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Georg Fein: Aufzeichnungen; Straßburg und Unterelsaß (2. Mai – 26. August 1835 sowie 19. Juli – 9. August 1836)

Straßburg.

Sonnabends, den 2 ten Mai.

Früh Morgens von Reinau aufgebrochen und gegen 1 Uhr in Straßburg angelangt, wo ich sogleich zu Wilhelm Schulz gehe und zu Mittag bei ihm esse. Hernach kommt der Flüchtling Büchner aus Darmstadt, mit dem wir über Göthe sprechen. Erzählung von Schulzens Flucht, die hauptsächlich das Werk seiner Frau ist. Nachmittags zu Dittmar und Willigens. Mit Schulz Spatziergang in der Stadt und auf dem Wall umher. Abends erst zu Hennemanns, wo wir Schulzens Frau abholen, und dann mit beiden in den tiefen Keller zu Hrn. Tarter, von wo mich Willigens, bei dem ich diese Nacht schlafe, verabredeter Maßen abholt. Erzählung von Stromeyers Liebesgeschichte mit der Julie Hennemann.

 

Sonntags, den 3 ten Mai.

Morgens bei Schulz Kaffe getrunken; hierauf mit ihm zu Carl Schlund, der mir beim Sigrist Glück hinter der Nikolaikirche sogleich eine Wohnung verschafft, und meine Aufenthaltsbewilligung beim Polizei-Kommissär Pfister, einem wohlgesinnten Manne und heimlichen Republikaner, in Ordnung zu bringen verspricht. Morgens nach 11 Uhr auf das naturhistorische Kabinet. Nachmittags mit Schulzens und Schlund einen Spatziergang nach dem Kleberschen Denkmal auf dem Polygon gemacht. Abends zum ersten Male im Bierhause zur Hoffnung beim Republikaner Hatt. Nachts schlafe ich bereits in meiner neuen Wohnung.

 

Montags, den 4 ten Mai.

Morgens zum Buchhändler Schuler und wegen meiner Gedichte das Nöthige mit ihm besprochen; dann auf das Kaffehaus zum Spiegel. Hernach mit dem alten Schlund zum Meister Friebel aus Frankfurt, der aber nicht zu Hause ist. Mittags zum ersten Mal auf meinem Zimmer für 10 sous gegessen, so viel, daß ich jeder Zeit noch genug für den Abend übrig habe. Außerdem kostet mir das Bringen des Essens jeden Tag 1 sol. Nach Tische hole ich mir die deutsche Übersetzung von Villemains Laskaris aus einer Leihbibliothek. Als ich später meine Gedichte abzuschreiben anfange, kommt der Schuster Friebel, der mich noch von meiner Reise von Frankfurt nach Giessen im Februar 1832 her kennt, und bleibt zu meiner großen Qual nahe an 4 Stunden bei mir. Hierauf einsamer Spatziergang um die Quais oder Staden (de Schoepflin, Desaix, Kellermann, Lezay Marnesia u.s.w.), und hernach mit Dittmar und andern im Bierhaus.

 

Dienstags, den 5 ten Mai.

Mehrere meiner Gedichte abgeschrieben und zum Druck nach Schuler gebracht. Hernach Tarter mit zwei neuen deutschen Flüchtlingen, Kraus und Bresch, und auf dem Spiegel die Zeitungen mit ihnen gelesen. Tarter lädt mich und den Meister Friebel zum Mittagessen ein. Hernach besehen wir das ansehnliche Arsenal. Hierauf in den Bodronschen Garten, wo uns Dittmar, Willigens und andre schon erwarten. Später im tiefen Keller Wein gekneipt, dann in der Hoffnung noch ein Glas Bier, und etwas angerissen in’s Bett.

 

Mittwochs, den 6 ten Mai.

Wiederum Gedichte abgeschrieben und zu Schuler gebracht; dann auf’s Kaffehaus und um 11 Uhr mit Schulz zu Herrn Hornus. Große Niedergeschlagenheit der Republikaner. Nachmittags wieder auf’s Kaffehaus, dann etwas im Villemain gelesen, spatzieren gegangen, in der Hoffnung Bier getrunken, und melancholisch, wie den ganzen Tag, zu Bett gegangen.

 

Donnerstags, den 7 ten Mai.

Fast den ganzen Tag über mich melancholisch umhergetrieben. Um 1 Uhr Nachmittags zum Pfarrer Dürrbach, der mich auf 5 Uhr zum Mittagessen einladet. Nach demselben gehen wir gegen 8 Uhr auf’s Cassino, wo er mich einschreibt, und wo ich den Professor Strobel und Pfarrer Kurz treffe.

 

Freitags, den 8 ten Mai.

Nachmittags mit Schulzens nach der Rupprechtsau; dann noch etwas in die Hoffnung.

 

Sonnabends, den 9 ten Mai.

Nachmittags mit Schulzens den Münster bestiegen, und mit Wilhelm Schulz bis in die Laterne hinauf. Alsdann noch etwas in’s Kasino.

Sonntags, den 10 ten Mai.

Morgens bei Büchner das interessante Aktenstück Oberlins über Lenz gelesen. Nachmittags zieht eine rothangekleidete Frau auf einem Pferde und mit einem Tambour voran mit einem untergeschobenen Briefe des Herzogs von Reichstadt an Ludwig Philipp in der Stadt umher. Abends spreche ich auf dem Kasino mit Dürrbach und andern über Göthe, Lenz, Oberlin u.s.w.

 

Zeitleiste 10. Mai 1835

Montags, den 11 ten Mai.

Morgens bei Büchner die Briefe von Lenz an Salzmann im Morgenblatt und das Protokoll der deutschen Gesellschaft in Straßburg, bei welcher Lenz Sekretair war, gelesen; darüber ganz melancholisch und nichts gethan. Abends mit Willigens, Schlund , Braun und Dietz in der Axt zusammen, und mich etwas angetrunken.

 

Dienstags, den 12 ten Mai.

Den Brief an die Mutter beendigt und auf die Post gegeben. Abends bei Schulzens Münsterkäse gegessen.

 

Mittwochs, den 13 ten Mai.

Nachmittags waren Wilhelm Schulz , Dittmar, Braun, Schlund, Willigens und Eduard Dietz bei mir, mit denen ich, jedoch vergeblich, über den Eintrit in’s j.[unge] D.[eutschland] unterhandelte. Nachher mit Schulz bei Hennemanns.

 

Donnerstags, den 14 ten Mai.

Nachdem ich Jung und Weigel vergebens zu Hause aufgesucht habe, gehe ich Nachmittags in die Hoffnung, wo ich die ganze deutsche Gesellschaft zusammen finde. Bei Gelegenheit eines deutschen Durchreisenden, der von Paris nach Darmstadt zurückkehrt, setzt uns der Bierbrauer Hatt ein treffliches Lagerbier. Nachher mit Schulzens und Schlund auf den Münster. Höchst malerischer Abend. Die nach der untergehenden Sonne blickende Statue mit dem wehmuthsvollen Gesicht. – Morgens um 11 Uhr wohnte ich auf dem Paradeplatz der Degradation eines Soldaten bei.

 

Freitags, den 15 ten Mai.

Den ganzen Tag unthätig und melancholisch umhergedämmert, jedoch Villemains Laskaris mit Vergnügen ausgelesen. Gegen 5 Uhr treffe ich Schulzens und Mamsell Hennemann, und gehe mit ihnen etwas auf dem Walle spatzieren. Abends in der Hoffnung ganz allein 3 Schoppen Bier getrunken.

 

Montags, den 18 ten Mai.

Morgens 4 Stunden hinter einander, ohne einmal vom Stuhle aufzustehen, an dem Briefe an Kombst geschrieben. Meine politischen Gedichte sind fertig gedruckt und brochirt. Ich hole mir Nachmittags das erste Päckchen von Schuler, bringe Schulzen ein Exemplar und gehe mit ihm in die Hoffnung. Später kommen auch noch die übrigen Deutschen. Wir bleiben bis nach 10 Uhr, und ich so wie Schulz gehen mit einem tüchtigen Zopf nach Hause.

 

Dienstags, den 19 ten Mai.

Gegen Abend mit Schulzens, den beiden Mamsell Hennemann, Willigens und Braun auf den Münster. Es ist nicht so klar wie das letzte Mal; nach Sonnen-Untergang aber ziehen sich die Wolken zu einem Gewitter zusammen, und hin und wieder zucken herrliche Blitze.

 

Donnerstags, den 21 sten Mai.

Morgens treffe ich auf dem Spiegel die Flüchtlinge Lang und Wiener aus dem Großherzogthum Hessen, die so eben aus Deutschland angekommen sind, und für demnächst noch andre ankündigen. Ein gewisser Student, Namens Klemm, ist nämlich aus Liebe zu einem Mädchen ein Verräther geworden, und hat die wackersten und thätigsten Männer angegeben und in’s Unglück gestürzt. Um Mittag auf dem Paradeplatz wieder Degradation eines Soldaten. Abends mit Wiener, Lang, Schulz und andern auf dem Münster. Ein Straßburger läßt daselbst einen kleinen Luftballon steigen. Wieder Gewitter. Spät Abends mit den meisten Deutschen zusammen in der Axt.

 

Freitags, den 22 sten Mai.

Endlich den Brief an Kombst beendigt und auf die Post getragen. Ich erhalte den ersten Korrektur-Bogen der Aktenstücke.

 

Sonnabends, den 23 sten Mai.

Morgens bringt der Meister Friebel den Flüchtling Färber zu mir, der eben angekommen. Auch Bansa wird erwartet. Abends mit den Deutschen wieder in der Hoffnung zusammen.

 

Sonntags, den 24 sten Mai.

Ich schreibe einen Brief an Stumm, bringe ihn auf die Post, und bleibe Nachmittags bis 8 Uhr zu Hause, ohne an diesem Tage auch nur das Mindeste an einem öffentlichen Ort verzehrt zu haben. Um 8 Uhr nach dem Bierhause zum Vaterlande, wo ich mit dem Meister zusammenkommen wollte, um mit Frankfurter Fuhrleuten wegen Besorgung einiger Päckchen und Briefe nach Frankfurt Rücksprache zu nehmen. Mit dem Meister stellt sich zu unserm Ärger auch Max Hoffmann ein, weshalb aus der Besprechung nichts wird. Später gehe ich allein in die Hoffnung, und werde von hier zu Dittmar abgeholt, wo ein Kinderspiel, nämlich große Bier-Rittersitzung gehalten wird. Die Leute haben sich gleich den Gecken herausgeputzt, und mit Orden behängt.

 

Montags, den 25 sten Mai.

Ich bringe, nachdem Wiener und Lang bei mir gewesen sind, und ich sie zu Schlund begleitet habe, Schulern Manuskript für den zweiten Bogen der Aktenstücke, und treffe dann in der Hoffnung wieder einen neuen Flüchtling aus Darmstadt, Namens Rosenstiel. Nachmittags auf dem Spiegel die neuesten deutschen Zeitungen gelesen, und dann mit Wiener auf den Münster, wo wir die übrigen aber vergebens erwarten. Später mit ihnen in der Hoffnung zusammen. Rosenstiel ist wegen des Verraths von Klemm, der sein bester Freund war, äußerst niedergeschlagen.

 

{Dienstags} [Montags], den 26 sten Mai.

Abends beim Pfarrer Dürrbach, und mir von ihm den zweiten Theil von Schöpflins Alsatia illustrata und Oberlins Leben von Stöber geliehen.

 

Mittwochs, den 27 sten Mai.

Brief von aus Basel mit der Nachricht, daß die Wechsel aus Braunschweig angekommen seien; als Einschluß zwei Briefe von der Mutter.

 

Freitags, den 29 sten Mai.

Ich schreibe an Kombst. Schulz hat die Weisung erhalten, Straßburg zu verlassen und sich in’s Innre Frankreichs zu begeben.

 

Sonnabends, den 30 sten Mai.

Ich lese Grabbes Napoleon aus. Abends mit dem alten Schlund bei Schulz.

[...]

 

Montags, den 1 sten Juni.

Ich wohne mit Wilhelm Schulz dem Prozeß gegen die 15 Mitglieder des cercle patriotique bei. Die trefflichen Reden von Liechtenberger, Martin und Schneegans. Wie der erstere ausruft: miserable gouvernement, so wird von dem ganzen gedrängt vollen Auditorium geklatscht und Bravo gerufen, worauf der Präsident den Saal räumen läßt. Mittags lädt mich Tarter zum Essen ein. Hernach wohne ich den Gerichtsverhandlungen wieder bei, und gehe dann in das Bierhaus zum Sternberg. Ankunft der Gelder aus Basel, so wie eines Briefs von Kombst.

 

Mittwochs, den 3 ten Juni.

Freisprechung der 15 Angeklagten des cercle patriotique. Nachmittags große Versammlung von Zwölfen bei mir.

 

Donnerstags, den 4 ten Juni.

Der Schlosser Hoffmann aus Coblenz, der die letzte Zeit in Mühlhausen gearbeitet hat, bringt mir dorther einen Brief von Bohemann. Nach diesem und Hoffmanns Aussagen steht es mit den Handwerker-Vereinen sehr gut in Mühlhausen. Abends erhält der cercle patriotique im Kaffe Faudel von der Musik der Nationalgarde ein Ständchen, dem ich mit Hoffmann beiwohne. Laue Stimmung dabei. Ich nehme Abschied von Hoffmann, der nach Coblenz zurück und mehrere politische Schriften nach Deutschland einschwärzen will. Ich rathe ihm die äußerste Vorsicht an.

 

Freitags, den 5 ten Juni.

Abends sind Schulz, Friebel und Tempel bei mir. Die beiden letzteren beschweren sich mit Recht darüber, daß sie von den übrigen Deutschen vernachlässigt würden.

[...]

 

Mittwochs, den 10 ten Juni.

Abends besuche ich den alten Notar Ehrenfried Stöber, der wieder ziemlich besoffen und von einer Unordnung und Sauerei umgeben ist, wie sie mir bis dahin im Leben noch nicht vorgekommen.

 

Freitags, den 12 ten Juni.

Nachmittags läßt mich Jehl aus Rheinau in den Ochsen rufen und ich kneipe bis zu seiner Abreise mit ihm umher. Abends um 6 Uhr verabredeter Maßen die erste große Versammlung bei Dittmar, die der Reihe nach wöchentlich umhergehen soll. Allein gleich das erste Mal fehlen schon mehrere, andere kommen zu spät, und ich bemerke im Ganzen große Schlaffheit und Gleichgültigkeit. Gestört werden wir außerdem noch durch die Ankunft des Conditors Fischer aus Neustadt. Nachdem die Versammlung nothgedrungen und mit dem vollen Beifall der meisten aufgehoben ist, kneipen wir noch auf dem Hofe im Freien bis gegen 11 Uhr.

 

Sonnabends, den 13 ten Juni.

Morgens kommt der Meister mit Fischer zu mir. Wir besprechen uns über die Mittel, die Aktenstücke aus dem Archiv des deutschen Bundes nach Rheinbaiern einzuschmuggeln. Abends mit  Schulzens, Karl Schlund und dem Polen Emil im tiefen Keller.

 

Sonntags, den 14 ten Juni.

Da aus der vorgestrigen Versammlung nichts geworden war, so hatten wir auf meinen Betrieb eine neue bei Dietz auf diesen Morgen eingesetzt. Allein was ich vorausgesehen hatte, traf ein. Es stellten sich kaum 4 bis 5 Mitglieder ein, und ich sah deutlich, daß mit diesen Leuten durchaus nichts anzufangen sei. Gegen Abend bestieg ich zum Trost meinen geliebten Münster, und achtete hier zum ersten Mal auf die Bildsäulen Erwins von Steinbach und seines Obergesellen. Auf dem Paradeplatz händigt mir Braun einen Brief von Scriba ein, wonach ich in’s Komité des j.[ungen] D.[eutschland] erwählt bin. Scriba hat sich in seinem Briefe an Braun auch tadelnd über die Lauheit und Unthätigkeit der Flüchtlinge in Straßburg ausgelassen. Sie möchten nicht denken, daß sie nur auf ihren Lorbeern ruhen könnten. Dieser ganz gerechte Tadel entrüstet die Leute auf eine lächerliche Weise. Abends im tiefen Keller allgemeiner Abschieds-Schmaus für Schulzens, die morgen nach Niederbrunn abreisen wollen. Hornus holt unsre deutsche Fahne und breitet sie aus. Es wird stark über die politische Bedeutsamkeit der Frauen disputirt. Carl Schlund hält auf Verlangen eine lächerliche Rede über die Wichtigkeit der Flüchtlinge. Bei mehreren Bowlen Glühwein sitzen wir noch bis nach 12 Uhr beisammen.

 

Montags, den 15 ten Juni.

Der Präfekt hat die gnädigste Erlaubniß zum Verkauf der Aktenstücke gegeben. Ich bekomme die ersten 100 Exemplare brochirt in’s Haus, und setze an diesem Tage die ersten 6 davon ab. [...]

 

Mittwochs, den 17 ten Juni.

Morgens 6 Uhr mit Fischer in der Diligence über Brumath, [Sulz] Hagenau und Sulz nach Weißenburg, wo ich bei dem patriotischen Wirth Scherer im Engel logire. [...]

 

Sonntags, den 21 sten Juni.

[...] Abends 9 Uhr setzte ich mich in die Diligence, und war am andern Morgen um 6 Uhr wieder in Straßburg.

Unterbrechung in genauer Führung des Tagebuchs.

 

In den nächsten Wochen kam der alte Frey mit seinem Söhnchen in Straßburg an. Wir machten zusammen eine Reise nach Barr, von wo aus wir Truttenhusen, den Odilienberg, das Landsberger Schloß und das Andlauer Schloß besuchen. Das hochgelegene Försterhaus mit seiner herrlichen Aussicht und üppigen Vegetation. Frey kauft mehrere Aktenstücke, drei {Ex.} meiner politischen Gedichte und andre politica bei Schuler. Er reist nach Reichenweiher, um den Friedensrichter Klein zu besuchen.

Merkwürdigkeiten die Zeit über in Straßburg gesehen:

1. Zwei Mal die equilibristischen und andren körperlichen Künste der Josephine Werthermann und ihrer Schwester.

2. Zwei Mal das sogenannte lebende Skelet, einen furchtbar abgezehrten und abgemagerten Mann in den Dreißigern.

3. Nationaltänze südfranzösischer Soldaten in der Bierbrauerei zum Leoparden, die ich in der letzteren Zeit häufig besuchte.

Eines Morgens schickte mir Schuler sämmtliche Aktenstücke in’s Haus, indem er aus sicherer Hand erfahren habe, daß der Präfekt Choppin d’Arnouville sie mit Beschlag belegen lassen wolle. Ich wollte die Exemplare nun ebenfalls anderswohin in Sicherung bringen, wobei sich aber wieder die Trägheit und Indifferrenz der Straßburger Flüchtlinge zeigte, indem nur Färber ein einziges Paquet mit 100 Exemplaren abholte. Die andern hätten ruhig bei mir abgefaßt werden können. [...]

Während dieser Wochen dauert der Zug der Flüchtlinge aus dem Großherzogthum Hessen noch immer fort. Es kommen Geilfuß, Carl Vogt, Becker, Koch und andere. Mein Verhältniß zu den Flüchtlingen wird indeß mit jedem Tage kühler, weil ich mich immer mehr von ihrer Lauheit, ihrer bloßen Lust zum Kneipen und ihrem vornehmen Wesen überzeuge. Übrigens tragen die Neuankommenden weniger die Schuld, als die älteren Flüchtlinge Braun, Dittmar u.s.w, welche sie in ihren Strudel mit hinein reißen. Mit Becker bekomme ich Streit, weil er unsre Adresse an die Tagsatzung anmaßend nennt. Die Sache wird indeß wieder ausgeglichen und ich gebe ihm Briefe nach der Schweiz mit. Zugleich wird er von den übrigen beauftragt, von Seiten der Flüchtlinge in Straßburg dem Komité des j.[ungen] D.[eutschland] ein Schreiben zu überbringen, worin die ersteren ihre Gründe auseinander setzen, warum sie dem j. D. nicht beitreten {zu} können glauben, und worin sie das j. D. außerdem mit allem möglichen Tadel überhäufen. Zur Verhandlung dieser ganzen Angelegenheit war seit langer Zeit wieder zum ersten Mal auf Färbers Zimmer eine Versammlung angesagt, der ich ebenfalls, wiewohl ohne sonderliches Vergnügen beiwohnte. Diese Versammlung war denn aber auch bis zu der bei Klein, Sonnabends den 22 sten August, die letzte. Die Spannung zwischen den Flüchtlingen und mir nahm durch die Ankunft des von Bruhn aus Lübeck noch bedeutend zu. Büchner führte diesen zu mir. Obgleich er keine förmlichen Empfehlungsschreiben aufzuweisen hatte, so zeigte er auf der andern Seite doch so viel Bekanntschaft mit dem politischen Stande der Dinge und den patriotischen Bestrebungen in Deutschland, so wie mit vielen Freunden der hessen darmstädtischen Flüchtlinge, daß es diesen wohl obgelegen hätte, sich seiner in Straßburg anzunehmen. Nichtsdestoweniger bekümmerten sie sich nicht einmal um ihn, wodurch er sich mit Recht äußerst verletzt fühlte. Desto enger schlossen wir beide uns an einander, und zogen auch Baumann, der uns gefiel, in unser Interesse. Schon jetzt richteten wir unser Augenmerk auf Stiftung von Handwerker-Vereinen in Straßburg, und versicherten uns hiezu auch der Mitwirkung des Meisters. Zu gleichem Behuf machte mich Baumann auch mit dem Commis Eckel aus Landau, einem eifrigen Patrioten, bekannt.

Meine angenehmsten und liebsten Stunden in dieser Zeit brachte ich noch fortwährend auf dem Münster zu, wo ich bei meiner genauen Bekanntschaft mit allen Merkwürdigkeiten mich jederzeit bereitwillig zum Führer durchreisender Patrioten, und selbst Fremder erbot. Auch fand ich hier Gelegenheit, das eigenthümliche Leben und Weben der Straßburger, welche die Sonntag- und Festtag-Nachmittage häufig auf dem Münster zubringen, näher zu beobachten. Besonders lustig ging es Sonntags den [1]5 ten Juli zu. Während ein so starkes Gewitter am Himmel war, daß uns die Wächter warnten, uns von den Thürmen wegzusetzen, weil hier der Blitz immer am ersten einschlage, walzte das junge Volk nichtsdestoweniger lustig umher, nach dem Cottillon gab es gesellige und Pfänderspiele, bei denen sogar vor aller Welt Augen geküßt wurde. Die Gewitter-Beleuchtung war auch dieses Mal, wie fast immer, an den Gebirgen sehr schön. Ein anderes Mal, da Carl Schlund, Zill und die sogenannte    Leberwurst mit mehreren Straßburger Familien droben waren, wurde ich selbst mit in die Gesellschaftsspiele hineingezogen, und mußte beim Drittenabschlagen tüchtig laufen und springen. Schon lange hatte ich mir vorgenommen, einmal eine Vollmond-Nacht auf dem Münster zuzubringen. Freitags den 10 ten Juli kam dieser Plan zur Ausführung, jedoch nicht ganz in der Art, wie ich gehofft hatte. Ihres Versprechens ungeachtet war von den andern Flüchtlingen kein einziger erschienen, so daß ich mit Baumann und Bruhn allein blieb. Statt des Vollmondes, der sich auch nicht einen Augenblick zeigte, hatten wir mehrere Gewitter am Himmel, die indeß auch einen herrlichen Anblick gewährten. Schade, daß es nicht gerade heute, sondern erst Sonntags den 19 ten Juli einschlug! Bei einigen Flaschen guten Weins, die ich mit heraufgenommen hatte, und bei intressanten Gesprächen blieben wir bis gegen 1 Uhr wach und legten uns auf den harten Bänken zu einem kurzen Schlafe nieder. Um 10 Uhr Abends hatten wir mit an der sogenannten Lumpenglocke gezogen. Den Sonnen-Aufgang verschliefen wir leider, und stiegen um 7 Uhr wieder hinab.

Kurz vor meiner Abreise [...] kam ich öfter mit dem alten Stöber, dieser interessanten Geistes-Ruine zusammen. Eines Morgens zeigte er mir das Haus auf dem alten Fischmarkt, wo Göthe als Straßburger Student wohnte. Jedoch ist nur noch die Stelle, wo es stand, zu sehen, weil es in der Revolutionszeit niedergerissen und später durch ein anderes ersetzt wurde. Dagegen ist das Haus, in dem Göthe mit vielen seiner bekannten litterarischen Genossen die Kost hatte, und welches mir der Ehrenfried Stöber ebenfalls zeigte, noch ganz dasselbe. Ehrenfried Stöber – früher welch ein Name von gutem Klang, und jetzt wie tief gesunken! Eine solche Völlerei, Unordnung und Unreinlichkeit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Es wäre zur Ehre und zum Glück des Mannes zu wünschen, daß er so bald als möglich stürbe.

Montags, den 13 ten Juli wollte ich meine Reise in’s untere Elsaß antreten; allein Bruhn und Baumann verführten mich, so daß wir den ganzen Tag umher kneipten. Nachdem wir uns zuletzt in der Kanone tüchtig angerissen hatten, tranken wir im Kaffehause zur Mohrin noch Kaffe, und schliefen dann alle drei in Baumanns Zimmer.

 

Reise in’s untere Elsaß.
Dienstags, den 14 ten Juli.

Schon vor 5 Uhr wecke ich Baumann und Bruhn. In der Axt trinken wir noch den letzten Schoppen Bier zusammen, worauf Bruhn alsdann seine Reise nach Reichenweiher antrit, während ich mich nach Norden wende. Durstig, wie man es Morgens nach einem verschwärmten Tage jederzeit ist, erlabe ich mich schon in Schiltigheim wieder an einem Glase Bier. [...]

Zu Drusenheim kehrte ich im Lamm beim Maire Wagner ein, um hier etwas über den Georg Klein zu erfahren, mit dem Göthe einst als Student die Kleider wechselte. Nachdem, was man mir sagte, mußte dieser Klein schon gestorben sein. Später hörte ich indeß das Gegentheil und erfuhr, daß er Waldinspektor sei. Nachdem ich mich mit gutem Kalbsbraten und schlechtem Bier wieder gestärkt hatte, ging ich nach Sesenheim weiter, wo ich auf ein Empfehlungsschreiben Zills von dem dortigen Pfarrverweser    Ille, Schwiegersohne des siebenundsiebzigjährigen nicht mehr funktionirenden Pfarrers Schweppenhäuser, freundlichst aufgenommen wurde. Das alte Pfarrhaus, neben dem sich schon ein stattlicheres neues erhob, sollte in einigen Monaten abgerissen werden. So war ich also gerade noch zur rechten Zeit gekommen, um die alten Wohnzimmer, die Laube, in welcher Göthe sein Mährchen vorgetragen haben sollte, Sprößlinge von dem alten Jasmin, dessen in Wahrheit und Dichtung erwähnt wird, und anderes mehr zu sehen. Im Jahre 1828 war Tieck, und wenn ich nicht irre, im Jahre 1832 der Kanzler v. Müller aus Weimar dagewesen. Letzterer hatte dem alten Schweppenhäuser den schönen von _Schwertgeburth gefertigten Kupferstich Göthes zum Geschenk gemacht. Republikanische Ansichten Schweppenhäusers. Die Sesenheimer Pfarre, zu der noch die Dörfer Runzenheim, Auenheim und Dengelsheim gehören, ist sehr einträglich.

 

Sonntags, den 19 ten Juli.

Nachdem ich Morgens 7 Uhr einer Predigt von Heidenreich über den Fleiß beigewohnt, gehe ich über Lehmbach, bis wohin er mich begleitet, über Mattstall und Sulzbach nach Niederbrunn, esse beim Gastwirth und Adjunkten Giese in der Blume etwas zu Mittag, und besuche alsdann Schulzens, wo ich auch Heumann aus Hochfelden treffe, der des Nachts auf der Erde in ihrem Zimmer kampirt hat. Auch Stamm ist dort. Während ich mich rasire, kommt der Notar Wolf aus Oberbrunn von einer Reise nach Baden Baden zurück, [und] rasirt sich ebenfalls und lädt mich ein, bei ihm zu logiren, was ich bei der Überfüllung aller Gasthäuser mit Fremden dankbar annehme. Kurz vor der Dämmrung machen wir uns, von Schulzens u.s.w. begleitet, nach Oberbrunn auf den Weg.Abends spät sehen wir in der Ferne nach Straßburg zu ein prachtvolles Gewitter. Es ist dasselbe, das, wie ich später erfuhr, in den Straßburger Münster einschlug und dort einen Schaden von mehr als 60,000 Franken anrichtete.

 

Montags, den 20 sten Juli.

Morgens früh gebe ich einen Empfehlungsbrief vom alten Stöber an seinen Sohn August ab; darauf besehe ich mit Wolf die antiquarische Sammlung des Dr. Schneeringer. Dann nach Niederbrunn und mit der i.Schulz, Caroline, geb. Sartorius;Doktorin Schulz zu Demoiselle Brion, einer jüngeren Schwester von Göthes Geliebten, Friederike. Mamsell Brion erzählt uns mancherlei von Göthen und Friederiken, und spricht sich gegen Wahrheit und Dichtung aus, die außerordentlich viel Falsches und Unrichtiges enthalte. Sie leihet uns mehrere noch ungedruckte Gedichte Göthes nach Hause. Mittags esse ich auf Einladung bei Giesen. Aus unserm beabsichtigten Spatziergang nach der Wasenburg Nachmittags wird nichts. Ich bin mit dem Flüchtling König bei August Stöber, der eine interessante Sammlung von Autographen besitzt, darunter namentlich ein Bruchstück einer deutschen Übersetzung Ossians von Göthes Hand. Später kommen auch noch Schulzens und Wolf. Wir gehen der Frau von Wolf entgegen, die von Baden zurückkommt, meine Wenigkeit aber nicht sonderlich freundlich ansieht.

 

Dienstags, den 21 sten Juli.

Morgens bringe ich der Demoiselle Brion (im ganzen Orte nur das Täntelche, d. h. kleine Tante, genannt) die Gedichte von Göthe wieder, nachdem ich mir eine Abschrift davon genommen. Sie zeigt mir eine Silhouette Friederikens. Göthes Briefe an diese will sie nach ihrem Tode vernichtet haben. Friederikens Bruder, der in Wahrheit und Dichtung unter dem Namen Moses vorkommt, war früher Prediger in Niederbrunn, wo das Täntelche die Erziehung seiner Kinder besorgte, und starb zuletzt als Prediger in Barr. Friederike, die sich nie verheirathete, starb, 52 Jahr alt, im Hause eines anderen Bruders, der im Badischen Prediger war. Wahrheit und Dichtung kam erst nach ihrem Tode heraus. Die Schwester erzählt mir viel edle schöne Züge von ihr. Mittags esse ich bei Schulzens und setze ihnen eine Flasche Champagner. Dann gehe ich mit Schulz über die Eisenwerke des    Maire Diedrich nach Oberbrunn. Der Notar Wolf bietet mir ein Hemd an, das ich im Tausch gegen mein schmutziges annehme, aber ein so elendes und morsches erhalte, wie ich im ganzen Leben noch keins auf dem Leibe getragen. Gegen 5 Uhr nachmittags breche ich auf, von König und August Stöber bis Zinsweiler begleitet. Unterwegs begegnet uns der Direktor Heidenreich von Zinsweiler, der mir zu meinen Nachforschungen über Göthe mehrere Empfehlungsschreiben nach Straßburg verspricht. [...]

 

Montags, den 27 sten Juli.

Morgens mit dem Pfarrer Neßler und seiner Frau nach Straßburg gefahren, wo ich mein voriges Logis beim Sigrist Glück noch leer finde und sogleich wieder beziehen kann. Mittags im Rebstock treffe ich die beiden liederlichen Gesellen Vogt und Euler aus Frankfurt. [...] Außer dem Münster besuchen wir unter andern die große Fruchthalle, das Kaffehaus zum Spiegel, {das Sonnen-Mikroskop,} die Bierbrauerei zum Greifen, und eines Abends, ich glaube Mittwochs den 19 ten August, auch die zum weißen Bären, wo der Eigenthümer, Herr Lips, von dem Haus, in welchem Fieschi seine Höllenmaschine abfeuerte, ein getreues Konterfei von Brettern hatte aufführen lassen, und Abends sogar zwei Mal die Höllenmaschine spielen ließ, was ihm jedoch später von Polizei wegen untersagt wurde. Natürlich zog diese glückliche Spekulation, so wie auch ein Eremit, der die Zuschauer bei zu keckem Vortreten mit Wasser aus dem Munde bespritzte, jeden Abend eine große Masse Volks in den Garten. Bei dieser Gelegenheit zeigte Vogt auch wieder seinen dummen Stolz, indem er es seiner Mutter und Braut übelnahm, daß sie sich Käse und Brot bringen ließen. [...]

 

Dienstags, den 28 sten Juli.

Ich treffe den Blechschmidt Lorenz aus  Cassel, der im Herbst vorigen Jahres einer der eifrigsten Beförderer des Zürcher Handwerker Vereins war und sich besonders als guter Vorsänger auszeichnete, und lade ihn auf den folgenden Mittag zum Essen im Rebstock ein.

 

Mittwochs, den 29 sten Juli.

Morgens im Kaffehause zum Spiegel treffe ich mit Hornus (der namentlich in der Jenaer Schlacht 1806 als französischer Husar viele Wunden erhielt) zusammen, und lese im Journal du Haut-et Bas-Rhin die telegraphische Depesche über den Mordversuch gegen Ludwig Philipp durch Fieschis Höllenmaschine. Später wohne ich der Parade der Garnison auf dem Paradeplatz bei, die ziemlich nüchtern und ohne allen Enthusiasmus abläuft. Besonders zeichnet sich die Artillerie durch ihre Gleichgültigkeit und Kälte beim Vivatrufen aus. Auch die dreifarbigen Fahnen weheten nur an den öffentlichen Gebäuden und den Wohnungen eines Theils der Beamten. Als ich Mittags mit Lorenz, Vogt und Euler im Rebstock bei Herrn Schrot am Tisch saß, kam plötzlich Wilhelm Schulz mit seiner Frau, welche den Ältern Dittmars, die ihren Sohn einmal wieder zu sehen nach Straßburg gereist waren, einen Besuch abstatten wollten. An einem der folgenden Tage machte auch ich ihnen in Schulzens Gesellschaft um so eher meine Aufwartung und genoß Nachmittags Kaffe bei ihnen, als ich schon im Sommer 1832 einmal Abends in Darmstadt zum Besuch bei ihnen gewesen war. Schon einige Tage vorher hatte ich die Mutter und ihre Tochter in Gesellschaft Dittmars auf dem Münster getroffen, mich aber nicht im Geringsten um sie bekümmert, da auch Dittmar den Vogt und Euler, mit denen ich droben war, keines einzigen Blicks gewürdigt hatte. Das ganze vornehme Wesen dieser Leute misfiel mir im höchsten Grade, und ich stand deßhalb schon vor meiner Reise nach Sesenheim mit den deutschen Flüchtlingen in Straßburg auf einem sehr gespannten Fuße. Während des nachmittäglichen Besuchs bei ihnen fiel mir übrigens Dittmars Schwester wenigstens als eine nicht ganz gewöhnliche Erscheinung auf. Schon in der zweiten Hälfte der Zwanziger und bei mehreren vortheilhaften und passenden Anträgen gegen jede Heirath abgeneigt, war sie mir früher von ihrem Bruder als höchst sonderbar, wenn nicht gar überspannt geschildert worden. Indeß ließen mich mehrere Äußerungen von ihr in Zweifel, ob dieser Sonderbarkeit nicht ein tieferer und edlerer Sinn zu Grunde liege. – Abends besah ich mir erst die sogenannte Illumination, die nicht trauriger und ärmlicher hätte ausfallen können. Auch hier waren nur die öffentlichen Gebäude und die Wohnungen weniger Beamten erleuchtet, und das in geringer Anzahl umherziehende Volk ergoß sich überall in Hohn und Spöttereien. Nach 8 Uhr ging ich in den tiefen Keller zu dem Handwerker-Verein, der sich durch Baumanns, Eckels, Friebels und Helfensteins Bemühungen während meiner Reise endlich gebildet hatte. Leider war der Erstere, welcher der Sache am meisten Schwung gab, schon nach Zabern in die Ferien abgereist. In dem Versammlungszimmer bei Tarter fanden sich etwa 10 bis 12 Leute ein, deren Zahl sich später noch vermehrte. Ich erinnere mich unter ihnen noch folgender: Baumann aus Frankfurt, Student und Flüchtling von Tübingen her, Eckel, Commis aus Landau, die fünf Uhrmacher Zimmermann aus Kaiserslautern, Wröger aus Braunschweig, Post aus Celle, Lachmann aus dem Badischen, und Hahn, die beiden Bierbrauer Wolf und Eckart aus Frankfurt, der Seifensieder Körner aus Rheinbaiern, der Metzger Tempel aus Hanau, Colberg aus Königsberg, der Schriftsetzer Meyer und der Kürschner Klein (Schwager des unglücklichen Buchdruckers Volkhardt), beide aus Augsburg, der Seifensieder Helfenstein aus Neustadt in Rheinbaiern, und sein jüngerer Bruder, Garçon im Café Hauswald, Blechschmidt Lorenz aus Cassel, Tapezierer Woret aus Frankfurt. Dieser Handwerker-Verein kam wöchentlich 2 Mal, Mittwochs und Sonntags Abend von 8 bis 10 Uhr zusammen, wie seine ganze Organisation denn eines Weitern im ersten Bericht des jungen Deutschland von Liestal aus dargestellt ist. Die ganze Sache ging vortrefflich vorwärts. Daß aber die deutschen Flüchtlinge in Straßburg sich ihrer auch nicht im Mindesten annahmen, brachte in unser Verhältniß eine noch größere Spannung als früher. Ich ging durchaus nicht mehr mit ihnen um, sondern blieb ruhig bei meinen Handwerkern sitzen, wenn wir zufällig in ein und derselben Bierbrauerei zusammenkamen. Hier fielen auch wohl Anspielungen und stichelnde Redensarten, wobei ich nur bedauern muß, daß ich mich auch solcher Menschen, wie Vogt und Euler, dazu bediente. Namentlich brachte ich unter den Handwerkern den Ausdruck: „Großherzoglich hessische Studenten-Aristokratie“ auf, der bald auch unter den Flüchtlingen selbst bekannt wurde, und worüber ich später mit dem jungen Schlund in Disput kam. Wenige Tage nach meiner Wiederankunft in Straßburg fand sich in Gesellschaft des Friedensrichters Klein auch Bruhn aus Lübeck wieder ein, der in der Zwischenzeit auch bei Jehl in Rheinau gewesen war. Unser Verhältniß, das sich Anfangs ganz wieder wie früher gestaltete, trübte sich bald nachher, ja ich faßte sogar einigen Verdacht gegen ihn, indem ich mir sein Wiedererscheinen und seinen längeren Aufenthalt in Straßburg durchaus nicht zu erklären wußte, da beides bei seiner gegenwärtigen politischen Mission nicht ohne Gefahr für ihn sein konnte. Dazu kam, daß sein Benehmen immer zweideutiger wurde. Während er früher selbst gegen die Studenten-Aristokratie geeifert und sich durch ihr kaltes, zurückstoßendes Benehmen gekränkt gefühlt hatte, so schien er es jetzt mehr mit ihnen als mit uns zu halten, obgleich er immer noch unsre wöchentlichen Zusammenkünfte beim Tarter regelmäßig besuchte, und auch in den Bierhäusern öfter zu uns kam. Indeß merkte ich, daß er einen geheimen Plan habe, und, wahrscheinlich auf Anstiften Kleins darauf ausgehe, den Leuten eine ganz andere Richtung zu geben, und sie namentlich vom Eintritt in’s junge Deutschland abzuhalten. Zu diesem Zweck führte er sogar, ohne mir etwas davon zu sagen, den Lorenz und Klein heimlich zum Friedensrichter Klein, der denn auch nicht verfehlte, sehr weise Ermahnungen an sie zu richten. Den Lorenz wollte er außerdem zu einer besonderen Unterredung bewegen, in der er ihm etwas von Wichtigkeit mitzutheilen habe; allein durch mein Dazwischentreten misglückte die Sache, und ich konnte mich nicht enthalten, in der Bierbrauerei zur Axt Bruhnen geradezu in’s Gesicht zu sagen: er gehöre auch mit zu den Intriganten. Auf diese Weise entfremdeten wir uns denn immer mehr. Unser Abschied von einander war natürlich ziemlich kalt und frostig, und ich zweifle sehr, daß er sein früheres Versprechen halten und mir schreiben wird. Während Bruhns Anwesenheit kam auch noch Bohemann aus Mühlhausen, der mit den abentheuerlichsten Plänen gegen mich herausrückte. Ich machte ihm tüchtig den Marsch, daß er Arbeit und Verdienst in Mühlhausen leichtsinnig aufgegeben habe und nun wieder ohne Zweck und Plan in der Welt umherschweife. Besonders tadelte ich ihn wegen seiner Verschwendung und seiner völlig unnützen Reise nach Straßburg, die er, eitlem Vorgeben nach, nur unternommen habe, um sich mit mir über seine eignen und die allgemeinen politischen Verhältnisse zu besprechen. Für diese Besprechung mußte ich denn 3 Tage lang im tiefen Keller für ihn bezahlen.

Meine Verhältnisse zu den übrigen Flüchtlingen und selbst zum Friedensrichter Klein hatten sich inzwischen so feindselig gestaltet, daß es mir selbst lieb war, hauptsächlich auf Betreiben von Carl Schlund Sonnabends den 15 ten August Morgens eine Versammlung sämmtlicher Flüchtlinge auf Kleins Zimmer zu Stande gebracht zu sehen. Wie es in solchen Fällen fast immer geht, einig wurden wir nicht; aber es war immerhin gut, daß wir uns endlich einmal offen gegen einander aussprachen. Ich hielt ihnen ihre politische Unthätigkeit und Trägheit, so wie ihre aristokratische Absonderung von den Handwerkern vor; sie antworteten mir mit Vorwürfen wegen meiner angeblichen Parteisucht und Feindseligkeit gegen sie, so wie mit den bekannten Invektiven gegen das j. D. Bei alle dem kamen wir uns durch diese Verhandlungen wieder etwas näher, so daß wir uns die übrigen Tage vor meiner Abreise wieder öfter und friedlicher zusammen sahen und sprachen. Besonders stellte sich mit Karl Schlund, der, wenn auch etwas überspannt und unpraktisch, doch immer noch der tüchtigste, eifrigste und thätigste von allen ist, mein früheres freundschaftliches Verhältniß völlig wieder her. Der Friedensrichter Klein reiste nach wenigen Tagen ab, da er plötzlich von der Regierung aus ganz Frankreich verwiesen war.

Das Zuströmen der Flüchtlinge aus dem Großherzogthum Hessen dauerte auch diese Wochen über noch immer fort. Unter andern kam ein bekannter Buchhändler aus Offenbach, dessen Namen ich indeß vergessen habe, und wenn ich nicht irre, sein Commis Namens Gebhard. Da ich zu jener Zeit mit den übrigen Flüchtlingen, welche sie sogleich in Beschlag nahmen, gerade gespannt war, so lernte ich sie nicht näher kennen. Später, Sonntags den 13 ten September, traf ich mit Gebhard, der eine ganze Empfehlungsliste von Rottenstein erhalten hatte, zu Basel im rothen Löwen zusammen. Ich erkannte ihn nicht wieder, und so waren Wolf, Peters und ich, über die sonderbare Empfehlungsweise Rottensteins befremdet, anfänglich etwas kühl gegen ihn. Später näherten wir uns ihm etwas mehr, ohne indeß etwas Sonderliches an ihm zu finden.

Von den Vergnügungen, welche ich mir diese Wochen über gemacht, erwähne ich hier nur, daß ich an einem der letzten Tage den Fra Diabolo französisch aufführen sah, im Grunde mehr, um das Gebäude in Augenschein zu nehmen, als um des Stückes und der Schauspieler willen; denn ich war die ganze Zeit vorher noch nicht im Straßburger Theater gewesen, und konnte doch ohnmöglich Straßburg verlassen, ohne wenigstens das Innere des Gebäudes gesehen zu haben. Dieses fand ich ganz hübsch und geschmackvoll, aber ohne etwas besonders Ausgezeichnetes. Auch die Sänger und Spieler hoben sich nicht viel über das Mittelmäßige, was schon früher unter einem Theile des Straßburger Publikums eine solche Unzufriedenheit erregt hatte, daß es vom Pfeifen und Lärmen im Theater zuletzt zu Thätlichkeiten und den größten Excessen zwischen den verschiedenen Parteien kam. Einer der mishandelten Zuschauer ward halbtodt hinweggetragen, und das Theater deßhalb auf 14 Tage geschlossen. Selbst bei der Aufführung, der ich beiwohnte, waren gegen die Wiederkehr solchen Unfugs außerordentliche polizeiliche Maßregeln genommen, und dennoch ließ sich einige Male hie und da ein Pfeifen hören, was aber keinen Anklang fand, geschweige denn durchdrang. – Größeres Vergnügen, als das Theater, gewährte mir das Sonnen-Mikroskop, welches die ganze Zeit über im Café Faudel zu sehen war. Die Art, wie sich die Natur mir hier gleichsam aufschloß, entzückte mich dermaßen, daß ich mich nach dem ersten Besuch sogleich mit 4 Franken abonnirte, und mich nachher gewiß 12 bis 16 Mal einstellte. Außerdem trieb ich Freunde, Bekannte und Durchreisende gleichsam mit Gewalt hinein, und bezahlte sogar für Zimmermann und Flach, so daß mir die Sache im Ganzen nicht weniger als 8 Franken kostete. Das Geld gereuet mich indeß nicht im Mindesten; denn ich habe dadurch einen Sinn und eine Aufmerksamkeit für alle kleinen Geschöpfe und Bestien dieser Welt gewonnen, wodurch ich, sollte ich einmal längere Zeit im Gefängniß zubringen müssen, in Stand gesetzt wäre, meine Zeit auf eine höchst belehrende und unterhaltende Weise zuzubringen. Selbst das sogenannte Ungeziefer sehe ich jetzt mit ganz andern Augen als früher an. Es fehlt mir jetzt nur, daß ich mich durch Okens und andrer Naturgeschichten auch wissenschaftlich in diesem Punkte ausbilde, was hoffentlich in diesem Winter geschehen wird.

An Lektüre war diese Wochen über nicht viel zu denken. Ich hatte den Kopf immer von meinem Plane zu dem Lustspiel: die Journalisten, voll. Um von guten Mustern zu lernen, holte ich mir aus der Leihbibliothek einen Band von Molieres Lustspiele, und las namentlich die l’ecole des femmes und den cocu imaginaire mit großem Vergnügen; allein das Gesuchte und Erwartete fand ich nicht darin. Die unseligen drei Einheiten bringen in die Situationen überall etwas Unnatürliches und Gezwungenes, und selbst der gereimte Alexandriner schadet der Wahrheit und Kraft des Dialogs. Wie anders dagegen die von Tieck herausgegebenen gesammelten Schriften von Lenz! Überall, welche Natur, Kraft, Körnigkeit und Kürze! Zum Theil übertrifft er hierin, so wie an Mannigfaltigkeit der Charaktere, sogar Göthe, wogegen seine Auswüchse, seine hors d’oeuvres, seine öfteren Rohheiten und Gemeinheiten den feineren Sinn höchst empfindlich beleidigen. Die Worte über ihn und Göthe in Tiecks Vorrede finde ich ganz vortrefflich, und kann sagen, daß sie mir ganz neue Aufschlüsse und Gesichtspunkte gegeben haben, wie mich denn überhaupt das Studium Lenzens, wie ich hoffe, auch im Praktischen nicht wenig gefördert haben wird. Anders verhält es sich mit „Dantons Tod“, einem Trauerspiel vom darmstädtischen Flüchtling Büchner. Ganz abgesehen davon, daß die großartigen revolutionairen Charaktere höchst kleinlich aufgefaßt sind, so ist die Darstellung höchst manierirt, mit Bildern und Vergleichungen bis zum Übermaß überladen. Verschiedene Gedanken, an denen es dem Stück überhaupt nicht fehlt, haben die Leute allerdings; allein alles sagen sie auf dieselbe gekünstelte und verschrobene Weise. Man sieht, die Natur hat erzwungen werden sollen, und das geht nun ein für alle Mal nicht. Wenn man sie aber gar, wie hier, immer und immer nur in Zweideutigkeiten und Zoten zu finden und darzustellen wähnt, so erzeugt das, statt Vergnügen, nur Ekel. Außerdem sind die Motive sehr schwach. Die beiden Frauen entleiben sich und werden wahnsinnig, man weiß wahrhaftig nicht warum. Und was ist endlich ein Dichter, dem es an Gemüth fehlt, wovon in dem ganzen Stück auch nicht eine Spur anzutreffen? Sehe ich mir dieses ganze abgemessene, nüchterne, kritisirende und abstrakt-philosophische Wesen Büchners an, so ist es mir so gut als Gewißheit, daß nie ein großer Dichter aus ihm werden könne. Daß der Frankfurter Phönix das Stück bis in den Himmel gelobhudelt hat, ist höchst erklärlich. Kam es doch in dem gleichen Verlag, wie der Phönix, heraus, und kennt man nicht genugsam unsere heutigen Dichter und Kritiker, die ohne Gemüth und wahres Gefühl nur dem Pikanten, Phantastischen, Manierirten und recht gesucht Witzigen nachlaufen. Fast möchte ich sagen, hätte mich die „Geisterkunde von Jung Stilling“, die mir in Kirrweiler zum ersten Mal in die Hände kam, noch mehr angesprochen, als dies sein sollende Trauerspiel. In diesem Geisterseher Stilling spiegelt sich doch wenigstens eine edle, begeisterte Seele, die nach den wunderbarsten Höhen und Tiefen alles Lebens ringt. Und wer mag behaupten, daß alles hier Erzählte blos Unsinn und Fabel sei? Shakespeare hat Recht, daß es zwischen Himmel und Erde manches giebt, wovon sich unsre Philosophen nichts träumen lassen. Ich wenigstens bin selbst im Unglauben ungläubig, bekümmre mich aber wenig um all diese Sachen, weil ich ein andres praktisches Ziel zu verfolgen habe.

Überlieferung
Handschrift: Staatsarchiv Wolfenbüttel, Nachlass Fein, Nr. 42, fol. 19v–36r.

LZ 3860
Georg Fein: Aufzeichnungen; Elsaß und Straßburg (19. Juli – 9. August 1836)

Dienstags, den 19 ten Juli.

Morgens mit der Diligence von Cernay bis Allstatt gefahren, und von dort über Türkheim und Kienheim, wo ich die guten Weine versuche, nach Reichenweiher. [...]

 

Mittwochs, den 20 sten Juli.

Ich treffe Wallot, der beim Notar Salzmann arbeitet, und Dittmar, der sich als praktischer Arzt in Reichenweiher niedergelassen hat. Mittags esse ich mit den genannten zusammen bei Dittmar; allein in Rückerinnerung des vorjährigen lustigen Aufenthalts hat alles für mich ein höchst trübes Ansehen und erweckt niederschlagende Empfindungen. Dazu kommt, daß ich den Doktor Herr sehr leidend finde, und von andern höre, daß er wahrscheinlich an der Schwindsucht sterben werde. Gegen Abend begleiten mich Dittmar, Wallot und Salzmann auf den Weg nach Rappoldsweiler, von wo ich andern Morgens mit dem Landwagen nach Straßburg fahren will. [...]

 

Donnerstags, den 21 sten Juli.

Morgens gegen 4 Uhr von Rappoldsweiler nach Straßburg gefahren, ohne daß ich weder unterwegs noch am Straßburger Thore irgend angehalten und nach Papieren befragt worden wäre. Ich kehre vor der Hand bei Tarter ein, der mich zwar einige Tage völlig umsonst beherbergt, aber in seinen Gesprächen und seinem ganzen Benehmen doch weit zurückhaltender als früher ist. Eine ähnliche Erfahrung mache ich bei den meisten in Straßburg befindlichen Flüchtlingen, als Koch, Dietz, Rosenstiel, Büchner, die sich so gut als gar nicht um mich bekümmern und mir auch nicht die kleinste Gefälligkeit anbieten. Nur Lang macht eine ehrenvolle Ausnahme von ihnen. Carl Schlund betreibt zwar die Sache meines Aufenthaltes bei der Polizei, spielt aber dabei gewissermaßen meinen Protektor und fährt mich zuweilen dermaßen an, daß ich oft meinerseits mich heftig gegen ihn auslassen will.

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Mein Aufenthalt in Straßburg.
von Donnerstags den 21 sten Juli bis Dienstags den 9 ten August.

Nachdem ich 3 oder 4 Tage bei Tarter logirt habe, so ziehe ich wieder in meine frühere Wohnung beim Sigrist Glück, welche bis dahin Max Hoffmann inne hatte. [...]

Der Pfarrer Kurz, dem ich einen Besuch mache, nimmt mich höflich, aber ziemlich zurückhaltend auf. Er bedauert mich, zuckt die Achseln, weiß aber durchaus nichts für mich zu thun. Eines desto herzlicheren Empfanges habe ich mich vom Pfarrer Dürrbach zu erfreuen. Er lädt mich auf den ersten Sonntag Mittags sogleich zu sich ein, wo ich mich seit langer Zeit zum ersten Male wieder in einem traulichen und muntern Familienkreise finde. Auch Lang und ein Frauenzimmer aus Darmstadt nehmen Theil am Essen. Nach demselben kommen noch einige Straßburger junge Frauenzimmer; abwechselnd tanzt man unten im Zimmer und schaukelt sich auf einem Bodengange. Die eine Tochter von Dürrbach, die er zur Erzieherin bilden will, scheint mir bei ihrer Munterkeit und Schalkhaftigkeit ein sehr geistvolles Mädchen. Leider weiß ich mich in diesem angenehmen Kreise doch nicht nach Gebühr zurecht zu finden. Mein ganzes Wesen ist doch schon zu ernst und meine Manieren zu steif und unbeholfen geworden.

Um mich im Französischen zu üben, fange ich an Marmontels Belisaire zu übersetzen, ein Buch, das mich wegen der darin enthaltenen schönen Gesinnungen und Gedanken ungemein anspricht. Nächst dem gewährt mir die Lektüre von Zschockes Flüchtling im Jura, Freihof von Aarau, Addrich im Moos und Creolen eine sehr anziehende Unterhaltung. Größeren Nutzen für mich und spätere dramatische Arbeiten mögen mir indeß Lenzens Übersetzungen mehrerer Stücke von Plautus gebracht haben, die ich mir von Büchner lieh. Tiek hat sich durch die Herausgabe von Lenzens gesammelten Schriften unstreitig kein geringes Verdienst um die Litteratur erworben. Dagegen ist die Herausgabe von Dürrbachs Rappoltstein, eines sogenannten Epos, eine wahre Versündigung an deutscher Kunst und Wissenschaft. Dürrbach ist ein herzensguter Mann, aber zu einem solchen Werk gehört ein höherer Schwung der Seele, als ihm die Natur verliehen und seine ganze Stimmung und gegenwärtige, wie es scheint, nicht ganz sorgenlose Lage zuläßt. Er ist nicht zufrieden, der Predigerstand gefällt ihm nicht und all seine Aufmerksamkeit wird durch seine häuslichen Zustände in Anspruch genommen. Dabei kann die Poesie selten oder nie gedeihen. Ich war ordentlich froh, daß meine nothgedrungene schleunige Abreise von Straßburg mich der Pflicht überhob, das Buch auszulesen und gegen Dürrbach ein aufrichtiges Urtheil darüber auszusprechen.

Eins meiner Hauptgeschäfte in Straßburg war, den Friedensrichter Klein und den übrigen Flüchtlingen den ganzen Prozeß gegen Eib als Spion mitzutheilen, namentlich das von Rottenstein abgefaßte und von der Zürcher Commission unterschriebene Endurtheil, durch welchen Eib von jedem Verdacht freigesprochen wurde. Carl Schlund und einige andre meinten, daß mancher in Rottensteins Briefen an mich gegen Klein gerichtete Vorwurf nicht ganz ungegründet sei. Klein erhielt von da auch den Beinamen des Pascha.

Da sich auch Eckel nicht um mich bekümmerte und ich die noch bestehenden Handwerker Vereine absichtlich nicht besuchte, so war ich fast ohne allen Umgang lediglich auf mich selbst beschränkt, was mir im Grunde auch das Liebste war. Ich fühlte mich zufrieden, wenn ich bei einem Glase guten Bieres im Greif oder Delphin ungestört meinen Träumereien nachhängen konnte. Die früher häufig frequentirten Bierhäuser zur Axt und zur Hoffnung bei Hatt besuchte ich nur einige wenige Male gleichsam zur Erinnerung. [...]

Bald nach meiner Ankunft in Straßburg schrieb ich der Mutter meine bisherigen letzten Schicksale, und schickte diesen Brief, damit mein damaliger Aufenthalt desto weniger bekannt werde, an Herrn Stumm in Basel, mit der Bitte, ihn auf die Post daselbst zu geben. Zugleich beschrieb ich Herrn Stumm selbst in kurzen Umrissen meine Reise von Schönebuch nach Straßburg. Aber wie groß war mein Erstaunen, als er mir bald darauf antwortete: ich möge ihm für’s Erste nicht mehr schreiben; denn jeder, der nur in der geringsten Verbindung mit Flüchtlingen gestanden habe, müsse gegenwärtig das Äußerste befürchten, und es wäre doch allzuhart, wenn er am Ende für seine Menschenfreundlichkeit wohl noch gar gemaßregelt werden sollte! Armes Hasenherz, dachte ich und zuckte unwillkührlich mit den Achseln. Inzwischen war auch ich bald in Straßburg nicht mehr sicher. Der Sigrist Glück, der in einem beständigen Rausche lebt, war nämlich selbst, sei es aus Besorgniß oder Schlechtigkeit, auf die Polizei gegangen und hatte meinen Aufenthalt angezeigt. Im Vertrauen erhielt Carl Schlund briefliche Nachricht hievon und theilte sie mir auf der Straße, wie in voller Entrüstung, mit, indem er nach seiner heftigen Weise ausrief: Richte dich danach! und damit ohne Weiteres davonstürzte. Klein zog nun weitere nähere Nachricht ein, worauf ich gutem Rathe gemäß nach einigen Tagen in das Haus des Schmiedes Jost in der Goldgiese zog, wo auch der Meister Friebel aus Frankfurt schon seit Jahr und Tag wohnte. Hier hatte ich, wie schon früher in meinem Logis bei Tarter, das große Unheil, Wanzen in meinem Bette anzutreffen, [mit] denen ich jeden Abend vor dem Zubettegehen und einige Male sogar mitten in der Nacht eine große blutige Schlacht lieferte. Zum Glück währte diese Qual nur etwa 3 oder 4 Tage; denn bereits hatte auch schon die Central-Polizei und der Oberpräfekt Choppin d’Arnouville Kunde von meinem Aufenthalt in Straßburg erhalten; letzterer machte dem betreffenden Polizei-Commissär, den er zu sich rufen ließ, die bittersten Vorwürfe, daß er mich noch nicht entdeckt habe, und so war denn an ein längeres Bleiben ohne Gefährdung meiner Sicherheit nicht wohl zu denken. Anfänglich wollte ich im ganzen untern Elsaß umherreisen und mit Hülfe der zahlreichen Empfehlungsbriefe, welche ich an dortige angesehene Männer besaß, irgendwo einen Zufluchtsort zu entdecken suchen. Allein noch am Tage meiner Abreise bestimmten mich Klein und andere Freunde durch überwiegende Gründe, im Vertrauen auf meine Papiere ohne weiteres geradezu nach Paris zu gehen. Meine Effekten waren von Basel leider noch nicht gekommen. Nichtsdestoweniger setzte ich mich

 

Dienstags, den 9 ten August.

Nachmittags um 4 Uhr zuvörderst auf die Diligence nach Saverne oder Zabern. [...]

Überlieferung
H: STA Wolfenbüttel, Nachlaß Fein, Nr. 42, fol. 78r-80v.