LZ 2265 und 3710
Carl Vogt: Erinnerungen an Gießen und Gießener Professoren, an die Flucht von Gießen nach Straßburg und den Aufenthalt dort;
Genf um 1891

<53> Es ist heutzutage wahrhaft unglaublich, welche Menge von Wissenschaften Professor Wilbrand, allgemein „das Äffken“ genannt, wenn auch nicht bewältigte, so doch lehrte. Als Professor der Botanik war er zugleich Direktor des botanischen Gartens und Leiter der botanischen Exkursionen, bei denen er eine unglaubliche Zähigkeit im Dauerlauf entwickelte und stets sein Handbuch der Botanik in einem Lederfutterale mitschleppte, um die Namen der Kompositen und Kreuzblüter nachzuschlagen, die ihn immerhin in einige Verlegenheit setzten; als Lehrer der Zoologie las er großenteils ein anderes, ebenfalls von ihm verfertigtes Handbuch vor, das er mit Bemerkungen über seine „Äffken“ würzte, denn er hielt beständig eine oder mehrere zahme Meerkatzen zu Hause, während in dem sogenannten <54> Museum ein paar Dutzend Bälge von den Motten erbarmungslos zugerichtet wurden; als Professor der Anatomie und Direktor de[s[ anatomischen Theaters hielt er sich im Winter etwa anderthalb Stunden in einem scheußlichen Lokale auf, welchem von Zeit zu Zeit ein Leichnam aus dem Zuchthause von Marienschloß zugeführt wurde, an dem man so lange herumschnitzelte, bis die Pferde auf der Reitbahn, die vor den Fenstern dieser sogenannten Anatomie sich hinzog, vor dem Gestanke scheuten; als Professor der Physiologie las er ein drittes, von ihm verfertigtes Lehrbuch vor, das seiner poetischen Sprache wegen gerühmt wurde; als Professor der vergleichenden Anatomie diktierte er ein Heft mit „eigenen Ideen“ und als ob an alle dem nicht genug gewesen wäre, schlug er auch von Zeit zu Zeit noch ein Publikum über Naturphilosophie an, das eigentlich die Quintessenz seiner sämtlichen Kollegien enthielt. Denn Wilbrand übertrumpfte noch den guten Oken und die sämtlichen andern Naturphilosophen und das in dem schauderhaftesten westfälischen S-kinken-Dialekt, der jemals in einem Bauernhause des Münsterlandes in das Feld geführt worden ist. Alles reduzierte sich auf: Nordpol, Dunkelpol – Südpol, Lichtpol – in der Mitte „magnetisker Indifferens bonkt.“ Das leugnete noch im Jahre 1834 und 1835, als ich bei ihm Kolleg hörte, den Kreislauf des Blutes, die Aufnahme von Sauerstoff bei der Atmung und ähnliche Dinge! „Sauerstoff ist ja kein Stoff! Ich kann ihn nicht sehen! Das ist nur eine Erscheinung!“ Liebig wurde wütend, wenn man ihm solche Äußerungen hinterbrachte. „Herr Kandidat,“ fragte er meinen Vetter beim DoktorExamen, „was ist vorzüglicher, das geistige Auge oder das leibliche Auge?“ „Das geistige, Herr geheimer Medizinalrat.“ – „Jawohl, jawohl, ganz recht. Nun denn, wenn Sie mit Ihrem leiblichen Auge die Zirkulation des Blutes im Mikroskope geschaut haben und ich habe mit meinem geistigen Auge geschaut, daß diese Zirkulation nicht existiert, nicht existieren kann, so habe ich doch wohl recht und Sie unrecht!“ Von einem physiologischen Experiment war keine Rede; das Mikroskop zeigte nur Trugbilder, sogar die gewöhnliche, hausbackene, menschliche Anatomie wurde in seltsamster Weise verhunzt, da der Prosektor Wernekink sich zuweilen den lästerlichen Spaß machte, die Muskeln und Bänder in anderer Weise abzuteilen, als Wilbrand es gewohnt war. Dann zupfte dieser in der Vorlesung an vier, fünf Muskeln mit der Pinzette hin und her, während er sein Pensum dazu hersagte, das zu der Präparation paßte, wie die Faust auf’s Auge. Mein Vater war Prosektor gewesen und hatte besonders topo<55>graphische Anatomie in Beziehung auf Chirurgie gründlich studiert – er war erstaunt über den Wirrwarr, den ich aus der Wilbrandschen Vorlesung nach Hause brachte. Er demonstrierte mir einmal an den Tafeln von Scarpa die Bruchgegend und als er hier eine gewisse Zahl von Bändern und Sehnenausbreitungen genannt hatte, die mir ganz fremd waren, sagte er lächelnd: „Frage doch morgen einmal Wilbrand darnach!“ Ich that es und erhielt zur Antwort: „Das sind so einige von den kleinen Bändern an der Handwurzel!“

Der Glanzpunkt dieser anatomischen Vorlesung war die Demonstration der Ohrmuskeln. Der Sohn, der die Ohren brillant bewegen konnte, mußte dann erscheinen und man erzählte, daß die Scene in folgender Weise sich abspielte. Nach der Beschreibung der Ohrmuskeln sagte der Professor: „Diese Muskeln sind beim Mens-ken obsolet geworden. Der Mens-k kann die Ohren nicht bewegen, das können nur die Äffken. Jolios, mach’s mal!“ Der unglückliche Jolios mußte dann aufstehen und mit den Ohren wedeln!

Zur Eröffnung der Vorlesung über Naturphilosophie erschien fast die ganze Studentenschaft. „Meine Haaren,“ fing Wildbrand in seinem breitesten Westfälisch an, „meine Haaren! De Philosophie kann nicht gelahrt un nich gelarnt waren!“ Kaum war die Phrase beendet, so stand das Auditorium auf und ging weg – was hatte man noch in einem Kollegium zu thun, wo nichts gelehrt und nichts gelernt werden konnte?

Wenn Wilbrand klapperdürr und hager umherrannte, wie der Sturmwind, so schritt dagegen der Schwager, allgemein „das Ritgen“ genannt, würdevoll einher in eng anliegenden, ungarischen Hosen und Quastenstiefeln, fest überzeugt, daß seine Beine eine klassische Formschönheit entwickelten.

<58> Der Philosoph Hillebrand verdient einer besonderen Erwähnung. Ein hochgebildeter Mann von feinsten Umgangsformen und liebenswürdigstem Wesen, war der Unglückliche als moderner Prometheus an den rauhen Felsen des Gymnasiums von Gießen festgeschmiedet, wo ihm die Geier, „Klassenbuben“ genannt, täglich die vom reinsten Klassizismus erfüllte Leber mit den greulichsten Barbarismen zerfleischten. Von Hillebrand als Pädagogiarch soll später die Rede sein. An der Universität, wo Hillebrands Kollegien zu den besuchtesten gehörten, lag der Professor der Philosophie in beständigem Kampfe einerseits mit der „Barbaren-Kohorte“ der Chemiker unter Liebigs Leitung, anderseits mit den Privatdozenten, welche ebenfalls Logik und Psychologie lesen wollten. Letzteres war nämlich nebst allgemeiner Geschichte und Mathematik Zwangskolleg für alle Studenten ohne Ausnahme und diese drei Kollegien somit die einträglichsten, was für Professoren mit zahlreichem Kindersegen, wie Hillebrand, oder für hungernde Privatdozenten kein unwichtiger Punkt war. So existierte zur damaligen Zeit ein außerordentlicher Professor der Forstwissenschaft, der unverheiratet war, den Titel hatte, aber keinen Gehalt bezog und nichtsdestoweniger gezwungen werden sollte, nicht nur eine jährliche Summe zur Witwenkasse, sondern auch ein beträchtliches Einkaufsgeld zu zahlen. Der Arme sah kein anderes Mittel, dem sicheren finanziellen Ruin zu entgehen, als Kollegien über Geschichte, Mathematik, Logik und Psychologie anzuschlagen, zu welchen sich natürlich alle Forstmänner, Chemiker und überhaupt alles Volk meldete, das wußte, daß der Extraordinarius nur das Honorar, nicht aber einen fleißigen Besuch der Vorlesungen beanspruchte. Hillebrand geriet außer Rand und Band über diesen Einbruch der Barbaren-Kohorte in sein Heiligtum; sein historischer Kollege, der unter dem Vorwande allgemeiner Geschichte den Studenten Vorlesungen über Portugal hielt, mit welchem Lande er sich speziell beschäftigt hatte, machte Chorus und ein erbitterter Krieg teilte die Universität während einiger Zeit in zwei Lager, der endlich dadurch geschlichtet wurde, daß der Extraordinarius der Forstwissenschaft eine Gratifikation und Gehalt erhielt, dagegen das Versprechen geben mußte, ferner weder Logik noch Geschichte zu lesen. –

<77> Der Hirschwirt war unser bester Freund und gar manche Nachmittage im Winter, während der Vater uns bei unserer Arbeit glaubte, saßen wir drüben in der Kneipe bei den Fuhrleuten, die uns schöne Lieder lehrten.

Ach Tochter! Liebe Tochter! Was hast du gedenkt,
Daß du dich an die Landkutscher und die Fuhrleut’ hast gehenkt?

Ach Mutter! Liebe Mutter! So sei doch gescheit,
Die Landkutscher und die Fuhrleut’ das sind kreuzbrave Leut!

Das alte Lied: „Es steht ein Wirtshaus an dem Rhein“ war von einem vaterländischen Dichter in folgender Weise verändert worden:

Es wohnt der Hirschwirt an der Lahn,
Da klopfen alle Fuhrleut an!
Der Hirschwirt sitzt am Ofen,
Die Fuhrleut sitzen um den Tisch,
Den Wein will niemand – holen!

Der Hirschwirt war eine Art zweiter Vorsehung für uns. Wenn unser Gewissen durch das Bewußtsein begangener Übelthat und vorauszusehender Strafe bedrückt war, so gingen wir in den Hirsch und baten den Wirt um Fürsprache. Öfter übernahm er die Mission mit glücklichem Erfolge; zuweilen aber lehnte er jede Einmischung mit den Worten ab: „Nein, dafür mußt du von Gottes und Rechtswegen deine Prügel haben!“

<82> Hinter dem Krofdorfer Walde kam die Subach, eine finstere Waldschlucht, in welcher eine neuere Raubgeschichte gespielt hatte. Allmonatlich wurden die in dem Hinterlande eingegangenen Staatsgelder auf einem Postkarren, den ein Gensdarm begleitete, nach Gießen spediert und von dort zur Hauptstaatskasse nach Darmstadt geleitet, von wo sie dann, aber in kleineren Sendungen verteilt, wieder den Rückweg nach der Provinz antraten. Ein alter Schäfer, Namens Geiz, hatte mit seinen beiden Söhnen, seinen zwei Neffen und einem Vetter den Postwagen in der Subach überfallen, den Postillon geknebelt und das Geld geraubt. Der Gensdarm hatte geschossen, stand aber im Verdachte, mit im Komplotte gewesen zu sein und nur blind geladen zu haben. Die ganze Bande wurde gefangen. Der Gensdarm erschoß sich, der Vetter entkam auf rätselhafteste Weise; der Schäfer Geiz mit seinen Söhnen und Neffen wurden enthauptet. Wir hatten die Exekution mit angesehen und ich muß gestehen, daß es uns einigermaßen gruselte, wenn wir durch die Subach gingen. Um uns Mut einzuflößen, stimmten wir dann mit hellen Lauten das Schinderhanneslied an, das August Becker, der rote August, von den Geizen selbst gelernt hatte.

Kann es etwas Schöner’s geben
Auf der ganzen, weiten Welt,
Als ein lustig Räuberleben,
Morden um das liebe Geld!
Tag und Nacht herumzuschweifen,
Werte Beute anzugreifen,
Schießen, Hauen, Stechen tot –
Ist das nicht ein schön’ Stück Brot?

Wenn wir an den Galgen gehen,
Kommt uns fast das Lachen an,
Wenn wir die dort oben sehen –
Einmal müssen wir auch dran!
Die da liegen in der Erden
Von den Würm’ gefressen werden!
Besser trocknen an der Luft,
Als verfaulen in der Gruft!

<142> Es war in jener Zeit, wo keine Eisenbahnen existierten und der „Briefpostkurier“, dessen auch im Hampelmann Erwähnung geschieht, als ein Wunder angestaunt wurde, weil er die Strecke von Gießen nach Darmstadt, 18 Poststunden, in einem Tage zurücklegte.

<146> Die Studierenden der Universität Gießen waren damals unter scharfe Kontrolle gestellt. Keiner durfte ohne Paß die Stadt verlassen; auf der Mainbrücke bei Offenbach und der Rheinbrücke in Mainz wimmelte es von Agenten, die jeden, dessen Aussehen einigermaßen den Studenten verriet, anhielten und die Paßlosen verhafteten.

Ich beriet mich zu Hause mit Herrn von Buri. „Nach den Verordnungen,“ sagte dieser, „kann kein Student ohne eine, vom Universitätsrichter ausgestellte Paß-Erlaubnis reisen. Gehe also zum Herrn Trygophorus (so hieß dieser Würdenträger) und verlange eine solche für die Reise nach der Schweiz. Giebt er sie, so kannst du einstweilen ruhig hier bleiben; verweigert er sie aus irgend einem Vorwande, so verliere keine Minute und mache dich auf die Lappen! Wo willst du einen Boten von mir erwarten, wenn der letztere Fall eintritt?“ „In Dauernheim!“ – „Gut! Dort sollst du Nachricht erhalten! Nun rasch zu Trygophorus!“

Nachdem ich noch einige Vorbereitungen getroffen, begab ich mich zu dem gestrengen Herrn Universitätsrichter und brachte mein Anliegen vor. Er wurde sichtlich verlegen. „Sie wissen,“ sagte er endlich, „daß kein Student ohne ausdrückliche Erlaubnis seiner Eltern die Universität vor Schluß des Semesters verlassen darf.“

Überlieferung
Druck: Carl Vogt, Aus meinem Leben, 1896, S. 53–55, 58, 77, 82 f., 140, 142, 146 f.

LZ 2265
Carl Vogt: Erinnerungen an die Flucht von Gießen nach Straßburg und den Aufenthalt dort; Genf um 1891

Auf dem linken Rheinufer, in der Pfalz und in Rheinhessen, hatten die liberalen, wohlhabenden Bürger eine „Flüchtlingspost“ errichtet, zu welcher die Flüchtlinge, welche glücklich die Brücken passiert hatten, durch ein verabredetes Paßwort Zugang hatten. In Mainz, Worms, Germersheim, Speier und den mehr nach der französischen Grenze hin gelegenen Städten stand Tag und Nacht ein angeschirrter, leichter Wagen bereit, den die Bürger Reih’ um stellten. Kam ein Flüchtling, so wurde er sofort weitergeschafft und war längst über der Grenze, bevor die Sicherheitsorgane ihn verfolgen konnten. Auf diese Weise waren alle meine Freunde nach Straßburg entkommen.

[...]

Ich glaube, daß ich die Reise größtenteils schlafend zugebracht habe; wenigstens ist mir keine Erinnerung davon geblieben. Nach der fieberhaften Spannung, in welcher ich die Zeit seit meiner Flucht aus Gießen verlebt hatte, ist das leicht erklärlich. Erst in Kehl fand ich mich wieder im Vordercoupé zwischen zwei leutseligen, behäbigen Herren, die sich lebhaft im elsässischen Dialekte unterhielten, von dem ich nur wenig verstand. Als wir die Mitte der Rheinbrücke überschritten hatten und uns auf französischem Boden befanden, entrang sich ein tiefer Seufzer meiner Brust. „Sie sind noch sehr jung für einen Flüchtling!“ sagte der eine Herr, mich von Kopf zu Füßen musternd. Ich hatte in der That eben erst das achtzehnte Lebensjahr vollendet, und da mir der Bart erst spät gekommen ist, sah ich vielleicht jünger aus, als ich wirklich war. „Woher wissen Sie?“ – „Nun, das war leicht zu merken an dem Seufzer! Dazu braucht man kein Polizeigenie zu sein. Sie wollen nach Straßburg? Haben Sie einen Paß?“ – Ich meinte, Flüchtlinge hätten in der Regel keine Pässe. – „Auch richtig!“ sagte der Herr. „Aber unser Präfekt Chopin d’Arnille ist sehr streng in Bezug auf diesen Punkt. Wenn Sie keinen Paß haben, werden Sie am Thore arretiert!“ – „Da möchte ich doch lieber vorher aussteigen.“ – „Na!“ sagte der Mann, „bleiben Sie nur ruhig sitzen! Wir wollen’s schon machen. Dem Schuften von Präfekten wollen wir schon eine Nase drehen! Es ist greulich, wie er die Flüchtlinge verfolgt!“

Es war Abend, als die Diligence an dem Thore der Festung Straßburg hielt. Ein Sergeant trat mit einer Laterne heraus. „Vos passeports Messieurs!“ Einige Pässe wurden hinausgereicht. „Und die andern Herrn?“ sagte der Sergeant im besten Dialekte. „Sy olles Straßburger, Herr Wagner!“ antwortete mein Beschützer, sich so in das Fenster lehnend, daß er mich gänzlich verdeckte. „Ah! Guten Owe, Herr Kratz!“ grüßte der Sergeant. „En règle et en route!“ rief er dem Postillon zu und wir rollten durch die Thorwölbung in die Stadt.

Gepäck hatte ich nicht; in einem Gasthofe hätte man mich nicht angenommen. Die Adresse meiner Freunde besaß ich nicht. In einem Bierhause hörte ich, daß man heute Abend zur Jahresfeier der Julirevolution, den Dom illuminieren werde. Schon flammten oben die Lämpchen. Ich richtete meine Schritte dorthin.

In dem Augenblicke, wo ich um eine Straßenecke gegen das Portal des Münsters hin einbiege, prallt ein langer Mensch im eiligsten Laufe so heftig gegen mich, daß er mich fast zu Boden wirft.  „Jacques!“ rufe ich, unsern ehemaligen Senior [d.i. Jacob Hepp] erkennend, der unter dem Namen „der  alte Jacques“ bekannt war. „Fort, fort!“ knirscht er, mich am Arme voranziehend. „Die Polizei ist uns auf den Fersen!“ Ich renne mit ihm in ein Haus an dem Fischerquai, wo er die Treppe hinauf in ein Zimmer stürzt, das er hinter uns abschließt. Erst nach längerem Luftschnappen erzählt mir der alte  Jacques, daß meine Freunde, in Verbindung mit radikalen Straßburgern, sich verabredet hätten, die Lampengerüste niederzureißen, um die Illumination zu verderben, die ja doch nur zur Ehre des Tyrannen Ludwig Philipp veranstaltet werde, daß die Polizei aber sie beinahe bei dieser löblichen Beschäftigung überrascht habe.

Nach und nach trafen auch die anderen ein, alle in Blusen, die über und über mit Talg und Ruß befleckt waren. Wie durch einen Zauberschlag war ich inmitten der politischen Corpsbrüder versetzt! Da ein Zimmer im Hause, das thatsächlich ein Flüchtlingsheim bildete, frei war, so bezog ich dasselbe sofort. Der Abend wurde in dem revolutionären Bierhause „La hâche“ verbracht und am andern Morgen Kriegsrat gehalten.

Herr Kratz, der später Maire von Straßburg wurde und mit dem ich auf dem Aargletscher im Jahre 1840 vertrauter wurde, hatte mich schon im Postwagen über die Gesinnungen des Präfekten, den Flüchtlingen gegenüber, hinlänglich belehrt. Ich erfuhr nun, daß der Präfekt alle ihm untergebenen Polizeikommissäre unter Androhung augenblicklicher Dienstentlassung in Pflicht genommen habe, jeden Flüchtling ihm anzuzeigen, daß aber einer dieser Kommissäre, ein alter Republikaner, Namens Pfister, diesen Befehl in den Wind schlage und die Flüchtlinge in seinem Quartiere unbehelligt lasse, ja sogar in seine Obhut genommen habe.

Nicht ohne Entgelt! Es trieben sich damals eine Menge von Strolchen und Gaunern im Elsaß umher, die sich fälschlich für Flüchtlinge ausgaben. Pfister hatte also mit den politischen Flüchtlingen, in deren sonstige Ehrenhaftigkeit er volles Vertrauen setzte, ein Abkommen getroffen, wonach er alle, von diesen ihm als Flüchtlinge Empfohlenen beschützte, dagegen sie verpflichtete, ihm alle falschen Flüchtlinge zu verzeichnen. Man hatte eine lange Liste der „Strömer“, wie man die Flüchtlinge nannte, zusammengestellt, Hauptströmer, Nebenströmer (die Weiber und Freundinnen) und schließlich zwei Rubriken geschaffen, die ihren Erfindern alle Ehre machten: „Strömende Gauner“ für Strolche, die sich für Flüchtlinge ausgaben und „Gaunerische Strömer“, wirkliche Flüchtlinge, die aber sich nicht entblödeten, Gaunereien zu begehen.

Die allgemeine Ansicht des Kriegsrates ging dahin, daß meine Ankunft unmittelbar Herrn Pfister angezeigt und sein Schutz für mich angerufen werden solle. Aber während unser Vorsitzender den Brief an Pfister aufsetzte, lief ein Schreiben von diesem ein, des Inhaltes, es werde nächstens ein Individuum anlagen, das sich für einen Flüchtling ausgebe, aber ein Kutscher aus der Pfalz sei, der sich mit den Pferden und dem Wagen seines Herrn nach dem Elsaß begeben und seinen Raub dort versilbert habe. Man möge dafür sorgen, daß er, Pfister, ihn dingfest machen könne. Sein Name sei Vogt.

Man beriet hin und her. Endlich siegte der Vorschlag, ich solle mit zweien meiner Freunde, die Pfister besonders schätzte, mich zu diesem begeben und ihm die Sache wahrheitsgetreu darstellen.

Wir werden bei Pfister eingeführt. Der Mann erweckte Vertrauen mit seinem langen, weißen Barte, der ein treuherziges Gesicht umrahmte. Meine Freunde stellen mich als neu angekommenen Flüchtling vor. Pfister grüßt freundlich, aber in dem Augenblicke, wo mein Namen genannt wird, greift er nach der Klingel. „Bitte, Herr Polizeikommissär,“ sage ich, „ich bin kein Kutscher, habe auch kein Gespann gestohlen!“ – „Wie können Sie die Geschichte wissen?“ sagt er, meine Freunde zornig anblickend und eine Indiskretion vermutend. Es bedurfte einigen Hin- und Herredens, um ihm den Fall klar zu machen. „Nun gut!“ sagte Pfister endlich, „ich will den Herren glauben, wenn sie versichern, daß sie seit Jahren mit Ihnen bekannt sind und Sie eines Diebstahles nicht für fähig halten. Aber ich muß Gewißheit haben. Sie sagen, daß Ihr Vater Professor in Bern sei und Sie zu ihm reisen wollen. Haben Sie Ihren Vater schon von Ihrer Ankunft hier benachrichtigt?“ – „Noch nicht. Ich wollte es nach der Konferenz mit Ihnen thun!“ – „So setzen Sie sich hier an mein Bureau und schreiben Sie in unserer Gegenwart den Brief. Bitten Sie zugleich Ihren Vater, Ihnen einen Paß von Bern aus zu schicken, denn, wie Sie wissen, wird jetzt die Grenze scharf bewacht, um die Teilnehmer am Lyoner Aufstande im letzten Jahre aufzufangen, die aus Sainte Pélagie ausgebrochen sind und wahrscheinlich noch im Lande sind. Hoffentlich kriegen sie sie nicht!“ fügte er leise hinzu, zu meinen Freunden sich wendend.

Ich schrieb den Brief, den Pfister behändigte und aufmerksam durchlas. Er nickte beifällig. „Sie können nun mit den Herren gehen. Aber ich sage Ihnen offen, daß ich Sie beaufsichtigen lassen werde. Ihre Wohnung am Fischerquai dürfen Sie unter keiner Bedingung ändern. Adieu!“

Nach einigen Tagen ließ mich Pfister rufen. „Die Sache ist in Ordnung“, rief er, mir die Hand reichend. „Hier die Antwort Ihres Vaters. Ich danke Ihnen und den Herren, daß sie mir die Wahrheit gesagt haben. Kommen Sie morgen Nachmittags mit ihnen zu mir in meinen Garten an der Ill; wir wollen dann nähere Bekanntschaft machen. Meine Agenten haben Ordre, Sie unbeaufsichtigt zu lassen!“

Für mich war die Sache aber gar nicht in Ordnung. Mein Vater hatte sich unmittelbar nach Ankunft meines Briefes an den Polizeidirektor in Bern mit der Bitte um einen Paß für mich gewandt. Dieser aber hatte ihm geantwortet, einen Paß könne er mir nicht geben, da ich nicht Sohn eines Schweizer Bürgers sei; er wolle aber an den Präfekten von Straßburg schreiben, daß dieser mir einen Laufpaß zur Reise nach der Schweiz geben möge. Dies geschah. Mein Vater, der ebensowenig wie der Berner Polizeidirektor die Lage der Sache in Straßburg kannte, hatte sich dabei beruhigt. Der Präfekt von Straßburg rief seine Kommissäre zusammen und fragte nach mir. Pfister, dem schon die Entlassung angedroht war, schwor wie die andern Stein und Bein, daß meine Existenz ihm unbekannt sei. Der Präfekt von Straßburg schrieb also sehr höflich an den Polizeidirektor in Bern, ein politischer Flüchtling, Namens Vogt, habe sich bis jetzt in Straßburg nicht blicken lassen; er werde aber, sobald der junge Mensch eintreffen sollte, mit Vergnügen den Wunsch des Herrn Direktors erfüllen.

So war ich denn gefangen in Straßburg, notgedrungen von denjenigen verleugnet, die um meine Existenz wußten und in die Unmöglichkeit versetzt, die Stadt und das Land zu verlassen, denn die Grenze wurde in der That sehr scharf bewacht.

[...]

Dem Präfekten zum Trotz wimmelte es damals in Straßburg von Flüchtlingen aller Art, aus bürgerlichen und Universitätskreisen. Wenn man auch einander nicht feindselig gegenüber stand, hatten diese beiden Kategorien doch nur oberflächliche Beziehungen zu einander. Obgleich sich unter den „Philistern“ Männer wie Georg Fein, W. Schulz und andere befanden, welche an Kenntnissen und allgemeiner Bildung weit über dem Niveau der Studenten standen, sahen diese letzteren doch die Philister einigermaßen über die Achsel an; nur wenige unter ihnen konnten den Umgang mit Männern begreifen, die den „Komment“ für aristokratischen Blödsinn, die Korpsbündeleien, die Mensuren und das obligate Kneipen für Überreste mittelalterlicher Roheit erklärten. Wenn aber die Studenten über diese Anschauungen ihrer eigenen Landsleute sich erhaben dünkten und nur ein Achselzucken zur Antwort auf deren Kritiken hatten, so kränkte es sie doch, daß die Straßburger Studenten, von welchen sich einige mit den Flüchtlingen befreundet hatten, für deren Schrullen ebenfalls nicht das mindeste Verständnis zeigten. Da ich niemals mich für diese Dinge hatte begeistern können, niemals die farbige Mütze und das Band getragen hatte, so bequemte ich mich leichter den Anschauungen der Philister an, unter welchen sich einige Gießener Bürger befanden, mit welchen ich seit längerer Zeit bekannt war.

Alle diese Leute aber, Studenten wie Philister, lebten in der Illusion, daß ihr Exil nur von kurzer Dauer sein werde und sie bald siegreich in das Vaterland zurückkehren könnten. Ich habe später, in so manchen Flüchtlingsperioden, die an mir vorüberrauschten oder an welchen ich selbst beteiligt war, stets dieselbe Erfahrung bestätigt gefunden. Der Flüchtling glaubt, vom Auslande her die Umwälzung herbeiführen zu können, die er, solange er sich in seinem Lande befand, nicht zu bewerkstelligen imstande war; er stürzt sich in die tollsten Unternehmungen, weist bleibende Stellungen, die sich ihm im Auslande bieten, zurück, um stets dem Rufe des Vaterlandes Folge leisten zu können und klagt, wenn er auf dem Gipfel dieses Paroxysmus angelangt ist, diejenigen des Verrates an, welche sich Mühe gaben, ihm und seinen Genossen ein Unterkommen in festen Stellungen zu verschaffen. Die Not und der Kampf um das Leben zwingt dann doch schließlich manche, diese Anschauungen für einige Zeit an den Nagel zu hängen.

Einigen der älteren Flüchtlinge, vom Hambacher Fest her, war es schon gelungen, dauernde Stellungen bei den Elsässern zu erringen, was durch die ungeheuchelte Sympathie des ganzen Volkes ihnen wesentlich erleichtert wurde. Die andern fuhren in ihrem aberteuerlichen Treiben fort, so lange sie noch Mittel zur Fortführung ihres Lebens hatten. So erinnere ich mich, daß ernsthaft ein Plan diskutiert wurde, welchen der Anblick von mehreren hundert neuen Kanonenrohren, die in dem Hofe der Artilleriekaserne reihenweise geordnet lagen, einem etwas überspannten Faktor einer geheimen Druckerei inspiriert hatte. Die Rohre sollten unlaffetiert, in derselben Ordnung auf ein ungeheures Floß verladen werden, mit dem man den Rhein hinunter bis Mainz fahren wollte, wo man dann die Festungswerke auf beiden Ufern des Rheins von Innen heraus bombardiert hätte!

Ernstere Bewegungen verursachte das plötzliche Erscheinen des aus der Geschichte von Kaspar Hauser berüchtigten Majors Hennehofer, der nach einer Broschüre fahndete, die diesen Fall behandelte und nachzuweisen suchte, daß besagter Kaspar Hauser, der rechtmäßige Erbe Badens, in verbrecherischer Weise beiseite geschafft worden sei. Die Umtriebe Hennehofers, der kein Geld sparte und sich namentlich mit Harro Harring, einem sehr zweifelhaften, im deutschen Rocke herumstolzierenden Individuum in Verbindung gesetzt hatte, schienen den Verdacht, daß die Broschüre das Rechte getroffen habe, nur zu bestätigen und hielten fast die gesammte Flüchtlingsschaft in Atem.

Endlich bot sich eine, freilich etwas mißliche Gelegenheit, zum Fortkommen.

 

Überlieferung

D: Carl Vogt: Aus meinem Leben.- Stuttgart 1896, S. 142 f., 150-156.

Zuletzt bearbeitet Mai 2017