2.2. Frankfurter Wachensturm

Der Frankfurter Wachensturm vom 3. April 1833 war der historisch erste Versuch einer Revolutionierung der politischen Verhältnisse in ganz Deutschland. Die Freie Stadt Frankfurt war der Sitz des Bundestages, also des obersten Organs des Deutschen Bundes, und wurde deshalb als Ort des Aufstandes gewählt. Die Aufständischen rechneten dabei mit einer gleichzeitigen Erhebung des württembergischen Militärs, einem Aufstand im Schwarzwald wie auch mit der tätigen Unterstützung durch die Frankfurter Bürger und die Landbevölkerung in Hessen von Darmstadt bis ins nördliche Biedenkopf. Ihr Unternehmen sollte in einem revolutionären Flächenbrand zunächst in Südwestdeutschland, dann in Gesamtdeutschland resultieren. Tatsächlich war der Aufstand schon im voraus verraten worden, und die Aufständischen in Frankfurt fanden keinerlei Unterstützung von anderer Seite.

Die „Gesellschaft der Menschenrechte“ in Gießen Die unmittelbar und aktiv Beteiligten waren zumeist Studenten aus Heidelberg und Würzburg. Studenten der Universität Gießen waren in das Vorhaben eingeweiht, aber meist nicht in Frankfurt anwesend. Von den 28 bekannt gewordenen Gießener Teilnehmern am Wachensturm konnten neun fliehen, unter ihnen z. B. der mit vielen Freunden Büchners befreundete Eduard Scriba. 15 Verdächtige wurden seit Ende Mai 1833 nach und nach verhaftet - davon 13 im Großherzogtum Hessen - und unterschiedlich lange inhaftiert: am 22. Mai Jacob Friedrich Schütz, Georg Gladbach und Christian Kriegk, dann im Juni Ludwig Keller, am 30. Juli Gustav Clemm und Heinrich Ferber, im Herbst schließlich August Gros, Carl Stamm, Hermann Wiener, Wilhelm Braubach, Ludwig Rosenstiel und die Handwerker  Georg Melchior Faber und David Schneider (vgl. Görisch/Mayer (Hrsg.): Untersuchungsberichte zur republikanischen Bewegung in Hessen 1831–1834. Frankfurt a. M. 1982, S. 198 f. und 368). Etwa die Hälfte der späteren Mitglieder der von Büchner gegründeten Sektionen der „Gesellschaft der Menschenrechte“ gehörte zu dieser Gruppe der Eingeweihten.

Der „Oberhessische Preßverein“ Eingeweiht und an den Planungen beteiligt waren außerdem der ebenfalls zeitweilig verhaftete Friedrich Ludwig Weidig aus Butzbach und etliche seiner Schüler, Georg Bunsen, einer der Führer der Frankfurter „Union“, und vermutlich auch Sylvester Jordan, der später auch dem „Oberhessischen Preßverein“ nahe stand.

Viele der Beteiligten wurden im März 1834 mangels Beweisen freigelassen. Büchner berichtet davon in seinem Brief an die Eltern vom 19. März 1834: "Die in Friedberg Verhafteten sind frei, mit Ausnahme von Vieren." 19. März 1834. An die Eltern in Darmstadt Einige von ihnen wurden dann ab April 1835 im Zusammenhang mit dem Verrat des Hessischen Landboten erneut verhaftet, die anderen emigrierten.

Das Ziel der Revolution war vermutlich nicht eindeutig definiert. Georg Gladbach, einer der Untersuchungshäftlinge in Friedberg und dann in Darmstadt, äußerte sich so:

„Ich erinnere mich zwar nicht, daß darüber in irgend einer der Versammlungen ausdrücklich discutirt worden wäre, allein sämmtliche Anwesenden hegten die Ansicht, daß durch die Revolution die Vereinigung Deutschlands in Einen Staat durch die Vertreibung der in Deutschland herrschenden Dynastieen bezweckt wurde.“ (zit. nach Martin Schäffer, Actenmäßige Darstellung der im Großherzogthume Hessen in den Jahren 1832 bis 1835 stattgehabten hochverrätherischen und sonstigen damit in Verbindung stehenden verbrecherischen Unternehmungen, Darmstadt 1839, S. 32)

Ein Behördenbericht von 1834 stellte die Ereignisse so dar:

„Am 3. April 1833 abends um halb zehn Uhr wurden in der freien Stadt Frankfurt am Main die an den beiden Enden der Zeil Straße gelegenen Wachhäuser, die Hauptwache und die KonstablerWache, – gleichzeitig von einer Anzahl Bewaffneter überfallen, die Schildwachen und mehrere andere Frankfurter Linien-Soldaten teils getötet, teils verwundet, und die übrige in den Wachstuben versammelte Wachmannschaft von ihren in den Vorhallen hängenden Gewehren abgeschnitten und zerstreut. Sogleich wurden auch die in den WachGebäuden wegen politischer Vergehen im Untersuchungs-Arreste befindlichen Gefangenen befreit, teilweise bewaffnet, und eben so wie die durch den Tumult herbeigezogene Volksmenge aufgefordert, sich den Aufrührern anzuschließen.
Da aber diese Aufforderung ohne die erwartete Wirkung blieb; so vermochten sich die Aufrührer gegen das nach einiger Zeit aus der Kaserne heranrückende Bataillon Linien Militär nicht zu behaupten, sondern wurden durch letzteres von der Hauptwache ohne eigentlichen Widerstand und von der KonstablerWache nach einer kurzen, aber lebhaften Gegenwehr wieder vertrieben, so daß der ganze Aufstand – bei welchem übrigens, ohne die heimlich bei Seite geschafften Toten und Verwundeten der Aufrührer, von beiden Seiten neun Personen getötet und vierundzwanzig meist schwer verwundet wurden, – nach Verlauf von ungefähr einer Stunde gedämpft war. Der Zweck dieses Aufstandes war der Anfang einer Revolution, welche sich über ganz Deutschland verbreiten, und, nach dem Umsturze aller bestehenden Regierungen, dessen Vereinigung in Ein Reich mit republikanischer Verfassung bewirken sollte.“ (Zit. nach Reinhard Görisch u. Thomas Michael Mayer (Hrsgg.): Untersuchungsberichte zur republikanischen Bewegung in Hessen 1831–1834. Frankfurt a. M. 1982, S. 41; vgl. Marburger Büchner Ausgabe Bd. X.2, S. 141)

Büchners Eltern fürchteten anscheinend, dass auch Georg am Wachensturms teilgenommen habe. Er verneinte dies in seinem Antwortbrief vom 5. April 1833 5. April 1833. An die Eltern in Darmstadt und schrieb, er könne „in den Deutschen“ nicht „ein zum Kampf für sein Recht bereites Volk sehen“. 6.3. Burghard Dedner: Büchners Ansichten über revolutionäre Gewalt Daher beteilige er sich nicht an solchen Putschversuchen. Dennoch glaube er:

„Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt. Wir wissen, was wir von unseren Fürsten zu erwarten haben. Alles, was sie bewilligten, wurde ihnen durch die Nothwendigkeit abgezwungen.“

Im Einklang mit führenden französischen Sozialrevolutionären war Büchner überzeugt, dass revolutionäre Organisationen und eine in die Breite wirkende revolutionäre Propaganda einem möglichen Aufstand vorausgehen müssten.

LZ 4570 Gutzkow Auch Karl Gutzkow nahm an, dass Büchner wegen seiner Beteiligung am Wachensturm habe fliehen müssen.

WZ 568 Marggraff, Rezension Von ihm übernahmen andere Kritiker diese irrige Ansicht, so unter anderem Hermann Marggraff.

 

Text: Burghard Dedner (Juni 2014); zuletzt bearbeitet: März 2017