3.3. Danton’s Tod

Danton’s Tod war Georg Büchners erste eigenständige literarische Arbeit; sie war auch die einzige, die zu seinen Lebzeiten erschienen ist. Karl Gutzkow, Phönix-Rezension Das Drama wurde von Karl Gutzkow als "Werk des Genies" eingeführt. Es begründete den frühen literarischen Ruhm des sonst unbekannten Dichters.

Inhalt
1. Zum Stoff des Dramas
2. Übergreifende Themen
3. Wortspiele, drastische Sprache
4. Entstehung und Quellen
5. Überlieferung
6. Rezeption
7. Zum Text

1. Zum Stoff des Dramas

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Georges Danton (1759–1794), das historische Vorbild für die titelgebende Hauptfigur des Dramas, war einer der führenden Köpfe der Französischen Revolution. Büchners vieraktiges Drama bringt mit der Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung dieses Politikers und seiner Anhänger eine historische Krisenphase der Revolution, die Phase der „terreur“, auf die Bühne.

Exekutivorgan dieser Terrorherrschaft war der Wohlfahrtsausschuss, dem bis zum Juli 1793 zunächst Danton, später dann bis zum Juli 1794 Maximilien Robespierre als führender Jakobiner vorstand.

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Die Handlung beginnt am 28. März 1794. Kurz zuvor waren die Hébertisten, eine sozialrevolutionäre und antiklerikale Gruppierung des französischen Nationalkonvents, die sich gegen Robespierre gewandt hatte, hingerichtet worden. Auf sie verweist der Dantonist Philippeau eingangs mit dem Satz: "Wir waren im Irrthum, man hat die Hebertisten nur auf’s Schaffott geschickt, weil sie nicht systematisch genug verfuhren [...]." Danton’s Tod Einen Angehörigen dieser Gruppe, den Atheisten Chaumette, zeigt Büchner zu Beginn des dritten Aktes im Gespräch mit den Schriftstellern Payne und Mercier. Danton’s Tod In derselben Szene treffen die in der Nacht zum 1. April verhafteten Dantonisten im Gefängnis ein. Die Handlung endet am 5. April mit der Guillotinierung der Dantonisten. Danton’s Tod In ihrem Hauptstrang folgt die Handlung des nach Quellen gearbeiteten Dramas in fast allen Details den historischen Ereignissen.

Historische Rückverweise und Vorausdeutungen weiten den zeitlichen Horizont des Stückes aus. Hierzu gehören unter anderem:

– der Rückblick auf Dantons Verdienste um die Revolution in dessen Rede vor Gericht (Danton's Tod III/4): "Ich habe auf dem Marsfelde dem Königthume den Krieg erklärt, ich habe es am 10. August geschlagen, ich habe es am 21. Januar getödtet und den Königen einen Königskopf als Fehdehandschuh hingeworfen." Danton’s Tod
– die traumatisierende Erinnerung an die Septembermorde an den politischen Gefangenen 1792, die Danton als Justizminister zu verantworten hatte (Danton's Tod II/5): "War’s nicht im September Julie? [...] Die Festungen gefallen, die Aristocraten in der Stadt." Danton’s Tod
– die Tatsache, dass Danton selbst das Revolutionstribunal, das ihn jetzt zum Tode verurteilt, geschaffen hatte (Danton's Tod III/3): "Es ist jezt ein Jahr, daß ich das Revolutionstribunal schuf. Ich bitte Gott und Menschen dafür um Verzeihung, ich wollte neuen Septembermorden zuvorkommen [...]." Danton’s Tod
– der Sturz Robespierres am 27. Juli 1794 (Danton's Tod IV/5): "ich lasse ihm keine 6 Monate Frist, ich ziehe ihn [d.h. Robespierre] mit mir." Danton’s Tod

Die zentrale Konfliktlinie des Dramas verläuft zwischen der Gruppe der Jakobiner um Robespierre auf der einen und der um Danton und seine Anhänger auf der anderen Seite. Die Dantonisten beschuldigen die Gegner, einen Überwachungsstaat errichten zu wollen, sie bezweifeln (Danton's Tod I/6), dass der Terror „der Republik nützlich“ sei, und sie fordern die sofortige Überführung der Revolutionsdiktatur in eine bürgerlich liberale Republik (Danton's Tod I/1):

Die Revolution muß aufhören und die Republik muß anfangen. In unsern Staatsgrundsätzen muß das Recht an die Stelle der Pflicht, das Wohlbefinden an die der Tugend und die Nothwehr an die der Strafe treten. Danton’s Tod 

Robespierre dagegen stellt fest (Danton's Tod I/6):

Die sociale Revolution ist noch nicht fertig [...]. Die gute Gesellschaft ist noch nicht todt, die gesunde Volkskraft muß sich an die Stelle dießer nach allen Richtungen abgekitzelten Klasse setzen. Danton’s Tod

Er rückt die Dantonisten – historisch gesehen nicht ganz zu Unrecht – in die Nähe der zeittypischen Revolutionsgewinnler, die aus bloß egoistischen Motiven die Fortführung der „socialen Revolution“ verhindern wollen. Mit dem Satz, Danton wolle „die Rosse der Revolution am Bordel halten machen“ Danton’s Tod , fasst er diese Einschätzung zusammen.

Schon den Zeitgenossen war klar, dass der Dantonisten-Prozess, bei dem neun Abgeordnete und sechs weitere Angeklagte nach vier Tagen Prozessdauer summarisch zum Tode verurteilt wurden, nichts anderes war als ein politisch manipulierter Justizmord. Auch Büchner stellt das wiederholt so dar. So bestimmt der Gerichtspräsident Hermann die Auswahl der Geschworenen mit den Worten (Danton's Tod III/2): „Wir losen nicht, sondern suchen die Handfesten aus“. Danton’s Tod Später nutzt St. Just das „Mährchen“ von einer Verschwörung „in den Gefängnissen“ als Vorwand für eine gesetzeswidrige Prozessverkürzung (Danton's Tod III/6). Danton’s Tod

Neben den Pro- und Antagonisten auf der politischen Führungsebene steht als dritte Interessengruppe die hungernde Bevölkerung von Paris. Wie die zweite Szene deutlich zeigt, droht ihr materielles Elend sich in einer nicht mehr steuerbaren Hungerrevolte und in der Ermordung der Reichen zu entladen (Danton's Tod I/2):

Wir wollen ihnen die Haut von den Schenkeln ziehen und uns Hosen daraus machen, wir wollen ihnen das Fett auslassen und unsere Suppen mit schmelzen. Fort! Todtgeschlagen, wer kein Loch im Rock hat! Danton’s Tod

Wie Danton richtig sagt, verhilft die Terreur den Hungernden nicht zu dem nötigen Brot (Danton's Tod III/9):

Ihr wollt Brod und sie werfen Euch Köpfe hin. Ihr durstet und sie machen euch das Blut von den Stufen der Guillotine lecken. Danton’s Tod

Am Ende wägt das Volk ab zwischen Dantons Verdiensten um die Revolution und seinem Makel als Revolutionsgewinnler. Es entscheidet sich für den als "unbestechlich" geltenden Robespierre (Danton's Tod III/10):

Danton war unter uns am 10. August, Danton war unter uns im September. Wo waren die Leute, welche ihn angeklagt haben? [...] Danton hat schöne Kleider, Danton hat ein schönes Haus [...]. Danton war arm, wie Ihr. Woher hat er das Alles? [...] Was hat Robespierre? der tugendhafte Robespierre. Danton’s Tod

2. Übergreifende Themen

Als Geschichtsdrama reflektiert Danton’s Tod den dargestellten historischen Stoff vor dem Hintergrund der revolutionären Atmosphäre der 1830er Jahre und der jüngsten politischen Auseinandersetzungen nach der Julirevolution.

Sozialrevolutionäre Gesellschaften in FrankreichBüchner war während seines Studiums in Straßburg mit der französischen „Société des droits de l’homme“ („Gesellschaft der Menschenrechte“) in Berührung gekommen und möglicherweise ihr Mitglied geworden. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland gründete er in Gießen und Darmstadt eigene Sektionen dieser Gesellschaft. In der französischen „Société des droits de l’homme“ galten die von Robespierre vertretenen sozialen Grundsätze als wegweisend; Danton spielte in ihr fast keine Rolle. Dies ist ein guter Grund für manche Interpreten, bei Büchner Parteilichkeit für Robespierre und gegen Danton zu vermuten. Die meisten Leser scheinen dieser Lesart allerdings nicht zu folgen.

Büchner und Heine Büchner bereicherte die Äußerungen der Dantonisten in der ersten Szene mit Anleihen an das aktuelle Programm einer sensualistischen Emanzipation, wie sie von Heinrich Heine und den Jungdeutschen in den Jahren 1834/35 propagiert wurde. Camille Desmoulins sagt (Danton's Tod I/1):

Wir wollen den Römern nicht verwehren sich in die Ecke zu setzen und Rüben zu kochen aber sie sollen uns keine Gladiatorspiele mehr geben wollen.
Der göt[t]liche Epicur und die Venus mit dem schönen Hintern müssen statt der Heiligen Marat und Chalier die Thürsteher der Republik werden. Danton’s Tod

Damit verleiht Büchner dem politischen Konflikt eine weitere Dimension. Die Robespierristen stehen in dem Drama für Askese ("Rüben kochen") und Tugendrigorismus in einer Traditionslinie von der römischen Republik ("die Römer") über den judäochristlichen Theismus und Märtyrerkult ("der Heilige Marat") bis zum Jakobinismus. Die Dantonisten stehen dagegen für Sinnenfreude und Liberalismus in der Tradition der Republik von Athen und des Epikuräismus.

Eine überzeitliche Perspektive verleiht auch die Figur des St. Just in seiner Rede vor dem Konvent (Danton's Tod II/7) dem jakobinischen Programm.

Saint-Just, anonym, musee du château de Blérancourt.jpg

Anonym, Saint-Just, musée franco-américain du château de Blérancourt

St. Just setzt politisches Handeln - bei ihm das Handeln der "moralischen Natur" - in Analogie zum Handeln der "physischen Natur", das sich in Vulkanausbrüchen, Überschwemmungen und Seuchen manifestiert. Solche Handlungen der Natur "begraben Tausende". St. Just fragt seine Zuhörer:

[...] soll die moralische Natur in ihren Revolutionen mehr Rücksicht nehmen, als die physische? Soll eine Idee nicht eben so gut wie ein Gesetz der Physik, vernichten dürfen, was sich ihr widersezt? Soll überhaupt ein Ereigniß, was die ganze Gestaltung der moralischen Natur d. h. der Menschheit umändert, nicht durch Blut gehen dürfen? Danton’s Tod

Es liegt nahe, in dieser Rede eine Vorwegnahme der totalitären politischen Programme des 20. Jahrhunderts zu sehen.

3. Wortspiele, drastische Sprache

Büchner gestaltet das Geschehen in 32 lose gereihten Einzelszenen und wechselt dabei zwischen öffentlichen und privaten Schauplätzen. Die Szenen sind außer durch den historisch vorgegebenen Prozessablauf durch wiederkehrende Bildbereiche wie Gewalt, Tod und Theater sowie durch eine körperlich drastische Metaphorik verklammert.

Diese Metaphorik betrifft unter anderem die Revolution (Danton's Tod I/1):

Ihr habt Kollern im Leib und sie haben Magendrücken, ihr habt Löcher in den Jacken und sie haben warme Röcke, ihr habt Schwielen in den Fäusten und sie haben Sammthände. [...] Wir wollen ihnen die Haut von den Schenkeln ziehen und uns Hosen daraus machen. Danton’s Tod

Sie betrifft die allgegenwärtigen Themenbereiche von Sterben, Tod und Verwesung. Danton sagt (Danton's Tod IV/3):

Es ist mir, als röch’ ich schon. Mein lieber Leib, ich will mir die Nase zuhalten und mir einbilden du seyst ein Frauenzimmer, was vom Tanzen schwizt und stinkt und dir Artigkeiten sagen. [...]  Morgen bist du eine durchgerutschte Hose, du wirst in die Garderobe geworfen und die Motten werden dich fressen, du magst stinken wie du willst. Danton’s Tod

Sie betrifft käufliche Sexualität. Eine Mutter erklärt dem Vater das Verhalten ihrer Tochter so (Danton's Tod I/2):

Du Judas, hättest du nur ein Paar Hosen hinaufzuziehen, wenn die jungen Herren die Hosen nicht bey ihr herunterließen? Danton’s Tod

Sie betrifft nicht-käufliche Sexualität. Ein "junger Herr" erklärt einem jungen Mädchen die Schwangerschaft einer mit einem "alten Herrn" verheirateten "hübschen Dame" so (Danton's Tod II/2): 

Man sagt ihr Friseur habe sie à l’enfant frisirt. Danton’s Tod

Und Danton wirbt für zwischenmenschliche Toleranz mit den Worten (Danton's Tod IV/5):

Was sollen wir uns zerren? Ob wir uns nun Lorbeerblätter, Rosenkränze oder Weinlaub vor die Schaam binden, oder das häßliche Ding offen tragen und es uns von den Hunden lecken lassen? Danton’s Tod

Drastische Züge kann auch eine Argumentation über Gottesvorstellungen annehmen. Über das Gottesbild des Pantheismus sagt Payne (Danton's Tod I/2):

Sie müssen mir zugestehen daß es gerade nicht viel um die himmlische Majestät ist, wenn der liebe Herrgott in jedem von uns Zahnweh kriegen, den Tripper haben, lebendig begraben werden oder wenigstens die sehr unangenehmen Vorstellungen davon haben kann. Danton’s Tod

Überlegungen zur conditio humana sind durchgehend Gegenstand der Gespräche (Danton's Tod II/1 und IV/7).

– Es wurde ein Fehler gemacht, wie wir geschaffen worden. Danton’s Tod
–  Sind wir wie Ferkel, die man für fürstliche Tafeln mit Ruthen todtpeitscht, damit ihr Fleisch schmackhafter werde? Danton’s Tod

Karl Gutzkow, der für die Veröffentlichung zuständige Verlagsmitarbeiter, hat später darüber geklagt, welche Mühe es ihn kostete, das Drama so zurechzustutzen, dass der Frankfurter Zensor bereit war, die Druckerlaubnis zu erteilen: LZ 4570 Gutzkow 1837

Büchner studirte Medizin. Seine Phantasie spielte mit dem Elend der Menschen, in welches sie durch Krankheiten gerathen; ja die Krankheiten des Leichtsinns mußten ihm zur Folie seines Witzes dienen. [...] Als ich nun, um dem Censor nicht die Lust des Streichens zu gönnen, selbst den Rothstift ergriff, und die wuchernde Demokratie der Dichtung mit der Scheere der Vorcensur beschnitt, fühlt’ ich wohl, wie grade der Abfall des Buches, der unsern Sitten und unsern Verhältnissen geopfert werden mußte, der beste, nämlich der individuellste, der eigenthümlichste Theil des Ganzen war. Lange zweideutige Dialoge in den Volksscenen, die von Witz und Gedankenfülle sprudelten, mußten zurückbleiben. Die Spitzen der Wortspiele mußten abgestumpft werden oder durch aushelfende dumme Redensarten, die ich hinzusetzte, krumm gebogen.

In programmatischen Äußerungen zu seinem Drama in einem Brief an die Eltern vom 28. Juli 1835 betonte Büchner Merkmale wie Geschichtstreue, Wirklichkeitsnähe und Authentizität vor allem der Sprache sowie Antiidealismus in der Personengestaltung. „[D]er dramatische Dichter“ stehe über dem „Geschichtschreiber [...] dadurch, daß er [...] uns gleich unmittelbar, statt eine trockne Erzählung zu geben, in das Leben einer Zeit hinein versetzt“. Er sei „kein Lehrer der Moral“, sondern überlasse es dem Publikum, aus dem Dargestellten zu „lernen“. 28. Juli 1835. An die Eltern in Darmstadt

4. Entstehung und Quellen

LZ 3440 Wilhelm Büchner Dezember 1878Schon der Schüler Georg Büchner kannte das Geschehen der Französischen Revolution aus der Familienüberlieferung und aus der Lektüre von Unsere Zeit, einem populären Sammelwerk in Fortsetzungsheftchen mit historischen Dokumenten und plastischen Schilderungen der Revolutionsereignisse. Georg Büchner, ein „Vergötterer der Revolution“ In seinen Schülerschriften bezog er sich mehrfach positiv auf die Revolution, ebenso im Hessischen Landboten, und stand auch als Sympathisant oder Mitglied der französischen „Société des droits de l’homme“ in der Revolutionstradition, und zwar in der von Robespierre vorgezeichneten Richtung. LZ 1660 Alexis Muston, Journal d’étudiant Sein Straßburger Freund Alexis Muston bezeichnete ihn als sogar „idolâtre de la révolution“, als „Vergötterer der Revolution“.

7.2. Burghard Dedner: Der Fatalismusbrief Büchner „studirte die Geschichte der Revolution“ im Januar 1834. Vermutlich las er zu dieser Zeit Louis Adolphe Thiers’ Standarddarstellung Histoire de la Révolution française. Er fühlte sich – so schrieb er Minna Jaeglé– bei der Lektüre „zernichtet“ angesichts der politisch organisierten „terreur“ („Guillotinmesser“) und einer nicht mehr steuerbaren revolutionären Volksgewalt („Der Einzelne nur Schaum auf der Welle“). Nach Mitte Januar 1834. An Wilhelmine Jaeglé in Straßburg Elemente aus diesem Brief übernahm Büchner in das Drama; sie bestimmen dort Dantons traumatische Erinnerung an die Septembermorde. Danton’s Tod

Büchner teilte Gutzkow am 21. Februar 1835 mit, er habe das Stück „in höchstens fünf Wochen“, also ab Mitte Januar 1835, geschrieben. 21. Februar 1835. An Karl Gutzkow in Frankfurt am Main Dedner, Zur Druckgeschichte von Danton's TodDiese Angabe bezieht sich vermutlich auf die Anfertigung des endgültigen Manuskripts.

Tatsächlich ist bei Danton’s Tod, ebenso wie bei Büchners anderen Werken, von einer stufenweisen Entstehung des Textes auszugehen (vgl. MBA III.2, S. 216-222). Anhand von historischen Darstellungen machte er erste konzeptuelle Entwürfe, die er anschließend sukzessive ausarbeitete. Diese Vorarbeiten in Form von Quellenexzerpten und Szenenentwürfen reichen mindestens bis zum Herbst 1834 zurück LZ 3420 Jaspers, Über die Entleihungen Büchners und sind durch Ausleihen etlicher von ihm verwandter Quellen aus der Darmstädtischen Hofbibliothek seit dem 1. Oktober belegt. So entlieh Büchner unter anderem vom 1. bis 19. Oktober Louis Adolphe Thiers’ Histoire de la Révolution française (1823–1827) und Louis-Sébastien Merciers Tableau de Paris (1781/88), am 1. November die Bände I und II der Œuvres politiques von Jean-Jacques Rousseau, vom 17. bis 24. Dezember die Galérie historique des contemporains (1818) und Le Nouveau Paris (1799/1800), wiederum von Louis-Sébastien Mercier.

Die beiden Hauptquellen für Danton’s Tod sind Johann Konrad Friederichs Unsere Zeit, oder geschichtliche Uebersicht der merkwürdigsten Ereignisse von 1789–1830 (1826–1828), das Büchner schon aus seinem Elternhaus von abendlichen Lesungen her kannte, und der sechste Band von Louis Adolphe Thiers’ Histoire de la Révolution française (1825). Thiers’ Revolutionsgeschichte mit ihrem Fokus auf der Eigendynamik gesellschaftlicher Umwälzungen wurde der ‚fatalistischen’ Schule der Geschichtsschreibung zugerechnet und erweckte in Büchner – wie er Minna Jaeglé Mitte Januar 1834 schrieb – die Vorstellung vom „gräßlichen Fatalismus der Geschichte“. Nach Mitte Januar 1834. An Wilhelmine Jaeglé in Straßburg

Er zog Thiers’ Darstellung nun vor allem als Strukturquelle für den Handlungsverlauf und die politischen Kontroversen seines Dramas heran. Als weitere Quellen sind neben den schon genannten Texten von Mercier und der Galérie historique vor allem Werke von Charles Nodier und Pierre-Joseph Roussels konterrevolutionäre Histoire secrète du tribunal révolutionnaire zu nennen. Aus diesen Quellen übernahm Büchner rund 20 Prozent seines Textes in Form von Reden, Personencharakterisierungen und Situationsbeschreibungen. Büchner und Heine Kurz vor Absendung des Manuskripts veranlasste ihn die Lektüre von Heinrich Heines eben erschienener Abhandlung Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland in Salon. Zweiter Band (1835) noch zur Überarbeitung der ersten Szene. Danton’s Tod

Historisch freier gestaltete Büchner die privaten Szenen und hier besonders die Frauengestalten. Dabei wich er bisweilen deutlich von den historischen Ereignissen ab, etwa wenn er Dantons Frau Julie den Freitod wählen ließ. Danton’s Tod  Die tatsächliche Gattin Dantons, Sebastienne-Louise Gely, starb erst 1856. 

Besonders eng nach den Quellen gearbeitet ist die Rede Robespierres im „Jakobinerclubb“ (I. Akt, 3. Szene). Danton’s Tod

Dedner, Schreibstrategien, Kap. 3 Das gleiche gilt für Robespierres Rede im Konvent (II. Akt, 7. Szene). Danton’s Tod

Dedner, Schreibstrategien, Kap. 6Aber auch Dantons Reden vor dem Revolutionstribunal Danton’s Tod folgen wörtlich dem historischen Original.

Diese Einarbeitung historischer Dokumente, die Büchner je nach Bedarf kompilierte und verdichtete, verbürgt die von ihm angestrebte Authentizität vor allem der öffentlichen Auftritte der Revolutionspolitiker. Dedner, Schreibstrategien, Kap. 7 Sie eröffnet jedoch zugleich die Möglichkeit einer Kritik der revolutionären Phraseologie. „Geht einmal euren Phrasen nach“, sagt in diesem Sinne die Dramenfigur Mercier. Danton’s Tod „Das sind Phrasen für die Nachwelt“, sagt die Dramenfigur Hérault. Danton’s Tod Dedner, Schreibstrategien, Kap. 8 Und schließlich nutzte Büchners eine Quellenkentnisse auch für humoristische Effekte zur Darstellung von "politisch korrektem Sprechen". In der Szene II/2 berät sich z.B. ein Vater mit einem besonders linientreuen Revolutionsanhänger über die Namen für den neugeborenen Sohn. Das Ergebnis lautet: "Pike, Pflug, Robespierre, das sind hübsche Namen, das macht sich schön." Danton’s Tod Büchner entnahm die Einzelheiten zu dieser Groteske der Quelle Unsere Zeit.

Büchner und Shakespeare Literarische Anregungen erhielt Büchner vor allem von den Dramen Shakespeares. So lassen sich etwa in Dantons Albtraumszene (II. Akt, 5. Szene) Danton’s Tod zahlreiche Anregungen durch Macbeth, aber auch Richard III. und Julius Caesar nachweisen; einzelne von schwarzem Humor geprägte Dialoge im IV. Akt, Szenen 4 Danton’s Tod und 9 Danton’s Tod folgen dem Dialog zweier Totengräber in Hamlet (V. Akt, 1. Szene), Luciles Monolog in IV. Akt, 8. Szene Danton’s Tod variiert Elemente aus dem Schlussmonolog in König Lear.

Büchner und Goethe Daneben finden sich zahlreiche Einflüsse von Goethe, hier vor allem aus Egmont und Faust I, daneben auch aus Tiecks Erzählungen und Schillers Dramen.

5. Überlieferung

Am 21. Februar 1835 übersandte Büchner ein Manuskript von Danton‘s Tod an den Frankfurter Verleger Johann David Sauerländer. Dedner, Zur Druckgeschichte von Danton's Tod“Vermutlich handelte es sich dabei um das Manuskript, das sich heute im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar befindet. Sauerländer sollte das Manuskript an den Verlagsredakteur, den Schriftsteller und Literaturkritiker Karl Gutzkow weiterleiten. In einem beiliegenden Brief bat Büchner um Annahme und rasche Publikation des Dramas. 21. Februar 1835. An Karl Gutzkow in Frankfurt am Main Hintergrund des Drängens waren Büchners bevorstehende Flucht nach Frankreich Anfang März 1835 und die dafür dringend benötigten Geldmittel. Gegen das mäßige Honorar von zehn Friedrichsd’or sagte Sauerländer eine Publikation des Dramas zu. Es erschien zunächst in Auszügen in zehn Folgen vom 26. März bis zum 7. April 1835 in der Zeitung Phönix, dessen Literatur-Blatt Gutzkow betreute, dann kurz darauf, Anfang Juli, als Buch in einer Auflage von rund 400 Exemplaren.

Beide Druckfassungen waren von Karl Gutzkow stark bearbeitet worden, um einer möglichen Zensur durch die Behörden zuvorzukommen. Gutzkows Koredakteur Eduard Duller setzte außerdem den Untertitel „Dramatische Bilder aus Frankreichs Schreckensherrschaft“ hinzu. Büchner, der zwar die Erlaubnis zu Änderungen gegeben, aber die rund 200 Eingriffe wie auch den Untertitel nicht im Einzelnen autorisiert hatte, war über das Ergebnis verärgert. LZ 4570 Gutzkow 1837 Gutzkow hatte, neben einigen blasphemischen Äußerungen und Vulgarismen, vor allem anstößige sexuelle Anspielungen getilgt oder entschärft. „Der ächte Danton von Büchner ist nicht erschienen. Was davon herauskam ist ein nothdürftiger Rest, die Ruine einer Verwüstung, die mich Ueberwindung genug gekostet hat“, schrieb er 1837 in seinem Büchner-Nachruf „Ein Kind der neuen Zeit“.

Von den Vorarbeiten und Entwürfen zu Danton’s Tod haben sich keine Zeugnisse erhalten. Dedner, Zur Druckgeschichte von Danton's Tod“ Erschließbar sind allenfalls zwei kleinere Varianten aus einer Entwurfshandschrift. Erhalten hat sich jedoch die an Sauerländer übersandte Handschrift, von der wir vermuten, dass sie die Grundlage für Gutzkows Bearbeitung des Textes und die Druckfassungen lieferte (Faksimile und differenzierte Umschrift in Marburger Büchner Ausgabe III.1, S. 3–337). Damit ist Danton’s Tod das einzige poetische Werk Büchners, das in einer gültigen Endfassung überliefert ist.

Auf den ersten Blick wirkt die Handschrift freilich nicht wie eine normale Reinschrift, sondern eher wie eine redigierende Abschrift von Entwürfen. Sie enthält noch zahlreiche Korrekturen, später gefüllte Arbeitslücken, Randeinträge, Tilgungen und Ergänzungen. Dedner, Zur Druckgeschichte von Danton's Tod“ Büchner hat sie jedoch komplett durchkorrigiert und undeutliche Schreibungen sorgfältig verbessert. 2.8. Büchners gerichtliche VerfolgungDie Tatsache, dass Büchner das Manuskript in diesem Zustand versandte, war sicher dem Zeitdruck geschuldet, in den er aufgrund der drohenden Verhaftung geraten war.

Dem hier präsentierten Text liegt eine emendierte Fassung dieser, von Büchner als Druckvorlage bestimmten Handschrift zugrunde. Die MBA vermutete zu dieser Handschrift, dass Büchner nach Drucklegung des Dramas und Zurückerhalt des Manuskripts in ihr noch zwei Änderungen vorgenommen habe. Es handelt sich um die Überschreibung des Wortes „Unschuldige“ durch „Unglückliche“ in IV,1 Danton’s Tod und die Umstellung der Szenen IV,1 und IV,2. Sie wurden in der MBA nicht berücksichtigt.Dedner, Zur Druckgeschichte von Danton's Tod“ Da die These der MBA durch röntgenologische Tintenanalysen widerlegt wurde, folgt die hier vorgelegte Textfassung an diesen Stellen nicht der MBA, sondern den Befunden in der Handschrift.

6. Rezeption

WZ 120 Gutzkow, Rezension von Danton’s Tod Die Publikation von Danton’s Tod flankierte Karl Gutzkow mit einer enthusiastischen Rezension im Literatur-Blatt Nr. 27 des Phönix vom 11. Juli 1835, in der er Büchner als „Genie“ feierte.

Kampagne gegen das Junge Deutschland Gutzkow publizierte – ebenfalls im Juli 1835 – seinen relativ freizügigen und religionskritischen Roman Wally, die Zweiflerin und versuchte gleichzeitig durch die Gründung einer ambitionierten literarischen Zeitschrift, der Deutschen Revue, den jungdeutschen Literaten ein eigenes Forum zu verschaffen. Damit gab er zugleich dem einflussreichen konservativen Literaturkritiker Wolfgang Menzel und dessen Gefolgschaft Gelegenheit zu einer breit angelegten Kampagne gegen das Junge Deutschland.

Von ihr wurde auch Danton’s Tod als ein von Gutzkow angepriesenes Drama betroffen. WZ 300; Felix Frei, Rezension von Danton’s Tod So zählte eine im Literarischen Notizenblatt, einer Beilage der Dresdner Abend-Zeitung, unter dem Pseudonym Felix Frei erschienene Rezension Danton’s Tod unter die „Bücher“, die „jede gute Staatspolizei […] möglichst verhinder[n]“ sollte.

LZ 3700 Georg Fein, Aufzeichnungen Kritik kam aber auch aus den Reihen der Oppositionellen. Georg Fein, Mitinitiator des Hambacher Festes, führende Figur unter den politischen Emigranten und ein Bekannter Georg Büchners in Straßburg, meinte, „die großartigen revolutionairen Charaktere“ seien in dem Drama „höchst kleinlich aufgefaßt“, die „ganze abgemessene, nüchterne, kritisirende und abstrakt-philosophische“ Art der Darstellung zeige, dass es Büchner „an Gemüth fehlt“. Zeitleiste 28. August 1835 Fein veranlasste vermutlich eine Intrigue gegen Büchner von seitens des in der Schweiz ansässigen Geheimbundes "Junges Deutschland".

WZ 1660 Julian Schmidt, Rezension 1851 Auch der Literarhistoriker Julian Schmidt, der die weitere Rezeption des Danton maßgeblich steuern sollte, bemängelte, dass Büchner, nachdem er schon aus Danton einen „Blasirten“, einen „Hamlet mit einer Vorgeschichte“, gemacht hatte, nun auch noch Robespierre mit Selbstzweifeln ausstattete und also „mit dem Scheidewasser seines Skepticismus“ „zersetz[e]“.

LZ 4570 Karl Gutzkow 1837 Gutzkow schrieb über Danton’s Tod: „Es tobte eine wilde Sanscülottenlust in der Dichtung; die Erklärung der Menschenrechte wandelte darin auf und ab, nackt und nur mit Rosen bekränzt.“ Er war vermutlich der einzige zeitgenössische Kritiker, der das Stück als prorevolutionär deutete.

WZ 568 Marggraff, Rezension Ein distanzierterer Bewunderer des Dramas, Hermann Marggraff, urteilte dagegen, „daß der Revolutionär Büchner eben so wenig für den Wohlfahrts-Ausschuß Sympathie fühlte, als daß er je im Stande gewesen wäre, die Herrschaft des Pöbels für Volkssouveränität zu halten“. Insgesamt habe er er das Drama als empfindliche Attacke auf seine Sinne empfunden: „Bei diesem genialen Cynismus wird dem Leser zuletzt ganz krankhaft pestartig zu Muthe und unheimlich; er schließt die Augen, er hält die Ohren, die Nase zu“.

Nach der Textpräsentation in den von Ludwig Büchner herausgegebenen Nachgelassenen Schriften Georg Büchners und vor dem Druck in der von Karl Emil Franzos herausgegebenen Ausgabe Georg Büchner’s Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß (1879) erschienen weite Teile des Dramas in der Anthologie Die deutschen Dramatiker der Neuzeit (Hildburghausen 1863, S. 149-186) mit einem Vorwort von Karl Arnold Schlönbach.   

Spätere Rezipienten diskutierten mit sehr unterschiedlichem Ergebnis Büchners Parteilichkeit für eine der drei Parteien des Dramas, für die Robespierristen, die Dantonisten oder das Volk. Sie sahen ihn als Anhänger oder als dezidierten Gegner von St. Just oder verstanden das Drama als Indiz eines Reifungsprozesses und damit häufig als „Abschied von der Revolution“ (Jürgen Manthey,  Neue Rundschau 98, 1987, S. 93-111). Büchners Verzicht auf eine Geschichtsteleologie wie auch auf die Heroisierung einzelner Akteure sowie auch die in alle Richtungen phrasen- und ideologiekritische Darstellung erschwert offensichtlich die eindeutige Zuordnung des Autors zu einer der dargestellten Positionen. Dies trug Büchner zwar Nihilismus- und Zynismusvorwürfe ein; jedoch ist diese Rätselhaftigkeit sicher einer der Gründe für die anhaltende Wirkung des Dramas.

Die Uraufführung des Stückes fand erst 1902 in Berlin am Belle-Alliance-Theater durch die Neue Freie Volksbühne statt. Vor allem Max Reinhardts Inszenierung des Stücks am 17. Dezember 1916 trug dann zu einer breiteren Wahrnehmung von Danton’s Tod auf dem Theater bei. 1921 erfolgte unter der Regie von Dimitri Buchowetzki die erste Verfilmung mit dem Titel Danton, der später weitere Film- und Fernsehproduktionen folgten. Der Komponist Boris Blacher schrieb auf der Grundlage von Büchners Text ein Libretto für Gottfried von Einems Oper Danton’s Tod, die 1947 uraufgeführt wurde.

7. Zum Text

Der Text folgt in leicht modifizierter Form dem Emendierten Text in Marburger Büchner Ausgabe III.2 (2000), S. 1–81, der seinerseits dem bis heute erhaltenen Manuskript Büchners folgt. Einige der in der Marburger Büchner Ausgabe vorgenommenen Emendationen wurden nicht übernommen. Alle Emendationen sind in der hier vorliegenden Darstellung markiert.

 

Text: Tilman Fischer (Juni 2014) / Burghard Dedner (Januar 2016); letzte Bearbeitung Dezember 2016