LZ 1470
Heinrich Künzel: Brief an August Stöber in Straßburg; Darmstadt 27. Oktober 1832

 

Verehrtester Freund,

Beim Scheiden unsers Büchners von uns und der Vaterstadt gewährt es Trost, daß er in die Arme von Freunden, die vielleicht einen größeren Anspruch auf seine Umgebung und seinen Umgang machen können als ich, mit stiller Heiterkeit zueilt. In Ihr schönes und friedliches Stillleben in Straßburg habe ich schon oft verstohlene Blicke geworfen, habe gefürchtet, ein Etwas darnach im Herzen aufzuwühlen, und heute am 27 Octob. 1832 verspüre ich ein Gefühl in mir auftauchen, das man – – Still davon!

Der Almanach schreitet rasch seinem Ziele zu; denn die meisten projectirten Mitarbeiter und noch mancher andere Sänger haben Ihre Zusagen durch poetische Übersendungen besiegelt.

Für Ihre dem Almanach zugewandte warme Theilnahme können wir Ihnen nicht zur Genüge danken. Zeugniß unsers Dankes mag Ihnen vorerst die Aufnahme Ihrer und der brüderlichen Gedichte sein, die als köstliche Perlen in die rothe Schnur gefaßt werden sollen. Für Ihres Freundes Aug. Schnetzlers Romanze herzlichen Dank. Können Sie uns noch mehrere solcher Gedichte von Freunden zu weisen, so haben Sie zur Einsendung bis Ende November noch Zeit, wo der Druck des Almanachs seinen Anfang nimmt.

Wenn Sie in unsere Vaterstadt kommen, so sind Sie und Ihr lieber Bruder meine Gastfreunde; Sie werden den Staub nicht von Ihren Füßen zu schütteln haben. Möchten Sie meine Zudringlichkeit entschuldigen, möchten Sie öfters, wenn auch nur durch Einlage bei Freund Büchner, ein freundliches Wörtlein an mich gelangen lassen.

Grüßen Sie den aus Ihrem Kreise geschiedenen Bruder von mir und meinem Freund Metz recht von Herzen. Auch Ihnen entbietet er einen recht innigen Gruß.

Mein Brief ist deßhalb so klein und abgerissen, weil ich den Glauben einmal nun habe, daß die viva vox unsres Büchners die Liebe und Hochachtung, die ich für Sie und Ihren Bruder im Herzen hege, lauter offenbare als todte Zeichen und verbindliche Phrasen.

Sie wissen es wohl recht gut, wenn das Herz einem recht voll ist, fließt der Mund nicht immer über.

Mit deutschem Gruß und deutschen Handschlag
Ihr ergebener Freund,

Darmstadt. Ende October 1832.

Friedrich Heinrich Küntzel:
Candidat des Predigtamtes.

 

Überlieferung

H: Fonds Littéraire Stoeber; d: Lehmann/Mayer 1976, S. 178.

Erläuterungen

Am 24. Aug. 1832 24. August 1832. An August (und Adolph) Stöber in Straßburg schickte Georg Büchner den Brüdern  Stoeber aus Darmstadt mit einem Begleitbrief, in dem er um ihre Mitarbeit bat, den Prospekt zum geplanten „Deutschen Musenalmanach für 1833, herausgegeben von F.H.Küntzel, Fr.Metz, Georg und Fr.Zimmermann“. August und Adolph Stoeber sandten umgehend Gedichte ein. Unter dem Titel „Musenalmanach. Eine Neujahrsgabe für 1833“ erschien der Band im Dez. 1832 in J.W. Heyers Hofbuchhandlung in Darmstadt (Gedichte der Brüder Stoeber S. 22 f., 31 f., 39 f., 55 f., 166, 179 f., 220-22, 248-50, 289-95). Als Herausgeber wurden Heinrich Küntzel und Friederich Metz genannt; die zunächst als Mitherausgeber angetretenen Brüder Georg und Friedrich Zimmermann waren als Autoren im „Musenalmanach“ vertreten.

Bearbeitet Januar 2017; Erläuterungen: Forschungsstelele Georg Büchner, Thomas Michael Mayer