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Johann Jacob von Tschudi: Brief an Karl Emil Franzos in Wien; Wien 2. November 1877

Euer Wohlgeboren

Beehre ich mich beigeschlossen einige wenige Notizen über Büchner zum beliebigen Gebrauche zu übersenden u benütze mit Vergnügen diesen Anlass um Ihnen den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung zu erneuern

Wien 2. Nov. 1877.
vTschudi

Nachdem sich Büchner in Zürich als Privatdocent habilitirt hatte, kündigte er ein Privatissimum über vergleichende Anatomie an. Es meldeten sich nur drei Zuhörer; zwei deutsche Flüchtlinge und ich. Der eine der ersteren Dr Trapp bereitete sich zu einer naturwissenschaftlichen Reise an die Westküste Africas vor, die er auf Kosten des Prof. Schoenlein einige Monate spaeter antreten sollte; ein heftiger Typhus raffte ihn aber weg bevor er Zürich verlassen konnte.

Büchner las sein Collegium dreimal woechentlich von 2–3 Uhr auf seinem Zimmer. Meine beiden Commilitonen waren aber im Besuche desselben sehr laessig so dass ich meistens einziger Zuhörer war. Büchner wurde aber dadurch nicht im mindesten entmuthigt, denn er hatte sich mit wahrem Feuereifer der vergleichenden Anatomie gewiedmet und fand an mir einen fleissigen und aufmerksamen Schüler. Er sagte mir oft: künftiges Semester werde ich schon mehr Zuhörer haben; ich bin der erste der an der Universitaet Zürich vergleichende Anatomie liest; der Gegenstand ist für die Studenten noch neu, aber sie werden bald erkennen wie wichtig er ist.

Büchner hatte seine Vorlesungen mit der Osteologie und mit derselben Hand in Hand gehend, dem Nervensysteme der Fische begonnen. Er hielt sich dabei ganz an seine kurz vorher in den Verhandlungen der naturforschenden Gesellschaft zu Strassburg gedruckten Arbeit „Mémoire sur le système nerveux du barbeau (Cyprinus barbus)“. Sein Vortrag war immer animirt u reich an geistreichen Bemerkungen, besonders wenn er die laengst aufgegebene Theorie von der Wiederholung der Wirbelbildung im knoechernen Schaedel entwickelte. Er gab mir gewöhnlich seine Hefte um Auszüge daraus zu machen. Der Barbenschaedel, der ihm für seine Abhandlung und seine Demonstrationen gedient hatte, befindet sich noch heute in meinem Besitze.

Büchner huldigte der von Oken inaugurirten philosophischen Anschauung der Naturforschung ohne jedoch die Excentricitaeten jenes genialen Naturphilosophen zu billigen. Beide Maenner waren befreundet und Oken aeusserte sich mir gegenüber er sei überzeugt Büchner werde mit der Zeit auch als Naturforscher Bedeutendes leisten.

Leider dauerten die Vorlesungen Büchners nur kurze Zeit. Als ich eines Tags, anfangs Februar 1837 zur Collegiumstunde auf sein Zimmer kam fand ich ihn sehr aufgeregt in seinen Schlafrock gehüllt, mit einem dicken wollenen Shwal um den Hals auf und ab gehend. Er entschuldigte sich heute das Collegium nicht lesen zu koennen, denn er fühle sich sehr unwohl, er leide an einem heftigen Schnupfen und eingenommenem Kopfe; bat mich aber doch ein Stündchen bei ihm zuzubringen. Beim Abschiede musste ich ihm versprechen ihn am naechsten Tage wieder zu besuchen; ich that es, traf ihn noch auf, aber er klagte er fühle sich noch weniger wohl als Tags vorher und habe haeufig Anfälle von Schwindel. Seine leicht gerötheten Augen glaenzten in unheimlichem Feuer und der geistreiche Ausdruck seines edlen Gesichtes war auffallend veraendert. Der Kranke froestelte und wikelte sich noch dichter in seinen Schlafrock. Ich verliess ihn bald, denn er wollte sich nieder legen. Am naechsten Tage war schon kein Zweifel mehr über den hoechst bedenklichen Character seiner Krankheit; der Typhus machte rapide Fortschritte und nach einer kurzen Spanne Zeit standen seine Freunde und academischen Collegen tieftraurend am Sarge des unvergesslichen Georg Büchner.

Überlieferung
Handschrift: Stadt- und Landesbibliothek Wien, I. N. 64237 (mit Anl. irrig zu I. N. 64238); Erstdruck: Jan-Christoph Hauschild, Georg Büchner, Studien und neue Quellen zu Leben, Werk und Wirkung, 1985, S. 392–394.