem ihren Werth verlieh, u. was dieselben für die Zuhörer so fesselnd machte, das waren die fortwährenden Beziehungen auf die Bedeutung der einzelnen Theile der Organe u. auf die Vergleichung derselben mit denen der höheren Thierklassen, wobei sich B. aber von den damaligen Uebertreibungen der s. g. naturphilosophischen Schule (Oken, Carus u. s. w.) weislich fern zu halten wußte; – das waren ferner die ungemein faßlichen, anschaulichen Demonstrationen an frischen Präparaten, die B., bei dem völligen Mangel daran an der noch so jungen Universität, sich größtentheils selbst beschaffen mußte.“

LZ 4230 von Tschudi an Franzos 2. November 1877Der andere Zeuge, Johann Jacob von Tschudi, äußerte sich folgendermaßen: „Es meldeten sich nur drei Zuhörer: zwei deutsche Flüchtlinge und ich. Büchner las sein Collegium dreimal woechentlich von 2–3 Uhr auf seinem Zimmer“, und er, von Tschudi, sei „meistens einziger Zuhörer“ gewesen, da seine „Commilitonen im Besuche desselben sehr laessig“ waren. Zum Inhalt der Vorlesung heißt es:

„Büchner hatte seine Vorlesungen mit der Osteologie und mit derselben Hand in Hand gehend, dem Nervensysteme der Fische begonnen. Er hielt sich dabei ganz an seine kurz vorher in den Verhandlungen der naturforschenden Gesellschaft zu Strassburg gedruckte Arbeit ›Mémoire sur le système nerveux du barbeau (Cyprinus barbus). Sein Vortrag war immer animirt u reich an geistreichen Bemerkungen, besonders wenn er die laengst aufgegebenTheorie von der Wiederholung der Wirbelbildung im knoechernen Schaedel entwickelte. Er gab mir gewöhnlich seine Hefte um Auszüge daraus zu machen. Der Barbenschaedel, der ihm für seine Abhandlung u seine Demonstrationen gedient hatte, befindet sich noch heute in meinem Besitze.
Büchner huldigte der von Oken inaugurirten philosophischen Anschauung der Naturforschung ohne jedoch die Excentricitaeten jenes genialen Naturphilosophen zu billigen. Beide Maenner waren befreundet u Oken aeusserte sich mir gegenüber er sei überzeugt Büchner werde mit der Zeit auch als Naturforscher Bedeutendes leisten.“

LZ 4235 Lüning an Franzos 9. November 1877 Über Büchners weitere Pläne schrieb Lüning:

Wir erfuhren unter anderm von ihm, daß er bis vor Kurzem noch ungewiß gewesen war, ob er sich der spekulativen Philosophie (über Spinoza hatte er eingehende Studien gemacht) oder der beobachtenden Naturwissenschaft zuwenden solle; nun habe er sich aber definitiv der letzteren gewidmet.
Text: Burghard Dedner (Juni 2014); zuletzt bearbeitet Januar 2017