3.6. Einleitung zu: Leonce und Lena. Ein Lustspiel

Zum Stoff des Lustspiels

Büchners einziges Lustspiel verbindet politische Satire mit Elementen der romantischen Komödie. Die Hochzeit des hessischen Thronfolgers, des Erbgroßherzogs Ludwig, mit der bayerischen Prinzessin Mathilde am 26. Dezember 1833 in München und die damit einhergehenden Feierlichkeiten – wie etwa ein öffentliches „Gabelfrühstück“ in Offenbach und der Einzug des Brautpaares in Darmstadt am 10. Januar 1834 – lieferten Büchner vermutlich den Anlass für die Hof- und Fürstensatire in Leonce und Lena.

Die Verhältnisse in der Residenzstadt Darmstadt, das dortige Uniformwesen, die offiziellen Verlautbarungen, das Hofzeremoniell Leonce und Lena und die Ödnis und Langeweile in einem deutschen Kleinstaat, unter anderem auch beim verordneten Warten auf Staatsgäste Leonce und Lena , boten ihm weitere Anregungen für die satirischen Szenen seines Lustspiels. Spuren hinterließ auch die gleichzeitige Arbeit an philosophischen Themen. Während Büchners als angehender Philosophiedozent Baruch Spinozas philosophisches System erläuterte und diskutierte, karikierte er Teile davon zugleich im Ankleidezeremoniell der Lustspielfigur König Peter. Leonce und Lena

Für das Handlungsgerüst und die Personengestaltung des Dramas griff Büchner auf die romantische Komödientradition, neben Clemens Brentanos Ponce de Leon (1803 bzw. 1827) vor allem auf Alfred de Mussets Fantasio (1834), zurück, in dem das Motiv der Zwangsverheiratung ebenfalls schon eine Rolle spielt. Dieser geplanten Zwangsverheiratung wollen sich in Büchners Lustspiel Prinz und Prinzessin entziehen. Sie fliehen – Prinz Leonce mit seinem Freund Valerio, Prinzessin Lena mit ihrer Gouvernante. Auf der Flucht lernen sie sich kennen, verlieben sich ineinander und lassen sich, an den Hof zurückgekehrt und als Automaten verkleidet, verheiraten. Damit erfüllt sich, was von Anfang an für sie vorgesehen war. Der lineare Handlungsverlauf, der sich über eineinhalb Tage erstreckt, schließt sich so am Ende zum Kreis. Zugleich zeigt das Drama die Heilung des melancholischen, an der Sinnlosigkeit und am Müßiggang leidenden Prinzen durch die Liebe und partizipiert so auf ironische Weise an der romantischen Weltschmerzliteratur. Das Lustspiel mündet in eine sensualistisch-märchenhafte Schlussutopie von einem Land ewigen Sommers, frei von Arbeit. Leonce und Lena

Entstehung und Quellen

Wie aus seinem Brief an Eugène Boeckel 1. Juni 1836. An Eugène Boeckel in Wien hervorgeht, begann Büchner mit der Arbeit an Leonce und Lena vermutlich nicht vor dem Abschluss seiner Dissertation, dem Mémoire sur le système nerveux du barbeau (Cyprinus barbus L.), Ende Mai 1836. In einem Brief an  Karl Gutzkow sprach er anscheinend von "Ferkeldramen", die er schreiben wolle, und Gutzkow griff dieses Wort in seinem Antwortbrief auf.10. Juni 1836. Von Karl Gutzkow nach Straßburg Offenbar plante Büchner zu diesem Zeitpunkt eine Buchpublikation mit Dramen. LZ 4260 Ludwig Büchner 1850 Zu diesen zählte neben Leonce und Lena und Woyzeck möglicherweise noch ein Drama über den italienischen Renaissance-Dichter Pietro Aretino, von dem sich jedoch trotz intensiver Suche im Sterbezimmer keine Spur finden ließ.

Außerdem hatte Büchner vermutlich seit längerem Kenntnis von der Ausschreibung LZ 3820 Preisaufgabe eines Wettbewerbs für „ein- oder zweiaktige Lustspiele“ durch die Cottasche Buchhandlung, dessen Einsendeschluss vom 15. Mai auf den 1. Juli 1836 verlängert worden war und ihm so eine Teilnahme ermöglichte. Das Preisgeld war mit 300 Taler dreimal so hoch wie das Honorar, welches Büchner für Danton’s Tod erhalten hatte. Büchner arbeitete deshalb im Juni zunächst an dem Lustspiel. 

LZ 4260 Ludwig Büchner 1850 Das eingesandte Manuskript von Leonce und Lena erreichte den Verlag jedoch zu spät und wurde für den Wettbewerb nicht berücksichtigt, sondern an Büchner ungeöffnet zurückgeschickt.

In der Folgezeit erweiterte Büchner das Manuskript für die Buchfassung von zwei auf drei Akte. Außerdem nahm er Änderungen vor, die sich aus der parallelen Arbeit an dem Drama Woyzeck ergaben. Ein ursprünglich für Leonce und Lena vorgesehenes Lied übernahm er in den Woyzeck (Leonce und Lena H1, vgl. Marburger Büchner Ausgabe VI, S. 40).

Ferner ist anzunehmen, dass Büchner bei der Überarbeitung des Manuskripts weniger Rücksichten auf Dezenz und politisch Provokantes nehmen musste, als dies bei der Wettbewerbsfassung der Fall war.

LZ 4560 Schulz 1837 Auch nach seiner Übersiedlung nach Zürich am 19. Oktober 1836 scheint Büchner noch an Leonce und Lena gearbeitet zu haben.

LZ 4260 Ludwig Büchner 1850  Allerdings schrieb er „[k]urz vor Beginn der tödtlichen Krankheit […] an seine Braut, er würde‚ in längstens acht Tagen Leonce und Lena mit noch zwei anderen Dramen erscheinen lassen‘“.

Als Georg Büchner am 2. Februar 1837 tödlich erkrankte, galt ihm das Stück also offenbar als weitgehend abgeschlossen.

Für die satirischen Passagen zur Fürstenhochzeit, aber zum Beispiel auch für die wiederkehrenden Gleichsetzungen der Prinzessin mit Blumen ließ sich Büchner Zeittafel Anfang Januar 1834 – außer durch Augenzeugenberichte – möglicherweise durch die von seinen Darmstädter Bekannten Heinrich Küntzel und Friederich Metz 1834 herausgegebene Chronik der Feierlichkeiten anregen.

Für den Lustspielcharakter seines Stücks nutzte Büchner zwei romantische Komödien als zentrale Quellen. In Alfred de Mussets Fantasio (1834) ist es neben der strukturellen Analogie der (hier: verhinderten) Fürstenhochzeit vor allem auch die Personenzeichnung und -konstellation, die Büchner als Vorbild dienten. Mussets Titelfigur Fantasio ähnelt Büchners Narren Valerio. Fantasio geht mit seinem Freund Spark eine ähnliche Verbindung ein wie Valerio mit Leonce. Ähnliches gilt für die Figur der Gouvernante, die in beiden Lustspielen als Begleiterin der Prinzessin fungiert. Auch thematisch lassen sich viele Berührungspunkte finden. Stets wiederkehrende Themen sind Langeweile, Melancholie, Weltschmerz und andere Attitüden der Romantik LZ 4520 Schulz 1851 sowie überhaupt das „Gerede, womit die Leute sich selbst und ihre seltsamen Gelüste zum Besten geben“.

In der zweiten Hauptquelle, in Clemens Brentanos Lustspiel Ponce de Leon (1803), sind es vor allem szenische Analogien oder Teile der Handlung, wie die Heilung des melancholischen Müßiggängers, die Büchner in sein Drama übernahm. Anregen ließ er sich auch von den lyrischen Passagen Brentanos. Wörtliche Entsprechungen finden sich vor allem auf der Ebene der Wortspiele, die zum zentralen Gestaltungsmerkmal von Büchners Lustspiel zählen. Büchner und Shakespeare Hier erweist sich Büchner ebenso wie vor ihm Brentano als Anhänger Shakespeares.

Im Übrigen erhielt Büchner eine Fülle von Anregungen durch Texte von Tieck, Goethe, Eichendorff, Lenz, Jean Paul und andere.

Überlieferung

Leonce und Lena wurde erst nach Büchners Tod veröffentlicht. Das Drama erschien in zwei gleichwertigen, jedoch textkritisch unzuverlässigen Druckfassungen: Zuerst in fünf Folgen im Telegraph für Deutschland vom 10. bis 19. Mai 1838, herausgegeben von dem Schriftsteller und Publizisten Karl Gutzkow, dann 1850 in den Nachgelassenen Schriften von Georg Büchner, herausgegeben von Büchners Bruder Ludwig Büchner. Den beiden Herausgebern lag jeweils eine Abschrift des in Büchners Nachlass gefundenen Dramas vor, einmal von der Hand der Verlobten Wilhelmine Jaeglé, zum andern von der Hand der Schwester Luise Büchner. Diese Abschriften gehen vermutlich auf das gleiche Züricher Manuskript zurück, das von den Abschreiberinnen jedoch gelegentlich unterschiedlich interpretiert wurde. Dieses Manuskript ist ebenso wie die beiden Abschriften verloren.

Von Büchners Handschriften haben sich lediglich zwei Entwurfsbruchstücke zu den Szenen I,1 sowie I,4, II,4 und III,1 und ein ausgeschiedenes Bruchstück, vermutlich aus dem Zusammenhang der Wettbewerbsreinschrift, erhalten. Diese Szenenfragmente zu Leonce und Lena entstammen früheren Entwurfsstufen und sind damit für eine Textedition des Dramentextes nicht von Bedeutung. Anders verhält sich das mit dem Textbestand der vorliegenden Drucküberlieferung. Da nicht von vornherein gesagt werden kann, welcher Druckfassung der Vorzug zu geben ist, muss bei jeder Abweichung im Einzelfall entschieden werden, welcher Text als gültig zu bewerten ist (vgl. Marburger Büchner Ausgabe VI, Editionsbericht S. 215-332). Beide Herausgeber griffen in den Text ein: Gutzkow paraphrasierte den ersten Akt des Dramas und brachte aus ihm nur einzelne Zitate. Ludwig Büchner präsentierte hier rund ein Viertel mehr Text, nahm jedoch an anderen Stellen Streichungen satirischer Angriffe vor und tilgte Stellen, die die zeitgenössischen Dezenznormen verletzten. Hinzu kommen Eingriffe der jeweiligen Setzer in Orthographie und Interpunktion gemäß den zeitüblichen Konventionen.

WZ 710 Gutzkow, Vor- und Nachbemerkung zu „Leonce und Lena“ Gutzkow äußerte bereits in seiner Vorrede zur Teilpublikation des Lustspiels im Telegraph für Deutschland (Nr. 76, Mai 1838) und dann im Nachwort seine Vorbehalte gegen den romantischen Ton und seine Bedenken hinsichtlich der Aufführbarkeit des Dramas.

Seine Veröffentlichung des Stücks blieb weitgehend unbeachtet.

Rezeption

Wahrgenommen wurde das Stück erst mit Ludwig Büchners Publikation in den Nachgelassenen Schriften. LZ 4520 Schulz 1851 Für Büchners Freund Wilhelm Schulz war „das Reich Popo [...] ein specifisch deutscher Musterstaat“, er deutete das Stück also vor allem als auf die politischen Zustände in Deutschland gemünzte Hof- und Fürstensatire.

WZ 1660 Julian Schmidt, Rezension (1851) Der konservative Literaturhistoriker Julian Schmidt hingegen fand in Leonce und Lena den „Geist des alten Hamlet“ wieder. Büchner gefalle sich in dem „Spiel der Freiheit, mit dem unheimlichen Abgrund des eignen Innern zu scherzen“. Das Leben, so Schmidt, werde dabei „zu einem bloßen Schein“ und damit als „Reich des Bösen“ erkennbar.

Die Uraufführung erlebte Leonce und Lena am 31. Mai 1895 als Freilichtaufführung im Verein „Intimes Theater“ in München. Rollen übernahmen unter anderem die Schriftsteller Max Halbe, Oskar Panizza, Ernst von Wolzogen und Franz Held (der Vater von John Heartfield) sowie der Kulturhistoriker Eduard Fuchs.

Im 20. Jahrhundert erfuhr das Lustspiel vor allem mit dem Expressionismus seine Kanonisierung und fand einen festen Platz im Repertoire der Theater. Das hing vor allem mit der avantgardistischen Ästhetik zusammen, die man aus zeitgenössisch avantgardistischer Sicht in Leonce und Lena zu erkennen meinte. Auf einer öffentlichen Bühne war das Stück erstmals am 30. Dezember 1911 in Wien und am 27. Januar 1912 in Düsseldorf zu sehen.

Zum Text

Der Text folgt dem Emendierten Text in Marburger Büchner Ausgabe VI (2003), S. 99-154. Verzichtet wurde hier jedoch auf eine Auszeichnung des Textes, welche die unterschiedlichen Druckvorlagen kenntlich macht.

 

Text: Tilman Fischer (Juni 2014)