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Johann Jacob von Tschudi: Brief an Karl Emil Franzos in Wien; Wien 14. November 1877

Euer Wohlgeboren

Danke ich freundlichst für die gütige Mittheilung von Dr Lüning’s mitfolgendem Brief, der mir Büchners Andenken auf das Lebhafteste in Erinnerung gerufen hat. Der grösste Theil der Angaben des Dr Lüning sind richtig,bei Einzelnen aber dürften ihn seine Erinnerungen getaeuscht haben. Es ist eben sehr lange her und auch bei mir könnte eine Taeuschung bezüglich des Dr Trapp moeglich sein und auf einer Namensverwechslung mit einem anderen deutschen Flüchtling beruhen und zwar mit dem der Trapp’s Nachfolger für die von Schoenlein projectirte Reise nach Westafrica sein sollte, aber ebenfalls dem Typhus erlag. Ich erinnere mich noch dunkel des Dr Lüning; mit Trapp war ich befreundet in Folge gemeinsamer naturwissenschaftlicher Studien; er schrieb seine Doctordissertation „de Holothuriis“ und ich war bei der üblichen Doctor-Disputation einer seiner Opponenten. Wir besuchten gemeinsam auch ein Privatissimum über Enthomologie bei dem berühmten Prof. Oswald Heer (damals noch Privatdocent) in seiner fast 72 Stunden von Zürich gelegenen Wohnung im Belvoir; außer Trapp und ich besuchte auch der bekannte Dr Alfred Escher, gegenwaertig Praesident des Gotthardunternehmens dieses Collegium. – Von Trapps heimtückischer Handlungsweise gegen Büchner wusste ich damals nichts. Die deutschen Studenten hielten sich stets ferne von den Schweizerischen, ganz besonders von den jüngeren zu denen ich zählte, da sie (fast ausnahmslos Flüchtlinge) ja schon mehrere Semester in Deutschland studiert hatten bevor sie ein Asyl in der Schweiz fanden, nur mit einigen wenigen (im ganzen drei) führten mich, wie schon bemerkt gemeinsame Studien zusammen.

Dass Büchner ein Collegium über vergleich. Anatomie las, das von 20 Studenten besucht worden sein soll, ist mir nicht bekannt. Bei den genauen Angaben, die Dr Lüning über Büchner’s Vortrag machte und deren Richtigkeit ich vollkommen anerkenne, scheint es mir kaum zweifelhaft, dass er wirklich ein Collegium las; ich habe in meiner kurzen Aufzeichnung vom Privatissimum gesprochen, das nur von drei Hörern u zuletzt von mir allein besucht wurde. Da Büchner Zimmer nicht gross war, und er das Priv. auf seinem Zimmer las, so schliesst das schon eine Anzahl von 20 Zuhörern aus. Sein Arbeitstisch stand am Fenster und demselben schief gegenüber an der entgegengesetzten Wand sein Bett. Ich kann Ihnen noch den Situationplan des Zimmers angeben:

 

Ich beschaeftigte mich damals mit Herpetologie (zwei Jahre spaeter erschien mein „System der Batrachier“) und lieferte von meinen Excursionen Büchner das herpetolog. Material für seine Praeparate. Ich erinnere mich noch lebhaft seiner Freude, als ich ihm ein Exemplar der geburtshelfer Kröte (Alytes obstetricans) die ich zuerst in der Ostschweiz entdekt hatte, brachte; da sie ein so seltenes Material zum Praeparieren darbot.

Dr Lünings Angaben, dass die Deutschen Studenten einen förmlichen Wachtdienst an Büchners Krankenbett hielten, sowie dass Dr Zehnder und Schoenlein den Kranken behandelten sind ganz richtig. Gerade damals war ich taeglich in Schoenleins Haus um ihm eine Sendung von Reptilien, vorzüglich Schlangen, die er von einem seiner ehemaligen Schüler aus Ostindien erhalten hatte, zu bestimmen und erhielt Tag für Tag von dem berühmten Arzte trostlosere Nachrichten über B’s Befinden.–

Trapp starb nur wenige Monate nach Büchner (hoechstens 3–4) und ebenfalls nur einige Monate spaeter der junge Mann, der Trapps Reisenachfolger sein sollte. Der Tod dieser beiden Maenner machte damals einen tiefen Eindruck auf mich, da ich mich ebenfalls für eine lange transatlantische Reise vorbereitete.

Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung

Überlieferung
Handschrift: Stadt- und Landesbibliothek Wien, I. N. 64238; Erstdruck: Jan-Christoph Hauschild, Georg Büchner, Studien und neue Quellen zu Leben, Werk und Wirkung, 1985, S. 394–396.