1.4. Abfassung und Druck des „Mémoire“ 1835/36

Inhalt
1. Auf der Suche nach einem Dissertationsthema
2. Dissertation über die Nerven der Barben
3. Vortrag und Druck des „Mémoire“ im Sommer 1836

1. Auf der Suche nach einem Dissertationsthema

Am 9. März 1835, also unmittelbar nach seiner Flucht aus Darmstadt, versicherte Büchner den Eltern, dass er auch weiterhin „das Studium der medicinisch-philosophischen Wissenschaften mit der größten Anstrengung betreiben“ werde. 9. März 1835. An die Eltern in Darmstadt

LZ 4260 Ludwig Büchner 1850 „Medicinisch-philosophisch“ bezeichnete eine Forschungsweise, die aufgrund von Fakten naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten erforschte (vgl. Marburger Büchner Ausgabe VIII, S. 190). Von dem Berufsziel des Arztes war also nicht mehr die Rede. Ludwig Büchner teilte dementsprechend mit: „Wenn er [Georg Büchner] auch die praktische Medicin entschieden aufgab, so setzte er doch die naturwissenschaftlichen Studien um so eifriger fort.“

Am 20. April 1835 schrieb Büchner, er sei „entschlossen, meinen Studienplan nicht aufzugeben“, sprach also der Familie gegenüber von seinem „Studienplan“ wie von einer bekannten und ausgemachten Sache. 20. April 1835. An die Eltern in Darmstadt Von einem solchen Plan – offenbar mit Studienabschluss im Frühjahr 1836 – hatte er Wilhelmine Jaeglé bereits Mitte März 1834 geschrieben. Mitte März 1834. An Wilhelmine Jaeglé in Straßburg Dieser Plan war vermutlich mit dem Vater abgesprochen, der im Gegenzug die Finanzierung des Studiums zugesagt hatte. In seinem Versöhnungsbrief vom 18. Dezember erinnerte Ernst Büchner daran, dass er seinem Sohn trotz seiner Verstimmung „pünctlich die nöthigen Geldmitteln, bis zu der dir bekannten Summe, welche ich zu deiner Ausbildung für hinreichend erachtete, zufließen“ ließ. Er muss demnach Georgs Lebensunterhalt auch nach der Flucht weiterhin finanziert haben, mindestens wie vermutlich vorgesehen bis zum Frühjahr 1836. 18. Dezember 1836. Von Ernst Büchner nach Zürich Werbende Angebote Karl Gutzkows, der sich für den Dichter von Danton’s Tod eine Laufbahn als Berufsschriftsteller wünschte, lehnte Büchner deshalb ab. 20. April 1835. An die Eltern in Darmstadt Philosophische Schriften und Äußerungen Stattdessen verfolgte er bis zu seiner Ankunft in Zürich seine naturwissenschaftlichen und seine philosophischen Interessen mit fast gleicher Intensität.

LZ 4260 Ludwig Büchner 1850 Büchners engere Spezialisierung auf die vergleichende Anatomie erklärte Ludwig Büchner mit „Nachrichten [...]  über die schlechte Besetzung einiger naturwissenschaftlichen Fächer“ an der Universität Zürich, der einzigen deutschsprachigen Universität in Europa, an der ein steckbrieflich verfolgter politischer Flüchtling auf eine Anstellung hoffen konnte. „Der berühmte Lauth und Düvernoy, Professor der Zoologie,“ halfen Büchner, indem sie „ihm den Gebrauch der Stadtbibliothek sowohl, als einiger bedeutenden Privatbibliotheken“ ermöglichten.

Greifbar wird der Fortschritt der Studien erstmals in einem Brief vom Oktober 1835, in dem den Eltern Büchner mitteilt, er sehe sich „eben nach Stoff zu einer Abhandlung über einen philosophischen oder naturhistorischen Gegenstand um.“ Oktober 1835. An die Eltern in Darmstadt

2. Dissertation über die Nerven der Barben

LZ 4260 Ludwig Büchner 1850 „Seine vergleichend anatomischen Studien“, so Ludwig Büchner über Georgs Arbeiten um diese Zeit, „führten ihn zur Entdeckung einer früher nicht gekannten Verbindung unter den Kopfnerven des Fisches, welches ihm die Idee gab, eine Abhandlung über diesen Gegenstand zu schreiben. Er ging sogleich an die Arbeit, und dieselbe beschäftigte ihn fast ausschließlich in dem Winter von 1835 auf 1836.“

Büchners besonderes Interesse galt um diese Zeit einer Anastomose (= Querverbindung) zwischen dem nervus vagus und dem Recurrens-Ast des nervus trigeminus. Diese nur bei der Gattung der Cyprinen auftretenden Querverbindung wurde von Büchner erstmals zureichend beschrieben und entwicklungsgeschichtlich gedeutet. Einige frühere Forscher, die dieses ungewöhnliche Phänomen ebenfalls entdeckt hatten, gaben davon so widersprüchliche und abenteuerliche Deutungen, dass Büchner im Mémoire urteilte, dass der von ihnen beschriebene Ast „allein hinreichen würde, um jede vernunftgemäße Theorie des Nervensystems unmöglich zu machen.“ („Mémoire deutsch“, zit. nach Marburger Büchner Ausgabe VIII, S. 39.)

Chirurgisches Sezierbesteck (um 1850)

Chirurgisches Sezierbesteck (um 1850)

Auf dieser Stufe war es das Ziel der Dissertation, die umstrittene Nervenverbindung adäquat so zu beschreiben, dass sie sich in einen Bauplan des Nervensystems einfügte. Die zeitgenössisch führenden Anatomen Johannes Müller und Hermann Stannius sahen hierin später das bleibende Verdienst von Büchners Arbeit (vgl. Marburger Büchner Ausgabe VIII, S. 598-601 und S. 618-626).

Anfang November 1835 hatte Büchner offenbar Gewissheit über das Untersuchungsergebnis und erhielt zugleich spezifische Informationen aus Zürich, vermutlich über die dortigen Bestimmungen für eine sogenannte „Ritual-Promotion“. Für diese hätte er nach Einreichung eines Manuskripts und der Examensgebühren eine mündliche und schriftliche Prüfung ablegen müssen (vgl. Marburger Büchner Ausgabe VIII, S. 197 f.). Den Eltern schrieb er am 2. November 1835, „es wäre möglich“, dass er nach einer „noch vor Neujahr“ erfolgten Promotion in Zürich „nächste Ostern anfangen würde, dort zu dociren“. 2. November 1835. An die Eltern in Darmstadt

LZ 4560 Schulz 1837 Wenn Wilhelm Schulz schreibt: „Im Dezember 1835 begann er die Vorarbeiten für seine Abhandlung: ‚Sur le système nerveux du barbeau‘“, so dachte er bei diesen „Vorarbeiten“ offenbar an den ersten schriftlichen Entwurf zu der Dissertation.

Barbus barbus, Tierpräparat in Alkohol

Barbus barbus (Tierpräparat in Alkohol) Vermutlich noch im Dezember 1835 erweiterte Büchner die geplante Spezialuntersuchung über die Recurrens-Äste der Cyprinen zu einer grundsätzlichen Abhandlung über das Nervensystem der Cyprinen und – hiervon ausgehend – über den entwicklungsgeschichtlich voranschreitenden neuronalen Bauplan der Wirbeltiere. Büchner gründete seine Überlegungen auf vier Grundannahmen:
1. Das Rückenmark besteht rechts und links aus je einem ventralen (dem Bauch zugewandten) und einem dorsalen (dem Rücken zugewandten) Strang. Aus dem dorsalen Strang entspringen die sensitiven, aus dem ventralen die motorischen Nervenfasern.
2. Das Hirn ist ein verlängertes Rückenmark.
3. Der Schädel ist zusammengesetzt aus sechs Wirbeln, dementsprechend gehören zur neuronalen Grundausstattung sechs Basisnerven.
4. Die Basisnerven mit je einem sensitiven und einem motorischen Strang vermehren sich oder verkümmern je nach physiologischen Erfordernissen im Rahmen bestimmter Gesetzmäßigkeiten.

Die erste dieser Annahmen, das sogenannte „Bell-Magendie-Gesetz“, wurde in den 1810er und 1820er Jahren in die europäische Diskussion eingeführt und 1831 durch Johannes Müller bestätigt. Die zweite und die dritte Annahme stehen im Zusammenhang der zeitgenössisch verbreiteten, unter anderem durch Oken und Goethe propagierten Schädelwirbeltheorie. Sie wurden 1859 als unzutreffend widerlegt.

Aufgrund der inhaltlichen Erweiterung verzögerte sich der Abschluss von Büchners Promotionsarbeit. Seinem jüngeren Bruder Ludwig schrieb er am 1. Januar 1836: „Nächstes Frühjahr gehe ich in die Schweiz.“ 1. Januar 1836. An Ludwig Büchner in Darmstadt

Sein Straßburger Freund Eugène Boeckel fragte am 16. Januar aus Göttingen offenbar in Erwartung einer positiven Antwort: „ist die Dissertation geschrieben, werden wir Dich in Zürich treffen“ (Marburger Büchner Ausgabe X.1, S. 81). Noch am 26. Januar 1836 schrieb Büchner an Wilhelm Braubach in Zürich: „Nächste Ostern bin ich definitiv in Zürich“. 26. Januar 1836. An Wilhelm Braubach in Zürich

3. Vortrag und Druck des „Mémoire“ im Sommer 1836

Erst Anfang Februar 1836 fasste Büchner demnach den Entschluss, die Habilitation auf das Herbstsemester zu verschieben und die gewonnene Zeit auf die Ausweitung der Dissertation zu verwenden. LZ 3770 Société d’histoire naturelle, Protokoll Er schloss das Manuskript im März ab und trug den Text am 13. und 20. April sowie am 4. Mai vor der „Société d’histoire naturelle de Strasbourg“ vor (Marburger Büchner Ausgabe VIII, S. 202). Ein ausführliches Sitzungsprotokoll ist das erste Zeugnis vom Inhalt der Promotionsarbeit.

Die „Société d’histoire naturelle de Strasbourg“ war am 8. Dezember 1828 als Abspaltung der „Société des sciences, agriculture et arts“ ins Leben gerufen und in den 1830er Jahren in „Société du Muséum d’histoire naturelle de Strasbourg“ umbenannt worden. Zu den Gründungsmitgliedern zählten neben Ernest Alexandre Lauth und Georges Louis Duvernoy u. a. der Anatomieprofessor Ehrmann, der Botaniker Nestler, der mit meteorologischen Beiträgen hervortretende Arzt Théodore Boeckel, Bruder von Büchners engem Freund Eugène Boeckel, und der Bergbauingenieur Louis-Philippe Voltz. Laut ihren Statuten hatte die „Société“ höchstens 25 ortsansässige Mitglieder, zu denen korrespondierende Mitglieder hinzukamen. Zu ihren Aufgaben gehörte der Druck naturwissenschaftlicher Abhandlungen (vgl. Marburger Büchner Ausgabe VIII, S. 202).

LZ 4260 Ludwig Büchner 1850 Am 18. Mai 1836, zwei Wochen nach den Lesungen also, „beschloß die Gesellschaft auf Antrag der Professoren Lauth und Düvernoy, die Abhandlung in ihre Annalen aufzunehmen und auf ihre Kosten zum Druck zuzulassen“. Zugleich ernannte sie Büchner zum „correspondirenden Mitglied“.

Noch im Mai machte Büchner das Manuskript satzfertig, so dass er am 1. Juni an Eugène Boeckel schreiben konnte: „Erst gestern ist meine Abhandlung vollständig fertig geworden“. 1. Juni 1836. An Eugène Boeckel in Wien

Mémoire sur le système nerveux du barbeau (Titelblatt)

Der Druck von Büchners Mémoire war vermutlich Ende Juli abgeschlossen, denn um den 25. Juli 1836 herum informierte Büchner seinen Freund Georg Geilfus in Zürich über seine Absicht, das Mémoire nach Zürich zu schicken. Er wollte wissen, „ob der Professor und Dekan der philosophischen Fakultät Baiter noch unter den Lebenden ist. Ich habe dem Menschen vor längerer Zeit geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Da ich nun im Begriff bin meine Abhandlung nebst Doctorgebühren an ihn zu adressiren, so möchte ich doch sicher gehn.“ Etwa 25. Juli 1836. An Georg Geilfus in Zürich

Wann Büchner zum ersten Mal an Johann Georg Baiter geschrieben hatte, ist nicht bekannt; in Frage kommen April oder vor allem Mai 1836 (vgl. Thomas Michael Mayer und Reinhard Pabst in: Erika Gillmann, Thomas Michael Mayer, Reinhard Pabst u. Dieter Wolf (Hrsgg.): Georg Büchner an „Hund“ und „Kater“. Unbekannte Briefe des Exils. Marburg 1993, S. 25).

 

Text: Burghard Dedner (Juni 2014); zuletzt geändert Dezember 2016