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Carl Vogt: Erinnerungen an Gießen und Gießener Professoren; Genf um 1891

<53> Es ist heutzutage wahrhaft unglaublich, welche Menge von Wissenschaften Professor Wilbrand, allgemein „das Äffken“ genannt, wenn auch nicht bewältigte, so doch lehrte. Als Professor der Botanik war er zugleich Direktor des botanischen Gartens und Leiter der botanischen Exkursionen, bei denen er eine unglaubliche Zähigkeit im Dauerlauf entwickelte und stets sein Handbuch der Botanik in einem Lederfutterale mitschleppte, um die Namen der Kompositen und Kreuzblüter nachzuschlagen, die ihn immerhin in einige Verlegenheit setzten; als Lehrer der Zoologie las er großenteils ein anderes, ebenfalls von ihm verfertigtes Handbuch vor, das er mit Bemerkungen über seine „Äffken“ würzte, denn er hielt beständig eine oder mehrere zahme Meerkatzen zu Hause, während in dem sogenannten <54> Museum ein paar Dutzend Bälge von den Motten erbarmungslos zugerichtet wurden; als Professor der Anatomie und Direktor de anatomischen Theaters hielt er sich im Winter etwa anderthalb Stunden in einem scheußlichen Lokale auf, welchem von Zeit zu Zeit ein Leichnam aus dem Zuchthause von Marienschloß zugeführt wurde, an dem man so lange herumschnitzelte, bis die Pferde auf der Reitbahn, die vor den Fenstern dieser sogenannten Anatomie sich hinzog, vor dem Gestanke scheuten; als Professor der Physiologie las er ein drittes, von ihm verfertigtes Lehrbuch vor, das seiner poetischen Sprache wegen gerühmt wurde; als Professor der vergleichenden Anatomie diktierte er ein Heft mit „eigenen Ideen“ und als ob an alle dem nicht genug gewesen wäre, schlug er auch von Zeit zu Zeit noch ein Publikum über Naturphilosophie an, das eigentlich die Quintessenz seiner sämtlichen Kollegien enthielt. Denn Wilbrand übertrumpfte noch den guten Oken und die sämtlichen andern Naturphilosophen und das in dem schauderhaftesten westfälischen S-kinken-Dialekt, der jemals in einem Bauernhause des Münsterlandes in das Feld geführt worden ist. Alles reduzierte sich auf: Nordpol, Dunkelpol – Südpol, Lichtpol – in der Mitte „magnetisker Indifferens bonkt.“ Das leugnete noch im Jahre 1834 und 1835, als ich bei ihm Kolleg hörte, den Kreislauf des Blutes, die Aufnahme von Sauerstoff bei der Atmung und ähnliche Dinge! „Sauerstoff ist ja kein Stoff! Ich kann ihn nicht sehen! Das ist nur eine Erscheinung!“ Liebig wurde wütend, wenn man ihm solche Äußerungen hinterbrachte. „Herr Kandidat,“ fragte er meinen Vetter beim DoktorExamen, „was ist vorzüglicher, das geistige Auge oder das leibliche Auge?“ „Das geistige, Herr geheimer Medizinalrat.“ – „Jawohl, jawohl, ganz recht. Nun denn, wenn Sie mit Ihrem leiblichen Auge die Zirkulation des Blutes im Mikroskope geschaut haben und ich habe mit meinem geistigen Auge geschaut, daß diese Zirkulation nicht existiert, nicht existieren kann, so habe ich doch wohl recht und Sie unrecht!“ Von einem physiologischen Experiment war keine Rede; das Mikroskop zeigte nur Trugbilder, sogar die gewöhnliche, hausbackene, menschliche Anatomie wurde in seltsamster Weise verhunzt, da der Prosektor Wernekink sich zuweilen den lästerlichen Spaß machte, die Muskeln und Bänder in anderer Weise abzuteilen, als Wilbrand es gewohnt war. Dann zupfte dieser in der Vorlesung an vier, fünf Muskeln mit der Pinzette hin und her, während er sein Pensum dazu hersagte, das zu der Präparation paßte, wie die Faust auf’s Auge. Mein Vater war Prosektor gewesen und hatte besonders topo<55>graphische Anatomie in Beziehung auf Chirurgie gründlich studiert – er war erstaunt über den Wirrwarr, den ich aus der Wilbrandschen Vorlesung nach Hause brachte. Er demonstrierte mir einmal an den Tafeln von Scarpa die Bruchgegend und als er hier eine gewisse Zahl von Bändern und Sehnenausbreitungen genannt hatte, die mir ganz fremd waren, sagte er lächelnd: „Frage doch morgen einmal Wilbrand darnach!“ Ich that es und erhielt zur Antwort: „Das sind so einige von den kleinen Bändern an der Handwurzel!“

Der Glanzpunkt dieser anatomischen Vorlesung war die Demonstration der Ohrmuskeln. Der Sohn, der die Ohren brillant bewegen konnte, mußte dann erscheinen und man erzählte, daß die Scene in folgender Weise sich abspielte. Nach der Beschreibung der Ohrmuskeln sagte der Professor: „Diese Muskeln sind beim Mens-ken obsolet geworden. Der Mens-k kann die Ohren nicht bewegen, das können nur die Äffken. Jolios, mach’s mal!“ Der unglückliche Jolios mußte dann aufstehen und mit den Ohren wedeln!

Zur Eröffnung der Vorlesung über Naturphilosophie erschien fast die ganze Studentenschaft. „Meine Haaren,“ fing Wildbrand in seinem breitesten Westfälisch an, „meine Haaren! De Philosophie kann nicht gelahrt un nich gelarnt waren!“ Kaum war die Phrase beendet, so stand das Auditorium auf und ging weg – was hatte man noch in einem Kollegium zu thun, wo nichts gelehrt und nichts gelernt werden konnte?

Wenn Wilbrand klapperdürr und hager umherrannte, wie der Sturmwind, so schritt dagegen der Schwager, allgemein „das Ritgen“ genannt, würdevoll einher in eng anliegenden, ungarischen Hosen und Quastenstiefeln, fest überzeugt, daß seine Beine eine klassische Formschönheit entwickelten.

<58> Der Philosoph Hillebrand verdient einer besonderen Erwähnung. Ein hochgebildeter Mann von feinsten Umgangsformen und liebenswürdigstem Wesen, war der Unglückliche als moderner Prometheus an den rauhen Felsen des Gymnasiums von Gießen festgeschmiedet, wo ihm die Geier, „Klassenbuben“ genannt, täglich die vom reinsten Klassizismus erfüllte Leber mit den greulichsten Barbarismen zerfleischten. Von Hillebrand als Pädagogiarch soll später die Rede sein. An der Universität, wo Hillebrands Kollegien zu den besuchtesten gehörten, lag der Professor der Philosophie in beständigem Kampfe einerseits mit der „Barbaren-Kohorte“ der Chemiker unter Liebigs Leitung, anderseits mit den Privatdozenten, welche ebenfalls Logik und Psychologie lesen wollten. Letzteres war nämlich nebst allgemeiner Geschichte und Mathematik Zwangskolleg für alle Studenten ohne Ausnahme und diese drei Kollegien somit die einträglichsten, was für Professoren mit zahlreichem Kindersegen, wie Hillebrand, oder für hungernde Privatdozenten kein unwichtiger Punkt war. So existierte zur damaligen Zeit ein außerordentlicher Professor der Forstwissenschaft, der unverheiratet war, den Titel hatte, aber keinen Gehalt bezog und nichtsdestoweniger gezwungen werden sollte, nicht nur eine jährliche Summe zur Witwenkasse, sondern auch ein beträchtliches Einkaufsgeld zu zahlen. Der Arme sah kein anderes Mittel, dem sicheren finanziellen Ruin zu entgehen, als Kollegien über Geschichte, Mathematik, Logik und Psychologie anzuschlagen, zu welchen sich natürlich alle Forstmänner, Chemiker und überhaupt alles Volk meldete, das wußte, daß der Extraordinarius nur das Honorar, nicht aber einen fleißigen Besuch der Vorlesungen beanspruchte. Hillebrand geriet außer Rand und Band über diesen Einbruch der Barbaren-Kohorte in sein Heiligtum; sein historischer Kollege, der unter dem Vorwande allgemeiner Geschichte den Studenten Vorlesungen über Portugal hielt, mit welchem Lande er sich speziell beschäftigt hatte, machte Chorus und ein erbitterter Krieg teilte die Universität während einiger Zeit in zwei Lager, der endlich dadurch geschlichtet wurde, daß der Extraordinarius der Forstwissenschaft eine Gratifikation und Gehalt erhielt, dagegen das Versprechen geben mußte, ferner weder Logik noch Geschichte zu lesen. –

<77> Der Hirschwirt war unser bester Freund und gar manche Nachmittage im Winter, während der Vater uns bei unserer Arbeit glaubte, saßen wir drüben in der Kneipe bei den Fuhrleuten, die uns schöne Lieder lehrten.

Ach Tochter! Liebe Tochter! Was hast du gedenkt,
Daß du dich an die Landkutscher und die Fuhrleut’ hast gehenkt?

Ach Mutter! Liebe Mutter! So sei doch gescheit,
Die Landkutscher und die Fuhrleut’ das sind kreuzbrave Leut!

Das alte Lied: „Es steht ein Wirtshaus an dem Rhein“ war von einem vaterländischen Dichter in folgender Weise verändert worden:

Es wohnt der Hirschwirt an der Lahn,
Da klopfen alle Fuhrleut an!
Der Hirschwirt sitzt am Ofen,
Die Fuhrleut sitzen um den Tisch,
Den Wein will niemand – holen!

Der Hirschwirt war eine Art zweiter Vorsehung für uns. Wenn unser Gewissen durch das Bewußtsein begangener Übelthat und vorauszusehender Strafe bedrückt war, so gingen wir in den Hirsch und baten den Wirt um Fürsprache. Öfter übernahm er die Mission mit glücklichem Erfolge; zuweilen aber lehnte er jede Einmischung mit den Worten ab: „Nein, dafür mußt du von Gottes und Rechtswegen deine Prügel haben!“

<82> Hinter dem Krofdorfer Walde kam die Subach, eine finstere Waldschlucht, in welcher eine neuere Raubgeschichte gespielt hatte. Allmonatlich wurden die in dem Hinterlande eingegangenen Staatsgelder auf einem Postkarren, den ein Gensdarm begleitete, nach Gießen spediert und von dort zur Hauptstaatskasse nach Darmstadt geleitet, von wo sie dann, aber in kleineren Sendungen verteilt, wieder den Rückweg nach der Provinz antraten. Ein alter Schäfer, Namens Geiz, hatte mit seinen beiden Söhnen, seinen zwei Neffen und einem Vetter den Postwagen in der Subach überfallen, den Postillon geknebelt und das Geld geraubt. Der Gensdarm hatte geschossen, stand aber im Verdachte, mit im Komplotte gewesen zu sein und nur blind geladen zu haben. Die ganze Bande wurde gefangen. Der Gensdarm erschoß sich, der Vetter entkam auf rätselhafteste Weise; der Schäfer Geiz mit seinen Söhnen und Neffen wurden enthauptet. Wir hatten die Exekution mit angesehen und ich muß gestehen, daß es uns einigermaßen gruselte, wenn wir durch die Subach gingen. Um uns Mut einzuflößen, stimmten wir dann mit hellen Lauten das Schinderhanneslied an, das August Becker, der rote August, von den Geizen selbst gelernt hatte.

Kann es etwas Schöner’s geben
Auf der ganzen, weiten Welt,
Als ein lustig Räuberleben,
Morden um das liebe Geld!
Tag und Nacht herumzuschweifen,
Werte Beute anzugreifen,
Schießen, Hauen, Stechen tot –
Ist das nicht ein schön’ Stück Brot?

Wenn wir an den Galgen gehen,
Kommt uns fast das Lachen an,
Wenn wir die dort oben sehen –
Einmal müssen wir auch dran!
Die da liegen in der Erden
Von den Würm’ gefressen werden!
Besser trocknen an der Luft,
Als verfaulen in der Gruft!

<142> Es war in jener Zeit, wo keine Eisenbahnen existierten und der „Briefpostkurier“, dessen auch im Hampelmann Erwähnung geschieht, als ein Wunder angestaunt wurde, weil er die Strecke von Gießen nach Darmstadt, 18 Poststunden, in einem Tage zurücklegte.

<146> Die Studierenden der Universität Gießen waren damals unter scharfe Kontrolle gestellt. Keiner durfte ohne Paß die Stadt verlassen; auf der Mainbrücke bei Offenbach und der Rheinbrücke in Mainz wimmelte es von Agenten, die jeden, dessen Aussehen einigermaßen den Studenten verriet, anhielten und die Paßlosen verhafteten.

Ich beriet mich zu Hause mit Herrn von Buri. „Nach den Verordnungen,“ sagte dieser, „kann kein Student ohne eine, vom Universitätsrichter ausgestellte Paß-Erlaubnis reisen. Gehe also zum Herrn Trygophorus (so hieß dieser Würdenträger) und verlange eine solche für die Reise nach der Schweiz. Giebt er sie, so kannst du einstweilen ruhig hier bleiben; verweigert er sie aus irgend einem Vorwande, so verliere keine Minute und mache dich auf die Lappen! Wo willst du einen Boten von mir erwarten, wenn der letztere Fall eintritt?“ „In Dauernheim!“ – „Gut! Dort sollst du Nachricht erhalten! Nun rasch zu Trygophorus!“

Nachdem ich noch einige Vorbereitungen getroffen, begab ich mich zu dem gestrengen Herrn Universitätsrichter und brachte mein Anliegen vor. Er wurde sichtlich verlegen. „Sie wissen,“ sagte er endlich, „daß kein Student ohne ausdrückliche Erlaubnis seiner Eltern die Universität vor Schluß des Semesters verlassen darf.“

Überlieferung
Druck: Carl Vogt, Aus meinem Leben, 1896, S. 53–55, 58, 77, 82 f., 140, 142, 146 f.