2.1. Sozialrevolutionäre Gesellschaften in Frankreich

Während seines Studiums in Straßburg war Büchner mit der französischen „Société des droits de l’homme“ in Berührung gekommen und möglicherweise ihr Mitglied geworden. Die „Société des droits de l´homme“ gehörte zu einer ganzen Reihe politischer Clubs, die während der Französischen Revolution eine erste und nach der Julirevolution von 1830 ihre zweite Blütezeit erlebten. Die von Büchner nach der Rückkehr nach Deutschland in Gießen und Darmstadt ins Leben gerufenen Sektionen der Gesellschaft der Menschenrechte orientieren sich in Organisationsform und politischem Programm am französischen Vorbild.

Politische Gesellschaften in der Französischen Revolution

Die bedeutendste und mächtigste politische Vereinigung während der Französischen Revolution war in Frankreich der 1789 gegründete Club der Jakobiner. Auf dem Höhepunkt seiner Ausbreitung, in den Jahren 1792 bis 1794, umfasste er etwa 6.000 Sektionen. Diese standen miteinander in Verbindung und stützten und bestimmten neben der gewählten Volksvertretung, dem Konvent, die Politik des zentralen Regierungsorgans, des Wohlfahrtsausschusses. Nach dem Sturz Maximilien Robespierres wurde der Jakobinerclub im November 1794 aufgelöst. Parallel zum Jakobinerclub entwickelte sich ab 1790 auch die – meist als „Club des cordeliers“ bezeichnete – „Société des droits de l’homme et du citoyen“ („Gesellschaft der Menschen- und Bürgerrechte“). In ihr versammelten sich anfangs radikale antimonarchische Politiker wie Jean Paul Marat, Georges Danton, Camille Desmoulins oder Jacques-René Hébert. Nach der Ausrufung der Republik 1792 wurden die Cordeliers zum Club der ultraradikalen Hébertisten. Einleitung zu Danton’s Tod Deren - in Danton's Tod mehrfach erwähnte - Hinrichtung im März 1794 bedeutete auch das Ende des Clubs. Auf die Hinrichtung der Hébertisten folgte unmittelbar die der Dantonisten, die Büchner in seinem Drama darstellt.

Die Überwachungs- und Repressionspolitik des „Direktoriums“, der nachjakobinischen Revolutionsregierung, ließ einen neuen Typ von Club entstehen, in dem die Mitglieder konspirativ, also im Geheimen, agierten. Der wichtigste dieser Clubs war die „Conjuration des égaux“, die „Verschwörung der Gleichen“. Dieser von Gracchus Babeuf 1795 aufgebaute Club existierte bis zu Babeufs Verhaftung im Mai 1796, der noch im gleichen Monat seine Hinrichtung folgte. Die „Verschwörung der Gleichen“ griff unter anderem das Recht auf Privateigentum an und wirkte mit diesem Programmpunkt auch auf die Oppositionellen der 1830er Jahre, möglicherweise auch auf die Gießener Sektion der „Gesellschaft der Menschenrechte“ (vgl. Marburger Büchner Ausgabe II.2, S. 354–373).

Die „Société des droits de l’homme“ der 1830er Jahre

In dem relativ repressionsfreien politischen Klima unmittelbar nach der Revolution vom Juli 1830 entstand in Frankreich erneut eine Reihe politischer Clubs. Der wichtigste unter ihnen war zunächst die „Société des amis du peuple“ („Gesellschaft der Volksfreunde“). Ihr Ziel war die Umwandlung des französischen Königreiches in eine Republik mit gleichem Wahlrecht für alle Bürger. Außenpolitisch rechneten die „Amis du peuple“ mit einem bevorstehenden Einmarsch zaristischer Truppen in Westeuropa. Dieser – so die Annahme – werde in Frankreich zu einem Massenaufstand, zum Sieg über das ausländische Militär und zur Errichtung der Republik führen. Büchner deutete ähnliche Vorstellungen in seinem Brief  an die Eltern vom Dezember 1831 an Dezember 1831. An die Eltern in Darmstadt , in dem er erklärte, er werde, wenn „die Russen über die Oder gehn“, mitkämpfen, und zwar notfalls auf französischer Seite.

Einzelne Vertreter der „amis du peuple“, so vor allem Auguste Blanqui (1805–1881), erweiterten das republikanische durch ein sozialrevolutionäres Programm. In seiner berühmt gewordenen Gerichtsrede vom 12. Januar 1832 erklärte Blanqui, die bestehende Gesellschaftsform sei „der Krieg zwischen den Reichen und den Armen“ („la guerre entre les riches et les pauvres“) und eine Revolution bedeute nur, dass das Volk, also die „Armen“, in diesem Krieg legitimen Widerstand leiste (vgl. Marburger Büchner Ausgabe II.2, S. 394–396). Blanqui zufolge kämpfen in diesem Krieg die Armen in erster Linie nicht um immaterielle Werte, sondern um ihre "materiellen Interessen".  

Sektionen der „Amis du peuple“ existierten auch in Straßburg (vgl. Marburger Büchner Ausgabe II.1, S. 91–94). Dass Büchner wahrscheinlich von Blanquis Ansichten beeinflusst war, zeigen einzelne briefliche Äußerungen gegenüber den Eltern. So erklärte Büchner im Brief vom 5. April 1833: „Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt.“ 5. April 1833. An die Eltern in Darmstadt Und im Juni 1833 berichtete er von seiner neuerdings gewonnenen Einsicht,  "daß nur das nothwendige Bedürfniß der großen Masse Umänderungen herbeiführen kann". Juni 1833. An die Eltern in Darmstadt  

3.2. Der Hessische LandboteDass Büchner in seiner – dann von Weidig überarbeiteten – Fassung des Hessischen Landboten dem gesellschaftlichen Gegensatz zwischen Arm und Reich eine zentrale Bedeutung beimaß, HL Dok 5.1.4. Verhörprotokoll Gustav Clemmist mehrfach bezeugt, unter anderem von Gustav Clemm, einem Mitglied und dann Verräter der Gießener Sektion der "Gesellschaft der Menschenrechte. Und noch am 1. Juni 1836 schrieb er an Karl Gutzkow, „die gebildete und wohlhabende Minorität“ werde „nie ihr spitzes Verhältniß zur großen Klasse aufgeben wollen.“ Etwa 1. Juni 1836. An Karl Gutzkow

Am 5. und 6. Juni 1832 unternahmen Pariser oppositionelle Studenten einen Aufstandsversuch gegen das Königtum, welcher unter anderem der Organisation der „amis du peuple“ angelastet wurde. Unter dem Druck der darauf folgenden Strafverfolgung begannen diese, sich als Organisation aufzulösen.

An die Stelle der „amis du peuple“ trat ab Sommer 1832 mit etwa gleichem Programm und gleichem Personal die „Société des droits de l’homme“ („Gesellschaft der Menschenrechte“). Sie war lose in Sektionen und Ortsverbänden organisiert, ab Herbst 1833 stand an ihrer Spitze ein in Paris ansässiges Zentralkomitee. Die kleinste Einheit der Gesellschaft war die Sektion, die – um den Gesetzesbestimmungen Genüge zu tun – nicht mehr als zwanzig Mitglieder umfassen durfte. Die Sektionen trugen in der Regel Namen von Revolutionsführern (z.B. „section de Robespierre“) und Revolutionsslogans (z.B. „Guerre aux châteaux“, also „Krieg den Palästen“). Als Zeichen internationaler Verbrüderung mit Frankfurter revolutionären Republikanern trug eine Pariser Sektion den Namen „Section de Francfort“. Anfang 1834 – auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung – zählten die „droits de l’homme“ nach polizeilichen Schätzungen allein in Paris 170 Sektionen mit etwa 3.000 Mitgliedern, in den Provinzen kamen noch einmal etwa 1.000 Mitglieder hinzu. Zwischen dem 9. und 15. April 1834 kam es zu Aufständen einerseits der verbündeten revolutionären Organisation der Seidenweber in Lyon, andererseits der „droits de l’homme“ in Paris, die erst nach tagelangen Kämpfen niedergeschlagen wurden. Da die Funktionäre der „droits de l’homme“ nicht im Untergrund lebten, wurden sie von der Polizei schon zu Beginn der Kämpfe verhaftet und, soweit sie nicht fliehen konnten, im Sommer 1835 von den Gerichten abgeurteilt.

 

Text: Burghard Dedner (Juni 2014); zuletzt bearbeitet: Januar 2017.