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Wilhelm Baum: Brief an Eugène Boeckel in Paris; Straßburg 20. Februar 1837

Gestern, mein Lieber, wollte ich Dir noch spät schreiben daß unser Büchner, Dein u mein Büchner uns schon vorangegangen seye uns jenseits die Stätte zu bereiten – daß er, denn ich muß es deutlich sagen sonst glaubst, verstehst Du es nicht, glaubst Du es nicht – daß er gestorben seye. Doch ich that vielleicht wohl daran denn heute kann ich doch daß wenigstens melden daß er noch am Rande des Grabes liegt – welch ein Trost u doch ein Trost!

Vorgestern 19 Febr. hatten ihn die Aertzte noch aufgegeben, wie sie etwa am 15 Febr. ihm nur noch 24 Stunden zu leben gaben. Vor etwa 10 Tagen kam die Nachricht hier an daß er krank liege, sogleich darauf schrieb er wieder aber durch fremde Hand u nur mit einigen wirren Zeilen von seiner Hand, u das ganze noch unterschrieben. Sogleich reißt die Madm. Jaeglé mit der Wittwe des verstorbenen Pfarrer Schmidt ab nach Zürich, darf anfangs gar nicht einmal zu ihm, denn er lag, an einem Nerven u Faulfieber in dem schrecklichsten u beständigsten Delirium; endlich geht Schoenlein mit ihr an sein Bette, nach langem Anstarren, da mildert sich sein großer verwirrter Blick, u die krampfhaft verzogeneneMiene gestaltet sich zu einem leisen Lächlen – er erkennt sie – einen Augenblick u sinkt wieder in das gräßlichste Delirium zurück. Darauf in dem Wahnsinn der Krankheit dichtet er, stößt er einen begeisterten religiösen Gesang heraus, der mit den Worten schloß: Ja durch Schmerzen dringt man zu Gott! u dann wieder Geistesnacht u Delirium u Raserey. Den Trost hat die Unglückliche daß er von ihr zum erstenmal in der ganzen Krankheit zuerst eine Messerspitze voll Confiture von ihr angenommen u auch jetz einige Löffel voll Brühe oder Medizin. Heute 20 Febr. kam ein Brief von ihr: er ist noch nicht tod, aber die Aerttzehaben ihn aufgegeben, Schönlein hat ihn aufgegeben, aber er ist nicht schlimmer, welch ein Trost, u doch ein Trost! Sie die Arme, sie ist gefaßt, sie betet, so schreibt sie, ach, beten, das kann Sie allein, ach vielleicht wird Gott das Flehen des armen armen Kindes vernehmen, vielleicht wird er auch unser Flehen vernehmen – Sein Wille geschehe!, sein Wille ist das allein heilige u gute, wir aber, wir verstehens nicht, wir glaubens fest.

Jetz da der Mond mir so hell auf dieß Blatt scheint daß ich fast ohne Licht schreiben könnte, jetz scheint er vielleicht schon auf seine blasse, schöne Leiche, u. sie kniet bey ihm u wünscht, o gewiß, auch eine Leiche zu seyn. Denn wahrlich, was hat sie an ihm gehabt – doch ich rede in Verwirrung, er lebte noch, u er kann noch leben – aber wer fürchtet nicht wenn eine solche Blume bedroht ist. Wer soll nicht zerrissen werden, selbst wenn er sich selbst vergißt u nur in die Seele des armen Mädchens sieht, in dieses Chaos des Leidens. Hat er geendigt nun so muß ich aus dem Grunde meines Herzens sagen, für ihn, wohl ihm! ja wohl ihm! bleibt er wohl uns! auf jeden Fall wollen wir ihn wiedersehen – dieß glaubst Du u das glaubt

Dein
             B

20 Febr. 1837.

Adresse:

Monsieur / Monsieur Eugène Boeckel / Docteur en Médecine / Hôtel de l’Etoile / quai St. Michel / No. 13. / à Paris.

 

Überlieferung: H: ULB Halle, Yi 6 B II, 8; d: Jan-Christoph Hauschild: Büchners letzte Stunden. Ein unbekannter Brief von Wilhelm Baum, in: Georg Büchner Jahrbuch 7 (1988/89), 1990, S. 381 f.