3.5. Lenz

Georg Büchners einziger Erzähltext schildert eine kurze, historisch belegte Phase im Leben des Sturm und Drang-Autors Jakob Michael Reinhold Lenz. In der Zeit vom 20. Januar bis zum 8. Februar 1778 hielt sich Lenz bei dem als Pädagoge und Reformer bekannten Pfarrer Johann Friedrich Oberlin im Vogesendorf Waldersbach auf. Vermutlich hoffte er, er könne dort eine beginnende psychische Erkrankung kurieren.[1]

Inhalt
1. Zum Stoff der Erzählung
2. Quellen
3. Entstehung
4. Überlieferung
5. Rezeption
6. Zum Text

1. Zum Stoff der Erzählung

Der Text setzt mit der Ankunft des Dichters im Steintal ein und endet mit seinem Abtransport nach Straßburg knapp drei Wochen später. Büchner rückt Lenz’ Erkrankung in den Mittelpunkt seiner Erzählung und schildert nuanciert ihren Verlauf und ihre Dynamik, ohne sich auf eine Ursachenbestimmung festzulegen. Gezeigt wird die schrittweise Verschlechterung von Lenz’ Zustand, seine wachsenden Ängste und die Versuche zu ihrer Bewältigung sowie das Ende in völliger Resignation und innerer Leere.

Büchners literarische Pathographie partizipiert an den zeitgenössischen Debatten in Psychopathologie und Theologie. Mit seiner empirischen, faktenbezogenen Ausrichtung und der Orientierung an einem phasenförmigen Verlauf der Krankheit liefert er einen psychiatrisch informierten und zugleich religionskritischen Text über eine von der zeitgenössischen Medizin als melancholische Partialstörung klassifizierte Erkrankung, die „religiöse Monomanie“. Außerdem zeigt er die zusätzlich pathogene Wirkung einer religiös ausgerichteten und moralisierenden Behandlung dieser Erkrankung durch Pfarrer Oberlin. Neben der Chronologie der Ereignisse und zahlreichen Symptomen, die Büchner seinen historischen Quellen entnahm, erfindet er im Rahmen des Wahrscheinlichen zusätzlich weitere Episoden und Symptome der psychischen Krankheit und verbindet sie mit Schilderungen der Vogesenlandschaft, die er aus eigener Anschauung kannte.

Jakob Lenz war nicht nur ein Kranker, sondern auch ein literarisches "Genie". Büchner selbst schöpfte aus Lenz' Dramen wesentliche Anregungen für die Technik der Kurzszenen im Woyzeck. Als Karl Gutzkow 1776 Büchners Woyzeck zum ersten Mal las, urteilte er: "Bei dem Fragment Wozzeck, wenn es wirklch von Ihrem Bruder ist, hätte ich beischreiben mögen: 1777. Es ist der Styl der Sturm u. Drangperiode, ein Residuum der Lenz-Studien Ihres Bruders."[2] Dedner: Büchner und Goethe Auch ist in der Schmuckszene (H4,4) des Woyzeck eine wörtlich-szenische Anregung aus Lenz' Soldaten noch deutlich erkennbar.

Auch Büchners Erzählung lässt die Genialität des kranken Dichters wenigstens erahnen. Sie zeigt Lenz' hochgradig entwickelte künstlerische Wahrnehmungsfähigkeit und berührt kunsttheoretische Themen. Eingelagert in die Krankheitserzählung findet sich ein enthusiastischer Gesprächsbeitrag von Lenz über Kunst, der hier ästhetische Positionen der Sturm-und-Drang-Epoche formuliert – ihren Autonomieanspruch ebenso wie die Abwehr idealistischer Positionen und eines falsch verstandenen Realismus. Lenz  In der häufig zitierten poetologischen Anweisung: "Man versuche es einmal und senke sich in das Leben des Geringsten und gebe es wieder, in den Zuckungen, den Andeutungen, dem ganzen feinen, kaum bemerkten Mienenspiel", beschreibt die Lenz-Figur die Dramentechnik des Dichters Lenz und fährt deshalb fort: "er hätte dergleichen versucht im 'Hofmeister' und den 'Soldaten.'" Es ist zugleich die Technik, die Büchner von Lenz lernte und im Woyzeck anwendete.

Ihre literaturhistorische Bedeutung gewann Büchners unabgeschlossene Erzählung durch ihre innovative Darstellungsweise. Die Suche nach einer angemessenen Darstellungsform für das Krankheitsgeschehen ist dabei dem Text noch anzusehen. Büchner fand sie in einer vorwiegend personalen Erzählperspektive, die weite Teile der Erzählung prägt. Sie rückt den Kranken in unmittelbare Nähe des Lesers und macht das Leiden unmittelbar erfahrbar. Hinzu kommen weitere prägnante erzählerische Mittel. Büchner schreibt Sätze von endlos scheinender Länge, er vermischt fiktionales und faktuales Erzählen und er setzt eindrucksvolle Naturbeschreibungen analog mit seelischen Zuständen.

2. Quellen

Lenz Dok 3 Goethe, Dichtung und Wahrheit Jakob Michael Reinhold Lenz war als Autor zu Beginn des 19. Jahrhunderts relativ unbekannt, sein Bild geprägt durch Goethes zwiespältiges Porträt im 3. Teil von Dichtung und Wahrheit (1814).

Erst 1828 erschien eine Werkausgabe von Lenz’ Schriften, herausgegeben von Ludwig Tieck.[3] Büchner kannte Lenz’ Werke spätestens seit seinem ersten Straßburger Aufenthalt 1831. Er las das Gedicht "Die Liebe auf dem Lande" von Lenz gemeinsam mit seiner Verlobten  Wilhelmine Jaeglé Die Gesellschaft der Menschenrechte in Gießen zitierte daraus lange Passagen in einem Brief  Mitte März 1834. An Wilhelmine Jaeglé Hl Dok 6.2.5. Lenz' Gedicht als Geheimcode und  er vereinbarte mit Mitgliedern der Gießener "Gesellschaft der Menschenrechte", die Anfangsverse des Gedichtes ("Ein wohlgenährter Candidat ...") zur Verschlüsselung konspirativer Nachrichten zu benutzen.

Lenz Dok 1 Oberlin, Herr L.....Ausschlaggebend für seine intensive Beschäftigung mit der Krankengeschichte von Lenz war wahrscheinlich die Lektüre von Oberlins Bericht Herr L...... über Lenz’ Aufenthalt im Steintal.

Oberlin diktierte diesen Bericht, der die Hauptquelle für Büchners Erzählung darstellt, unmittelbar nach dem Abtransport von Lenz am 8. Februar 1778 . Er verfasste ihn, weil er in seinem Freundes- und Bekanntenkreis seine gescheiterten Bemühungen um den Gast rechtfertigen musste. Der elsässische Schriftsteller Ehrenfried Stöber entdeckte den Bericht 1826 bei seinen Recherchen zu einer Oberlin-Biographie[4] und schrieb ihn ab. Ehrenfried Stöbers Sohn August Stöber veröffentlichte zwischen dem 19. Oktober und dem 10. Dezember 1831 eine Artikelfolge »Der Dichter Lenz« im Stuttgarter Morgenblatt für gebildete Stände, in der er über diese Funde berichtete und Teile aus Oberlins Bericht mitteilte. Büchner befreundete sich während seines ersten Straßburger Aufenthaltes mit Stöber und wurde wahrscheinlich durch ihn auf Lenz aufmerksam. Er erhielt von Stöber Ende April 1835 den Oberlin-Bericht und weitere Materialien, darunter Briefe von Lenz an den Straßburger Juristen Johann Daniel Salzmann, die Stöber schon 1831 für einen Aufsatz recherchiert hatte.[5] LZ 3700 Georg Fein: Aufzeichnungen Dieser Aufsatz und Ehrenfried Stöbers Biographie dienten Büchner als weitere zentrale Quellen für seine Lenz-Erzählung. Aus Georg Feins Tagebuchaufzeichnungen wissen wir, dass Büchner spätestens am 10. Mai 1835 über diese Quellen verfügte.

Rund ein Sechstel von Büchners Lenz ist wörtlich aus den Quellen übernommen und in den Text einmontiert. Büchner entwirft jedoch stets eine alternative Erzählung gegenüber den herangezogenen Quellen.

Lenz Dok 3 GoetheAuch zu Goethes Darstellung von Lenz als zeittypischem Sturm-und-Drang-Charakter liefert Büchners Text mit seiner verallgemeinerbaren Krankheitsdarstellung eine Gegenerzählung. Goethe zeichnet Lenz von außen und als einen Unbelehrbaren, der an seiner Krankheit zumindest eine Mitschuld trug; bei Büchner erscheint Lenz als hilfloses Opfer seiner Ängste.     

Welche Texte aus der psychiatrischen Literatur Büchner heranzog, lässt sich im Einzelnen nicht mehr rekonstruieren. Seine Darstellung steht den empirisch orientierten Positionen von Psychiatern wie Philippe Pinel (1745-1826) und Jean Étienne Dominique Esquirol (1772-1840) nahe. Von besonderem Interesse in diesem Zusammenhang ist die Erwägung des zeitgenössischen deutschen Psychiaters Friedrich Bird (1791-1851), dass nämlich bestimmte psychische Erkrankungen rein somatische Ursachen haben könnten. Wenn dies zutraf, dann war biographische und vor allem religiös orientierte Ursachenforschung schädlich für den Kranken, weil sie ihn zum ängstlichen Grübeln über eigenes Fehlverhalten oder etwa begangene Sünden veranlasste (vgl. Marburger Büchner Ausgabe V, S. 135-137).

Literarische Anregungen erhielt Büchner für seine Erzählung vor allem von Goethe, dessen Vokabular und stilistische Besonderheiten im Werther er teilweise nachbildet. Dedner: Büchner und GoetheDeutlich sind zum Beispiel am Eingang der Erzählung Annäherungen an Goethes Roman Die Leiden des jungen Werthers sowie an die Studierzimmerszene in Faust I, also an zentrale Zeugnisse für die Ekstasen und Depressionen der Sturm- und Drang-Generation, die Jakob Lenz verkörperte wie kein anderer.

Gut erkennbar sind auch Anregungen aus Erzählungen von Ludwig Tieck. So gestaltet Büchner Lenz' Aufenthalt in einer abseits gelegenen Berghütte Lenz in Anlehnung an eine nächtliche Szene in einer Hütte in Tiecks Märchen Der Blonde Eckbert (1797). Lenz' Gotteslästerungen nach dem fehlgeschlagenen Auferweckungsversuch Lenz haben ihr Vorbild in einer ähnlichen Szene in Tiecks späterer Erzählung Aufruhr in den Cevennen (1826), die Büchner gemeinsam mit Wilhelmine Jaeglé im September 1834 gelesen hatte.

3. Entstehung

Mit dem Lenz-Projekt beschäftigte sich Büchner intensiv vom Mai bis zum Herbst 1835.

Einer Phase der Einarbeitung in die Quellen folgten verschiedene Entwürfe, deren Entstehungsdaten nicht sicher zu datieren sind. Büchner brach das Projekt in einem relativ fortgeschrittenen Stadium spätestens im Dezember 1835 ab. Sein Förderer, der Schriftsteller und Publizist Karl Gutzkow, hatte unter anderem durch die Zusage einer Publikation des Textes in der geplanten Zeitschrift Kampagne gegen das Junge Deutschland Deutsche Revue dazu gedrängt, die Arbeit an dem Projekt voranzutreiben und Büchner hatte die Fertigstellung der Erzählung für einen Druck "versprochen". 2. November 1835. An die Eltern Abfassung und Druck des Mémoire Diese Publikationsmöglichkeit war mit dem Verbot der jungdeutschen Literatur am 14. November und der Verhaftung Gutzkows am 30. November 1835 hinfällig geworden. Außerdem konzentrierte Büchner ab November 1835 all seine Kräfte auf die Fertigstellung seiner Dissertation.

Anhand des überlieferten Textes und seines heterogenen Charakters lassen sich hypothetisch verschiedene Arbeitsphasen rekonstruieren (vgl. Marburger Büchner Ausgabe V, S. 145-161).

Dedner, Schreibstrategien. Die Arbeit mit Quellen (Kap. 5)In einer vermutlich frühen Arbeitsphase paraphrasierte und ergänzte Büchner lediglich den Oberlin-Bericht und blickte mit seiner Hauptquelle von außen chronikalisch auf das Geschehen. Dies macht ca. 20 Prozent des Textes aus.

In einem zweiten Schritt näherte sich Büchner der Krankheit des Protagonisten in Form einer resümierenden wissenschaftlich-psychiatrischen Skizze an.Dies macht rund 10 Prozent des überlieferten Textes aus.

Dedner, Schreibstrategien. Die Arbeit mit Quellen (Kap. 1)70 Prozent von Lenz, das sind die ersten zwei Drittel und der abgesetzte Schluss, stammen aus der vermutlich letzten Arbeitsphase, in der Büchner mit der personalen Figurenperspektive sein Darstellungsverfahren für die Krankheitsgeschichte gefunden hatte. Wörtliche Übernahmen aus Oberlins Bericht finden sich hier nur noch punktuell.

Die unterschiedlichen Entwurfsstadien zeichnen sich nicht nur durch einen Wechsel der Erzählperspektive, sondern auch durch eine abnehmende Orientierung an Oberlin aus. Dies geht einher mit einem Zuwachs an Ortskenntnis, an psychiatrischem Wissen und - wie schon gezeigt - mit einer zunehmenden Orientierung an literarischen Texten.

4. Überlieferung

Von Büchners Handschriften zur Lenz-Erzählung ist nichts erhalten. Wilhelmine Jaeglé fertigte nach Büchners Tod Abschriften an, die sie im September 1837 an Karl Gutzkow schickte. Dieser bezeichnete die Abschriften in einem Brief vom 26. Juni 1838 an Jaeglé als „die Bruchstücke vom Lenz“ (Marburger Büchner Ausgabe V, S. 169) und sprach auch später noch von Büchners nachgelassenen "Novellenfragmenten".[3]  Aus ihnen stellte er die uns bekannte Lenz-Erzählung her, die er im Januar 1839 im Telegraph für Deutschland in acht Folgen unter dem Titel Lenz. Eine Reliquie von Georg Büchner publizierte. Diese „Reliquie“ ist der einzig maßgebliche Überlieferungsträger der Erzählung; alle weiteren Drucke sind von ihm abgeleitet.

Über den Stand der Ausarbeitung des Textes und den von Büchner beabsichtigten Titel lassen sich daher keine sicheren Aussagen treffen. Offensichtlich aber fügte Gutzkow Textteile aus verschiedenen „Bruchstücken“ zusammen, die ihrerseits unterschiedliche Arbeitsphasen repräsentieren. Die ersten zwei Drittel des Textes, die Erzählung von Lenz’ Gang „durch’s Gebirg“ bis zu Oberlins Rückkehr von seiner Reise Lenz sowie auch die kurze Schlusspartie beginnend mit „Er saß mit kalter Resignation im Wagen“ Lenz stammen vermutlich aus der letzten Arbeitsphase.

Die durch ihre ungewöhnlich dichte Quellenabhängigkeit auffällige Erzählung von Lenz’ letzten Tagen in Waldersbach – „Einige Tage darauf kam Oberlin aus der Schweiz zurück“ Lenz bis „Kindsmagd kam todtblaß und ganz zitternd.“ – Lenz stammt vermutlich aus der ersten Schreibphase.

Einen darin eingefügten Erzählblock, eine Skizze in wissenschaftlichem Duktus, beginnend mit: „Sein Zustand war indessen immer trostloser geworden“ Lenz und endend mit: „versetzte sich sonst einen heftigen physischen Schmerz“ Lenz , hat Büchner vermutlich auf einer dazwischen liegenden Entstehungsstufe notiert.

Die Bruchstückhaftigkeit des Textes wird auch an einer anderen Stelle durch die von Gutzkow übernommene Arbeitsnotiz Büchners: „Siehe die Briefe“, deutlich. Lenz Hier ist also von einer Arbeitslücke auszugehen, die Büchner offenbar anhand des von Stöber stammenden Materials noch füllen wollte.

Ob Textanfang und -schluss der Druckfassung auch die von Büchner beabsichtigten Textgrenzen markieren, ist nicht sicher zu sagen. Jedoch gibt es keine hinreichenden Belege für die Annahme, dass die Lenz-Erzählung über die geschilderte Lebensphase noch hätte hinausgehen sollen. Auch über die Veränderungen, die Büchners Handschrift bereits durch Jaeglés Abschrift sowie über die Redaktion Gutzkows und schließlich durch die Eingriffe des Setzers bei der Drucklegung erfuhr, lassen sich keine sicheren Aussagen machen.

WZ 710 Gutzkow zu „Lenz“ In seinen einleitenden Bemerkungen zu dem Text betonte Gutzkow den Neuheitswert, den dokumentarischen Charakter des Dargestellten und die Qualität der Darstellung gleichermaßen, und auch am Ende des Textes hob er noch einmal die besonderen literarischen Qualitäten der Erzählung hervor: „Da ist Alles mitempfunden, aller Seelenschmerz mitdurchrungen; wir müssen erstaunen über eine solche Anatomie der Lebens- und Gemüthsstörung. G. Büchner offenbart in dieser Reliquie eine reproduktive Phantasie, wie uns eine solche selbst bei Jean Paul nicht so rein, durchsichtig und wahr entgegentritt.“

5. Rezeption

WZ 1215 Hermann Marggraff, Rezension Ein Nachdruck der Erzählung von 1842 gab dem Vormärz-Literaten Hermann Marggraff Gelegenheit, erstmals die faszinierende und verstörende Sogkraft, die Büchners Lenz charakterisiert, zu beschreiben: „dabei hat die Erzählung selbst so etwas wüst Träumerisches, so etwas Halbwahnsinniges [...], daß es dem Leser fast erscheint, als lese er hier nicht die Novelle eines Zweiten über einen Wahnsinnigen, sondern habe es mit diesem selbst zu thun, sei wol gar von ihm angesteckt“.

WZ 1660 Julian Schmidt, Rezension Der Ansteckungseffekt, den Marggraff hier lobend hervorhebt, veranlasste den konservativen Literaturkritiker Julian Schmidt in seiner Kritik von Ludwig Büchners Ausgabe der Nachgelassenen Schriften von Georg Büchner (1850), die Erzählung als Paradebeispiel romantischer Geschmacksverirrung zu brandmarken: „Der Wahnsinn als solcher gehört in das Gebiet der Pathologie, und hat ebenso wenig das Recht, poetisch behandelt zu werden, als das Lazareth und die Folter. [...] Am schlimmsten ist es, wenn sich der Dichter so in die zerrissene Seele seines Gegenstandes versetzt, daß sich ihm selber die Welt im Fiebertraum dreht. Das ist hier der Fall.“

Vor allem die Art und Weise der Darstellung psychischer Krankheit ist es, die dem Text in der Folgezeit und insbesondere im 20. Jahrhundert zu seiner exponierten literaturgeschichtlichen Stellung verhalf. Folgenreich wurde Arnold Zweigs oft zitierter Kommentar zu dem Satz „Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehn konnte.“ Zweig meinte: „Mit diesem Satz beginnt die moderne europäische Prosa; kein Franzose und kein Russe legt moderner eine seelischen Sachverhalt offen hin.“[7] LZ 4260 Ludwig Büchner 1850 Zu einem Rezeptionstopos wurde weiterhin die bei Gutzkow bereits erwähnte, von Ludwig Büchner wieder aufgegriffene Annahme einer spiegelbildlichen „Verwandtschaft“ zwischen Büchner und Lenz, die gelegentlich bis zur Pathologisierung des Autors selbst reichte.

Auch die von Lenz im sogenannten „Kunstgespräch“ formulierten ästhetischen Positionen wurden häufig mit Büchners Schreiben in Verbindung gebracht. Lenz

Büchners Lenz-Erzählung wurde seit den 1970er Jahren mehrfach verfilmt. 1979 hatte Wolfgang Rihms Kammeroper Jakob Lenz ihre Uraufführung. In jüngster Zeit wurden zahlreiche Adaptionen der Erzählung für die Theaterbühne unternommen.

6. Zum Text

Der Text folgt der Marburger Büchner Ausgabe V (2001), S. 29-49. Zusätzlich wurden die Emendationen von Druck- und Lesefehlern durch eckige Klammern [   ] kenntlich gemacht.

 


Anmerkungen

    • [1] Eine ausführliche Dokumentation von Jakob Lenz' Krankheitsgeschichte 1778 findet sich in Dedner, Burghard, Hubert Gersch u. Ariane Martin (Hrsgg.): "Lenzens Verrückung". Chronik und Dokumente zu J. M. R. Lenz von Herbst 1777 bis Frühjahr 1778, Tübingen 1999 (= Büchner-Studien 8).
    • [2] Karl Gutzkow an Luise Büchner 7.5.1876, in: Gerhard K. Friesen: Wir können alle gar nicht Respect genug vor Ihnen haben". Der Briefwechsel zwischen Karl Gutzkow und Luise Büchner 1859-1876, in: Jahrbuch der Bettina von Arnim-Gesellschaft 8/9, 1996/97, S. 75-138, hier: S. 134.
    • [3] Ludwig Tieck (Hrsg.), Gesammelte Schriften, von J. M. R. Lenz, 3 Bde., Berlin: G. Reimer 1828.
    • [4] Daniel Ehrenfried Stöber: Vie de J. F. Oberlin, pasteur à Waldbach, au Ban-de-la-Roche, chevalier de la Légion d'honneur; (Ornée de neuf lithographies.), Paris, Strasbourg et Londres: Treuttel et Würtz 1831.
    • [5] Stöbers Aufsatz erschien unter dem Titel Der Dichter Lenz vom 19. Oktober bis 10. Dezember 1831 im Morgenblatt für gebildete Stände.
    • [6] Gutzkow schreibt 1868 von den "Proben eines seltenen poetischen Talentes" die Büchner "in seinem Drama 'Danton's Tod' und in Novellenfragmenten gegeben" habe. ([Karl Gutzkow:] Die Famile Büchner, in: Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung Nr. 102, 20.12.1868, S. 442, hier zitiert nach Gerhard K. Friesen,, a.a.O. S. 84).
    • [7] Arnold Zweig, Versuch über Büchner, in: Georg Büchners Sämtliche poetische Werke. Herausgegeben und eingeleitet von Arnold Zweig, München u. Leipzig 1923, S. XLII.)

Text: Tilman Fischer (Juni 2014)/Burghard Dedner (Mai 2016); letzte Bearbeitung Dezember 2016