4.1. Darmstadt zur Zeit Georg Büchners

1279 Häuser, „(darunter 53 öffentliche)“ und über 21.000 Einwohner „(darunter 532 Juden)“ vermerkt das Brockhaus Conversations-Lexikon aus dem Jahr 1830 für Darmstadt. Die Stadt war seit 1567 Residenz der Landgrafen von Hessen-Darmstadt und wurde mit dem Beitritt Landgraf Ludwigs X. zum Rheinbund Haupt- und Residenzstadt des Großherzogtums Hessen-Darmstadt, das dieser dann zwischen 1815 und 1830 als Großherzog Ludewig I. von Hessen-Darmstadt und bei Rhein regierte. Sie  war zugleich Sitz der höchsten Staatsbehörden und eines Oberappellationsgerichts.

Neben dem Residenzschloss galten als besonders sehenswert: das Großherzogliche Museum mit der zugehörigen Zeichenschule, die Hofbibliothek, das Opern- und das Exerzierhaus sowie das als „Pädagog“ bezeichnete Gymnasium, sämtlich Einrichtungen, die den Bedürfnissen des absolutistisch geprägten Fürstenstaates entsprachen, von denen aber auch die bürgerlichen Schichten der Residenzstadt profitierten. Rund ein Drittel der Einwohner gehörte dem großherzoglichen Verwaltungsapparat an, in dessen führenden Positionen eine bürgerliche Beamtenschaft dominierte, eine Konstellation, die für das gesamte Großherzogtum charakteristisch war. Die nach 1815 errichteten Neubauten gaben der Stadt ein klassizistisches Gepräge, das vielen Betrachtern als eindrucksvoll, andern in seiner Menschenleere als langweilig erschien. Über Darmstadts Pracht- und Hauptstraße überlieferte Alexander Büchner später den Spottvers: „So lang und breit die Rheinstraß‘ ist, / Es wimmelt drin – Ein Accessist.“

Aufgebrochen wurde diese für Residenzstädte typische Abhängigkeit vom Hof durch oppositionelle Gruppen. Schon in den 1810er Jahren riefen die Darmstädter „Schwarzen“ die Bauern des Umlands zum Steuerboykott auf und erreichten mit ihrer Agitation die Einführung einer Verfassung (1820). Prominent unter ihnen war Wilhelm Schulz, der Autor des Frag- und Antwort-Büchleins an den deutschen Bürgers- und Bauersmann (1819), einer Schrift, die viele Motive des Hessischen Landboten vorwegnahm. Schulz, der 1834 zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde, gelang Ende des Jahres die Flucht aus dem Gefängnis. In den Jahren des Straßburger und Züricher Exils waren er und seine Frau enge Freunde Büchners. Auch einige der Handwerker, die zusätzlich zu den Studenten 1834 Büchners Darmstädter Sektion der „Gesellschaft der Menschenrechte“ beitraten, standen in der Tradition der „Schwarzen“.

Angepasstheit einerseits, radikale Opposition andererseits waren auch Kennzeichen des „Pädagogs“, das Büchner in den Jahren 1825 bis 1831 besuchte. Die Funktion der Schule war es, Führungskräfte für den Staats- und Schuldienst, die Kirche und das Gesundheitswesen heranzuziehen, und dementsprechend erwarb auch Büchner auf dieser – zweifellos sehr guten – Schule ausgezeichnete rhetorische Fertigkeiten und Kenntnisse im Lateinischen, Griechischen und Französischen sowie in Geschichte und antiker Philosophie. Mit ähnlich gesinnten Gleichaltrigen begeisterte sich der nicht einmal Fünfzehnjährige für die Sprache in Shakespeares Dramen. Zugleich war die Schule, wie der Schuldirektor Carl Dilthey beklagte, eine Brutstätte revolutionärer Gesinnungen. Unter den 1833 wegen mutmaßlicher Beteiligung am Frankfurter Wachensturm Verhafteten befanden sich über zehn Absolventen des Pädagogs aus den ‚Abitursklassen‘ 1827 bis 1831; eine Reihe weiterer Absolventen gewann Büchner 1834 für die „Gesellschaft der Menschenrechte“. Bereits Büchners Schulhefte spiegeln diesen hohen Grad an Politisierung. In einem sicher für Lehreraugen bestimmten Aufsatz zitierte Büchner aus einer Rede Robespierres und nannte die Französische Revolution ein Ereignis, das „in blutigem aber gerechtem Vertilgungs-Kampfe die Greuel rächte, die Jahrhunderte hindurch schändliche Despoten an der leidenden Menschheit verübten“. In seinen letzten Schulstunden notierte er aus dem Gedächtnis eine Reihe von Versen aus dem von Gießener und Jenaer „Schwarzen“ verfassten „Großen Lied“, das in eindeutigen Worten den Fememord an Fürsten zelebrierte.

Schließlich ging der Riss zwischen Anpassung und Opposition auch durch Büchners Familie. Der Vetter Edouard Reuss unterschied später zwischen den von Bechtolds und den von Carlsens, Büchners Verwandten mütterlicherseits, die „zum Hof und zur Beamtenwelt« zählten, und Büchners engerer Familie, die »zur Opposition gehörte“ und „mit den übrigen keine Gemeinschaft“ hatte. Besonders sinnfällig wurde diese Kluft am 2. August 1834. Büchner und sein Vetter von Bechtold eilten gleichzeitig nach Offenbach zu Carl Preller, dem Drucker des Hessischen Landboten. Der eine kam aus Gießen, um Preller zu warnen, der andere an der Spitze einer Polizeitruppe aus Darmstadt, um ihn zu verhaften.

„Eltern und Geschwister widerzusehen, war eine große Freude“, schrieb 1833 der gerade aus Straßburg zurückgekehrte Büchner. Ein Grund für diese Freude war sicher die Mutter, über die Büchners Freund Eugène Boeckel nach einem Besuch in Darmstadt schrieb, sie sei „eine der angenehmsten u. unterhaltensten Personen welche ich jemalen gesehn habe“. Büchners Verhältnis zum Vater gilt als eher angespannt, und es ist unzweifelhaft, dass Ernst Büchner nur schwer über „die Unannehmlichkeiten“ hinwegkam, die Georgs „unvorsichtiges Verhalten“ im Zusammenhang mit dem Hessischen Landboten der Familie bereitet hatte. Eine inhaltliche Kritik sprach er – immerhin der zweithöchste Medizinalbeamte des Großherzogtums – dabei nicht aus. Wilhelm Büchner rühmte später den „freien Geist der Familie“. Dieser mag einer der Gründe dafür gewesen sein, dass Büchners Geschwister bis zum Ende ihres Lebens ungewöhnlich eng zusammenhielten.

Brieflich klagte Büchner in den Sommerferien 1833 über die „furchtbar, kolossal, langweiligen Umgebungen […] in dieser Wüstenei“; später prägte der Gedanke an das 1835 fertig gestellte „Arresthaus“, in dem seine Freunde in Untersuchungshaft saßen, sein Bild der Stadt. Im Hessischen Landboten schließlich fungiert Darmstadt als die Residenzstadt, in welche die Steuergelder der ihrer politischen Rechte „beraubten“ Bauern und Handwerker Oberhessens fließen. Ihnen rät Büchner: „Geht einmal nach Darmstadt und seht, wie die Herren sich für euer Geld dort lustig machen“. In Leonce und Lena trägt das von Peter regierte Königreich Popo deutliche Züge der Stadt. 

Text: Maximiliane Jäger-Gogoll (Juni 2014)