LZ 1220
Ludwig Wilhelm Luck: Brief an Karl Emil Franzos; Wolfskehlen 11. September 1878

Wolfskehlen den 11 Sptb. 1878.

Hochverehrter Herr

Ich habe Ihren Brief mit Manuscript am 6ten d i. letzten Freitag erhalten. Nach Durchlesung erkannte ich, daß es Ihnen allerdings um der Sache willen wichtig sein müsse, Ergänzungen von Jugendgenossen G.B.s wie ich u zwar möglichst bald zu bekommen. Weil aber doch das Gedächtniß des Einzelnen nach 40 Jahren nicht Alles zuverlässig bewahrt, war es mir Bedürfniß, unseren Verkehr in der Jugend mit ihm mit einem nahestehenden, sehr gewissenhaften Freund in Darmst. zu durchsprechen, weshalb ich mich noch am Abend des 6ten, da ich Ihren Brief erhielt per Bahn zu ihm begab. Ich darf Ihnen schon Vertrauen schenken, da Sie zwar nicht mir selbst wohl aber Freunden besd. auch Damen durch Ihre schriftstellerischen u. tüchtigen Leistungen bekannt sind.

Und nun zur Sache. Ich habe allerdings F. Hebbel, den ich im Sptb. 1859 auf einer Reise von Leipzig nach Dresden kennen lernte, Mittheilungen über G. Büchner gemacht, über den er mich mit Wärme u Interesse ausfragte u sein Biograph E. Kuh entnimmt nun daraus, vielleicht auch aus Tagebuchs Notizen Hebbels, daß ich von einer Verwicklung GB. in das Frankfurter Attentat, geredet habe. Ob ich gerade dies unterstrichne Wort gebraucht, weiß ich nicht mehr. Ich erzählte nur damals was man zur Zeit allgemein in unsern Bekanntenkreisen glaubte. Mit G. Büchner selbst habe ich über s. polit. Verhältnisse grundsätzlich nie gesprochen. Büchner, meine Darmst. Freunde u ich bezogen im Herbst 1831 verschiedne Universitäten, kamen aber im H. 1833 wieder in Gießen zusammen. Da war das Attentat vom April zuvor ja schon vorüber. GB. war während desselben noch in Straßburg u. vernahm mit Überraschung die Nachricht. Auch der Darmst. Freund behauptet mit Gewißheit, daß G.B. persönlich nicht hinein verwickelt war, weil er die Verkehrtheit der Unternehmung einsah, obgleich er für die Sache selbst Sympathien gehabt haben werde. Er stimmt also mit Ihnen vollkommen überein.

Mein Darmst. Freund weist ferner nach, obgleich GB. in Straßburg sich vorgenommen sich politischen Angelegenheiten fern zu halten, [sei es doch seinen politisch radikalen Freunden als er] {sei er doch als er} im Herbst 1833 nach Gießen zurückkehrte [gelungen ihn für ihre gegen die Regierung gerichteten Agitationen zu gewinnen.] wieder in den Radicalismus u Agitationen hineingerathen. Es sei nach dem Gerücht damals in einer WinkelPresse ein allerdings stark revolutionäres Flugblatt verfaßt und unter den oberhessischen Bauern verbreitet worden, u. es sei das Gerede gegangen, als wenn die Regierung wegen Verfasserschaft oder Verbreitung Verdacht auf G. Büchner geworfen. Dieser habe sich in Darmstadt – ganz außer sich darüber – geäußert, er wisse, daß ihn die Diener der Polyzei täglich beobachteten u das sei ihm auf die Dauer unerträglich.

NB. Diese Correcturen sind in Folge Mittheilung dieses Briefs an den darmst. Freund z. Berichtigung geschehn.

Ich sprach ihn früher u gegen Weihnachten 1833 also 2mal auf der Stube des Darmstädter Freundes. Einmal warf er die Frage hin, wieviele Götter gibt es pp. Das zweite Mal war er fast finster verschlossen u. furchtbar aufgeregt.

Meine frühre Auffassung der Dinge, wie ich sie an Hebbel mitgetheilt, ist also dahin zu berichtigen daß zwar eine Verwicklung Büchners in das frankf. Attentat nicht statt gefunden; daß er aber ihre Ziele billigend [theilend u. später unter den Einfluß der Radicalen gerathend,] sich der Regierung doch politisch verdächtig gemacht hat u. von ihr bewacht, Veranlassung genug hatte, ein rechtzeitiges Refugium vorzubereiten u. für sich zu ermöglichen.

Hierzu erlauben Sie mir eine Bemerkung u Bitte. Wir, die wir das Treffliche u Bedeutende an GB. erkennen, werden doch wohl der Mehrzahl nach seine polit. Verirrung namentlich aber den Mißbrauch, welchen die Radikalen in 1833 auf 1834, wo er mitten i Sommer um den Invigilationen aus dem Wege zu gehn 2 Monate lang zu seinen Eltern ging, um von da unbemerkter in die Schweiz zu entkommen, schmerzlich beklagen u. den Dienst zu dem er sich von den Radicalen hinsichtlich jenes Flugblatts hinreißen ließ, nicht blos für eine Calamitaet sondern für einen grellen Mißton im Lebenslauf G B.s halten u. deswegen meine ich, solle man so kurz, so klug u. schonend als möglich diese Episode in d Biogr. behandeln u. nur soviel erzählen, als durchaus zum Verständniß seines Schicksals nöthig ist, jedenfalls dürfte auf den Inhalt der Flugschrift u ihren Ton nicht eingegangen werden, wenigstens nicht billigend.

Das, was ich einst Hebbel über die Wiederannäherung Büchners ans geschichtl Christenthum in Folge des Studiums der Briefe Pauli mitgetheilt habe, ebenso über die religiöse Einwirkung seiner Braut auf ihn, hat mir ein theol. Freund, ich glaube, der Bruder dessen, mit dem ich am Freitag in D.conferirte, erzählt u hat das Gepräge großer Wahrscheinlichkeit. Denn Alles geistige Leben kam bei G B aus dem innersten Bedürfniß, aus wahrem Herzens u Geistes Durst, deswegen suchte er allezeit u in allen Beziehungen da wo er wirkliche Befriedung erwartete, die Quellen mochten vor der Welt etwas gelten oder nicht. u. er war ja ein schwer Heimgesuchter, mit den letzten Kräften Kämpfender. Ein solch wahrheitsdurstiger Sucher u. Kämpfer war aber auch der Apostel Paulus u. so grundverschieden er von ihm war, er hat doch sogleich seine Geistes Gemüths u Schicksalsverwandtschaft mit ihm mit schnellem Blick erkannt, u. sich durch sein Forschen in den Briefen von der Wahrhaftigkeit des Strebens des Apostels überzeugt.

Daß aber sie, die er liebte, die positiv gläubig war, obgleich vielleicht mild, aber im Frieden mit ihrem Gott, die er über Alle stellte, u die auch sein Ringen u Kämpfen verstanden hat, einen versöhnenden Einfluß auf ihn geübt haben wird, davon glaub ich kaum, Sie erst noch überzeugen zu müssen.

Besonders aber hat mein Freund noch auf die sehr entschiedene u. charakteristische Aeußerung des mit klarem Bewußtsein u reger Reflexion über seinen hinter ihm liegenden Lebenslauf Schwererkrankten der vortrefflichen, ehrenhaften u glaubwürdigen Frau Schultz gegenüber, vor der er sich gewiß weder eine heuchlerische Phrase noch einen frivolen TheaterCoup dergleichen nie seine Weise war, erlaubt hat, aufmerksam gemacht u. mich ermächtigt, dies als ein auf Wahrheit beruhendes[, ihm von einer Zeugin erzähltes] Dictum u Factum in die Öffentlichkeit bringen zu helfen, welches beweist, daß er, mag auch seine Dogmatik u Auffassung Gottes gewesen sein, welche sie wolle, kein Atheist war, der sich dem allgegenw. Gott verschlossen hat.

Um nun eine unthunliche Umarbeitung Ihrer Biographie zu vermeiden, habe ich Alles u noch sehr wichtige andre Mittheilungen über G. B. in der Beilage zusammengestellt, die ihrer Biogr. angehängt werden könnte, indem Sie darauf verweisen.

Mit ausgezeichneter Hochachtung Ihr ergebenster
L W. Luck Pf z. Wolfsk. bei Darmst.

Beilage

BeilageErinnerungen an Georg Büchner,
von einem gleichaltrigen Jugendgenossen
vergl. die Biographie F Hebbels von Emil Kuh

II Band S. 610

In der untersten Abtheilung der Prima des Gymnasiums in Darmstadt kam im Frühjahr 1828 eine zu schönen Hoffnungen berechtigende Zahl von Schülern aus Stadt u Land von sehr verschiedenartiger Vorbildung aber unläugbaren Contrasten zusammen, die gerade dadurch zu desto interessanterem u. anregenderen Geistesverkehr führten.

Das Gymnasium in seiner damaligen Organisation, Methode u. Besetzung ließ zwar Manches zu wünschen übrig, was in den Köpfen enthusiastischer, ungeduldiger Schüler bis zum Vielen sich vergrößerte, hat aber bei anerkennenswerther Gewissenhaftigkeit zum Theil sehr tüchtiger Lehrer Anerkanntes geleistet, namentlich wenn man bedenkt, daß solche Lehranstalten zu allen Zeiten von sehr verschiedenartigen Schülern besucht werden, von solchen, die aus eignem Drang nach wahrhaftiger Ausbildung streben, – von solchen, die das Dargebotne wenigstens gewissenhaft benützen u. endlich solchen, die weiter nichts suchen, als eine gewisse Einschulung und Cultivirung zum künftigen Beruf. Man hatte damals besonders die allgemein menschliche Bildung vor Augen, u. war dabei des Glaubens, daß die alten Sprachen u die Geschichte diese am Besten förderten. Es galt ein ganz anderes Bildungsziel als heut zu tage, da man die Inspirirung mit dem Geiste der Jetztzeit u. ein möglichst encyklopädistisches aber dabei auch wieder ein detaillirtes Wissen u. die fachliche Berufsbildung besonders vor Augen hat. Dies um dem damaligen Gymnasium gerecht zu werden. Die neuen Primaner konnten sich nicht sehr angezogen fühlen, weil ihre geistige Bethätigung nur auf Wiederholung des in den vorhergegangnen Lectionen Vorgenommenen sich beschränkte.

Ich kam aus dem mit tüchtigen Kräften besetzten Progymnasium meiner kleinen Vaterstadt. Die zwei nach einander wirkenden Directoren dort hatten eine große fast überspannende Anregung geübt, der Erste mehr durch seine verstandeshelle Intelligenz, der Andre, mehr durch seine Gemüthstiefe, Idealität u. sein christlich religiöses Leben. Doch neigte er etwas zu orthodoxer Überspannung. Mit einer tüchtigen Grundlage in den alten Classikern u. in der Geschichte u. mit einem entschiednen Bedürfniß zu philosophiren u zur Versöhnung der mir entgegentretenden Widersprüche zu kommen, kam ich 15 Jahre alt nach Darmstadt. Ich suchte mich von der orthodoxirenden Beengung durch Suchen in der Quelle des Christenthums, dem Evangelium u. Philosophiren auf eigne Faust zu befreien.

In meiner Ordnung fand ich zwei nur wenig jüngere Zwillingsbrüder von tüchtigen Schulkenntnissen u. relativ umfassender u. eingehender ästhetischer Vorbildung u großer Empfänglichkeit für alles höhere geistige Leben. Sie wurden meine intimen Freunde. Sie machten mich mit Shakespeare bekannt, in welchem sie in jugendlicher Überschwenglichkeit eine neue u. mehr als blos poetische Offenbarung begrüßten. Natürlich waren sie nicht frei von Einseitigkeit, aber ihr Streben war ein ernstliches, ganzes u warmes. Ich fing an zu glauben, daß nur in unserm Meister Shakespeare eine neue, wahre u tiefre Weltoffenbarung vor uns trete, u den Schlüssel zu den wichtigsten Räthseln des Menschenlebens biete.

Aber der nach seiner ganzen Beanlagung namentlich hinsichtlich des Charakters vielleicht bedeutendste, selbstständigste u thatkräftigste in unserm Kreise war der mir gleichaltrige Georg Büchner. Es war jedoch nicht seine Art, sich Andern ungeprüft u voreilig hinzugeben, er war vielmehr ein ruhiger, gründlicher, mehr zurückhaltender Beobachter. Wo er aber fand, daß Jemand wirklich wahres Leben suchte, da konnte er auch warm, ja enthusiastisch werden. Ich glaube, daß die erwähnten beiden Brüder ihm sympathischer waren als ich. Sie waren in den ihnen früher als mir entgegentretenden modernen Geistesströmungen mehr au fait u. hatten überdies den residenzlichen Culturboden mit ihm gemeinsam, der ihnen ergötzlichen Stoff zu allerlei kritischem u humoristischen Wetteifer in Beurtheilung der Zustände bot, für den ich zu ernst u zu schwer war.

Auch ein junger, geschichtlich wohl begründeter u. poetisch beanlagter Altersgenosse, der hernach eine juristisch schriftstellerische Celebrität geworden, – ebenso ein sehr radicaler, enthusiastischer Freund Büchners, welcher Mediciner wurde, sich sehr an politischen Angelegenheiten betheiligte u. noch radicaler erschien als G. B., – er ist frühe gestorben – gehörte auch diesem Kreise an. Auch Exoteriker wurden von dem darin herrschenden Geiste angeweht u bis zu einem gewissen Grade angezogen. Unter uns Allen bestand jedoch u. das war gut, – ein solches Verhältniß, wodurch zwar der Contact erhalten, jedem aber nach seinem Bedürfniß die Freiheit seiner Richtung gelassen wurde.

Ich glaube, es ist von den erwähnten beiden Brüdern die uns Andre mit ihrer Begeisterung für Shakespeare ansteckten, ausgegangen, daß wir uns verabredeten, in dem schönen Buchwald bei Darmstadt an Sonntagnachmittagen im Sommer, die Dramen des großen Britten zu lesen, die uns die anregendsten u theuersten waren, als den Kaufmann von Venedig, Othello, Romeo u Julia, Hamlet, Kg. Richard III u. s. w. Wir hatten Momente innigster u. wahrster Hingerissenheit u Erhebung z. B. beim Lesen der Stelle: „Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft“ u. „der Mann, der nicht Musik hat in sich selbst, – trau keinem solchen.“ Diese gemeinsamen wahren Geistesgenüsse bei jugendlicher Empfänglichkeit bewahrten uns allerdings vor Trivialität u Rohheit u. brachten uns tiefere Offenbarungen u Aufschlüsse über unsere Jahre. Es erstärkte das Bedürfniß in das Wesen der Dinge einzudringen, uns demgemäß auszubilden u zu handeln. Allerdings für die Gewissenhaftigkeit der Gymnasiasten war dergleichen nicht förderlich u den Lehrern nichts weniger als angenehm.

Ich glaube, daß derartige freie Studien auf Georg Büchner am Tiefsten u Nachhaltigsten gewirkt, mehr als bei seiner scheinbaren Zurückhaltung möglich schien, daß er nicht blos die leitenden Grundideen u. dramatischen Conflikte tief u wahr herausgefunden, daß diese gewaltigen Persönlichkeiten ihm gleichsam aus ihrem Rahmen herausgetreten u. innerlich an ihm gearbeitet haben, ja daß er die Central Anschauung des Meisters Shakespeare, den Mann der That u des Lebens selbst aus seinen Dramen herausgefunden u. in sich aufgenommen hat. Es wurde ihm zum Bedürfniß nicht sowohl ihn nachzuahmen als ihn in sich nachzuleben – nicht ein berühmter Poet sondern auch selbst ein Mann der That u des Lebens zu werden, weil er hierin die größeste Poesie erkannte. Vielleicht z. Th. deshalb, weil ihm bei seinem jugendlichen Ungestüm der Weg verlegt war zum Mann der That, ist er damals ein Mann der quälenden Reflexion gewesen. Seine politischen Ideale, denen er sich nicht entschlagen wollte, verbanden sich damit u. so entstand hernach „Dantons Tod“, den er aus dem glühenden u wallenden Krater seiner Leidenschaft herausgegossen. So ist er ein viel versprechender, obwol überschwenglicher Dramatiker geworden, vielleicht um sich dadurch innerlich u. äußerlich den Weg zur That des Mannes anzubahnen. G. Büchner ging schon frühe u allezeit grad aus auf das los, was er als das Wesen u. den Kern der Dinge erkannte, auch in der Wissenschaft, besd. d. Philosophie sowie hinsichtlich der politischen Volksbedürfnisse, wie er sie ansah, u. in Allem war sein Princip „die Freiheit, die er meinte.“ (Er war nicht gewillt, daß die Unwissenheit des Volks benützt werde, es zu betrügen oder zum Werkzeug zu machen, oder gar mit seinem Talent lucrative Speculationen zu machen. Wie ists darin doch anders worden!)

Daher sein vernichtender, manchmal übermüthiger, Hohn über Taschenspielerkünste hegelscher Dialectik u. Begriffsformulationen z. B. „Alles was wirklich ist auch vernünftig u. was vernünftig auch wirklich.“ Aufs Tiefste verachtete er die sich u. Andre mit wesenlosen Formeln abspeisten anstatt für sich selbst das Lebensbrod der Wahrheit zu erwerben u. es Andern zu geben. Aber je verschlossner er in sich war, desto mehr gerieth seine kreisende Gedankenwelt in glühenden Fluß. Sowie er in seiner Gymnasialzeit die Welten Shakespeares in seinem Innern herum wälzte, ebenso später die Plane zur polit. socialen Wiedergeburt seines Volks. Gemeinsam mit dem erwähnten darmst. Freunde erweiterte jedoch G B. seine literarischen Studien auch auf die bedeutenderen u lebensfähigen Poeten der Gegenwart, namentlich Tieck u u. machte sich mit Allem bekannt, was einen eingreifenden Einfluß auf die gesellschaftlichen Zustände hoffen ließ. Immer u vor Allem hatte er das reale Leben vor Augen.

Der Verfasser seiner Biographie leitet die Richtung G. Büchners nicht die Welt zu welkenden Blättern zu zerpflücken sondern sie als ein großes lebendiges Ganze aufzufassen, zu schauen, zu genießen von der Art seiner Mutter ab. Gewiß sie war eine ehrenwerthe, charakterfeste, deutsche Hausfrau. Des Gegensatzes zu ihrem Gatten wohlbewußt {Fußnote: (dies versichert meine Frau, die sie als j.Mädchen kannte)}, war sie ohne alle Prätension auf außergewöhnliche Bildung u. gehörte nicht zu den fühligen Frauen, die sich selbst genießen u. geltend machen. Diesen Eindruck haben mir die wenigen anfänglichen Besuche in G. B. Elternhaus hinterlassen. Aber die Auffassung der Weltanschauung des Sohnes als einer einheitlichen u innerlichen scheint mir richtig. Ich glaube in ihr bestand seine Religion. Er war nach der Noblesse seiner Natur Idealist, aber seine Ideale waren nicht Abstractionen, Phantasien u Phrasen sondern die Realitäten, deren er mächtig zu werden suchte, welche für Volk u Menschheit zu verwirklichen, seine u. seiner GesinnungsVerwandten Lebensaufgabe sein müsse. Er war ein idealer Realist u. ein realer Idealist in Einem u sein ganzes Leben ein fortwährendes innres Ringen nach Versöhnung des gemeinsamen idealen u. realen Bedürfnisses durch die That.

In seinem Denken u Thun durch das Streben nach Wesenhaftigkeit u Wahrhaftigkeit frühe durchaus selbstständig, vermochte ihm keine äußerliche Autorität noch nichtiger Schein zu imponiren. Das Bewußtsein des erworbenen geistigen Fonds drängte ihn fortwährend zu einer manchmal mit Hohn verbundenen unerbittlichen Kritik dessen, was in der menschlichen Gesellschaft, oder Philosophie u Kunst Alleinberechtigung beansprucht oder erlistet.

Man sah ihm an an Stirne Augen u Lippen, daß er auch, wenn er schwieg, diese Kritik in seinem in sich verschlossnen Denken übt Ich weiß nicht, ob ein gutes Bild von ihm existirt. Aber ich sehe im Geist sein Angesicht, ähnlich einem alten Bilde Shakespeares, von [sehr] bürgerlich gediegnem, [entschlossenen,] thatkräftigen aber auch liebenswürdig übermüthigen Ausdruck. Es lag darin Zurückhaltung, Entschlossenheit, skeptische Verachtung alles Nichtigen u Niederträchtigen. Die zuckenden Lippen verriethen das Bewußtsein des innern Reichthums, dem es wohl war in sich selbst, obgleich er fortwährend mit der Welt im Widerspruch u Streit lag. Bei seiner Richtung auf das Reale insbesondre unsre social politischen Zustände ist es begreiflich, daß er mit allem Feuer seiner Seele u Willenskraft sich den politischen Strebungen, die in der Zeit lagen, hingab, die aber bald u beklagenswerth alle seine Kräfte einseitig in Anspruch nahmen u. seine eigentlich geistige Entwicklung benachtheiligten.

Es wurde damals schon erzählt, daß er u jener in Excentricität mit ihm wetteifernde junge Mediciner, dessen ich oben gedacht, sich in der letzten Gymnasialzeit nur mit den Worten zu grüßen pflegten: Bon jour, citoyen.

Was ich im Jahr 1859 aus meiner Erinnrung mit Friedrich Hebbel, der sich mit wärmster Liebe u Hochschätzung für den frühe abgerufnen Dramatiker G.B. interessirte u. mich über ihn ausfragte, von einer Verwicklung G. Büchners in das frankf. Attentat gesprochen habe, beruhte auf dem, was man s. Z. im Allgemeinen von G. Büchner glaubte u möglich hielt. Die politischen Ideale u Ziele der bei dem tollkühnen Versuch von 1833 Betheiligten stimmten vielfach mit den Seinen zusammen. Aus der Biographie von Franzos geht überzeugend hervor, daß er unmöglich persönlich betheiligt gewesen sein kann, auch weil er sich zu der Zeit im April noch in Straßburg befand. Ausweislich eines Briefes an s. Eltern, hat er sich deutlich genug darüber ausgesprochen, daß er das Attentat vom Standpunct der Zweckmäßigkeit als ein durchaus verkehrtes ansah.

Nachdem er seine 2 ersten akademischen Jahre in Straßburg zugebracht, kehrte er im Herbst 1833 auf die Landesuniversität Gießen zurück, um den bestehenden Gesetzen zu genügen. Auch meine beiden Freunde waren, soviel ich weiß, schon früher u. ich im Herbst 1833 von Heidelberg dahin zurückgekehrt.

Mein Verkehr mit G. B. war da nur ein gelegentlicher. Er lebte zurückgezogen. Ich glaubte wahrzunehmen, daß sich seiner eine leidenschaftliche Unruhe bemächtigt habe u daß er Vieles verschlossen in sich herumwälze. Er klagte über seinen ganzen körperl. u geistigen Zustand, daß er die Nächte zu Tagen u die Tage zu Nächten mache u schien mit der Philosophie, mit sich u der Welt zerfallen. Einmal im Zimmer des erwähnten Freundes apostrophirte er mich lakonisch: „L., wieviel Götter glaubst du?“ Antw. „Nur Einen.“ – GB. „Wieviel Staaten müßten wir da in Deutschland haben u wie viel Fürsten?“ – Pause des Schweigens von beiden Seiten.

Derselbe Freund erzählte mir in diesen Tagen, G.B. nach Gießen zurückgekehrt, habe sich trotz seiner entgegengesetzten Vorsätze dennoch [in das locale Treiben der radikalen Parthei in Gießen u Umgegend hineindrängen lassen, welcher er in Folge seiner Vereinsamung u Mißstimmung nicht den rechten Widerspruch habe entgegensetzen können.] wieder von dem Radicalismus u d. polit. Agitation ergreifen lassen. Es sei damals von einer [heimlichen] Winkelpresse eine aufrührerische Flugschrift unter den Bauern von Oberhessen verbreitet worden. Die Behörden hätten GB. als Verfasser oder Verbreiter gemuthmaßt u er habe es unerträglich gefunden daß er, wie er klagte, von den Dienern der Polyzei auf Schritt u Tritt deshalb beobachtet u bewacht werde. Er sei in einer schrecklichen Stimmung gewesen. In Folge dessen habe er fürs Beste gehalten Gießen im Sommer 1834 zu verlassen u. auf einige Monate ins elterliche Haus zu gehen, weil er glaubte, wenn es nothwendig würde, von da unbemerkter u ungehinderter in die Schweiz zu entkommen als von Gießen. Das hat er auch so ausgeführt. Das ist nach angestellten gewissenhaften Nachforschungen in diesen Tagen das thatsächlich Wahre wornach meine Mittheilungen an Hebbel in 1878 aus dem, was ich damals gehört hatte, zu berichtigen sind. [Es kann demnach nicht von einer eigentlichen Flucht, wol aber von einem heimlichen, vorbereiteten Zufluchtsort die Rede sein.] Jedenfalls ist im höchsten Grad zu beklagen, daß der unerfahrne seinem ganzen Wesen nach doch viel höher stehende 20jährige G. B. durch seinen polit. Feuereifer als ein Werkzeug der radikalen Parthei mißbraucht worden ist.

G B.’s religöse Entwicklung u Standpunkt betreffend, so ist schon in dem Gesagten das Maßgebende enthalten.

Religion u Christenthum scheint sein Vater nur in der kirchlich hergebrachten Gestalt gekannt zu haben. Sie mochten ihm wol ziemlich fremd äußerlich u. unsympathisch gewesen sein. Der tiefere religiöse Zug in seiner Mutter war vielleicht nicht ganz ausgebildet u. bewußt, er bewährte sich aber als durchaus ächt in den Kämpfen des kleinen u großen Lebens, woran es auch ihr nicht fehlte u. war gewiß nicht ohne Einwirkung auf den Sohn, der mit liebender Verehrung an ihr hing. Dessen frühe genialistische u. fast radikale Entwicklung wie seine empirischen Berufsstudien konnten natürlich einer vorzugsweise christlichen Richtung nicht förderlich sein.

In welchem Sinn aber von Religion u Religiosität in innerlicher u weiterer Bedeutung bei ihm die Rede sein kann, glaube ich Oben überzeugend dargethan zu haben. Er hatte die größeste Empfänglichkeit zur Aufnahme u. Anschauung des Unendlichen u Ganzen sowol in Natur als Menschenleben, namentlich für die sich offenbarenden Lebensmächte in der Schöpfung.

Ein Gläubiger im kirchlichen Sinne ist GB. [allerdings] nicht gewesen. Aber – selbständig u. objectiv in seinem Denken ist er später als Reiferer auch gerechter gegen die geschichtlichen Mächte der Kirche geworden sowie gegen den Glauben des Einzelnen, der auf einem andern Standpunct stand als er. Namentlich war er von aller Aufdringlichkeit u. Propaganda seiner Anschauung, von Ansicht- u. Parthei-Fabrikationskünsten für die zu dirigirende Menge weit entfernt u. inwiefern von Anfang bis Ende seines Lebens seine Entwicklung wesentlich unter dem Einfluß der spirituellen Lebensmächte, der Liebe der Freiheit u der Wahrheit gestanden hat, welchen doch das Christenthum in der Menschheit Bahn gemacht, wird man sagen können, er war von dem Princip der christl. Weltanschauung erfüllt. Das bethätigte er schon frühern Jahren. Trotz des jugendlichen Übermuths, womit er mit Andern während des Gymnasialgottesdienstes statt des jedesmal z. singenden Liederverses halblaut die Worte des Todtengräbers im Hamlet sang: „Und o eine Grube gar tief u hohl für solchen Gast muß sein“, indem er damit gegen den ihm ungenügenden Vortrag des Predigers als Hohlheit demonstrirte, – obgleich er dem ernst u redlich strebenden Manne damit doch zu viel that, – sagte er über mich zu Andern, die mich Mucker oder Mystiker nannten, „Lasst mir den L. gehn, der meint es ernst u ehrlich!“ Er hat lebenlange aus wirklichem Durst nach Wahrheit gesucht u. gerungen u. deshalb, wie ich glaube, nie mit sich abgeschlossen, weder als Zweifler noch als Gläubiger. Selbst, als er die examinatorische Frage an mich richtete, Wieviele Götter gibt es, glaube ich, hat er es ganz ernst gemeint.

Daß er seiner Braut auch hinsichtlich seines religiösen Zustandes sein Herz öffnete, ist bei dem beiderseitigen Vertrauen u der Wesensverwandtschaft der Verlobten zu erwarten. Wenn er ihr auch keine Autorität eingeräumt haben wird, ist doch zu glauben, daß sein Innres dem Einfluß derjenigen, die er als die Seine erwählt, nicht verschlossen war.

Daß er mit den paulinischen Briefen bekannt geworden – was uns bei vielen auch gebildeten Laien wundern würde, u sie mit Wahrheitsdurst gelesen, hat mir einst, wie ich glaube unser gemeins. theol. Jugendfreund mitgetheilt. Es ist sehr glaubhaft. Denn der Apostel will wirklich darin sein erlösetes Innere aller Welt verkündigen u G.B. verstand solche Sprache, u. war selbst innerlich bedrängt. Es war ganz G B. Weise immer u überall, wo er ernstes Streben nach Wahrheit fand, zu hören, ob er etwas daraus gewinnen könne. Besonders nahe liegt es, daß er in dem vom rabbinischen Schriftgelehrten zum Apostel Christi gewordnen Paulus den ernsten innern Kampf um Wahrheit Frieden u Versöhnung seiner Wiedersprüche erkannt u. mit Hochachtung u Verehrung für ihn erfüllt worden ist. Er ist also wirklich in seinem Innern dem Christenthum näher gekommen, er glaubte, es kann einen Menschen zur Versöhnung mit Gott führen. Und davon nur habe ich Hebbeln in 1859 erzählt.

Besonders aber halte ich für meine Pflicht zu betonen. Mein u. G Bs Freund in D.hat mir dieser Tage mitgetheilt u. mich ermächtigt, öffentlich auszusprechen. Als G B. in Zürich am Faulfieber erkrankt lag u. folternde Schmerzen hatte, entrangen sich dem todt Kranken, aber wol Bewußten gegen die ihn theilnehmend besuchende u pflegende Frau Schultz, die einst ihren Mann heldenmüthig aus dem Strafgefängniß in Babenhausen befreit hat, u. eine durchaus glaubwürdige, zuverlässige, urtheilsfähige Frau war, die dies meinem Freund in D.selbst erzählte, die merkwürdigen u. erschütternden W „Wie viel mehr Schmerzen werden wir noch haben müssen, wenn wir zu Gott kommen wollen!“ Es war dies freilich kein Bekenntniß vor der Welt weder der Ungläubigen noch der Gläubigen, welcher er niemals das Zugeständniß u die Berechtigung eingeräumt hätte, [ein solches von ihm zu erhalten.] sich über das was er glaubte, zu rechtfertigen. Aber es ist ein Ausruf ohne alle Frivolität u Hohn über das was in seinem Innern lebte, das sich darin deutlich u mächtig ausspricht u. uns nicht erlaubt den Kämpfenden u Sterbenden sowie den, der gelebt hat für einen Atheisten zu halten, der sich grundsätzlich gegen den allgegenwärtigen Gott, der in Jedem Gericht hält, zu verstocken. O daß doch alle Kinder der Neuzeit so wahr u so ernst wären in ihrem innern u. äußern Leben als er es gewesen ist.

Dies sind die wesentlichen Züge, die ich auf Wunsche u. Bitte des Herrn Biographen, – aus lebendiger Erinnrung nach reiflicher Prüfung zu dem Lebensbild meines nie von mir vergeßnen Jugendgenossen u. Freundes G. Büchner mitzutheilen habe.

Post Schr. an Herrn K E Francos:

Wenn Sie auf m. Vorschlag, Vorstehendes als Beilage Ihrer Biographie anzuhängen, als sachförderlich, eingehen, so überlasse ich Ihrer Prüfung, wenn d. Discretion oder Sachgemäßheit dazu nöthigen sollte, unwichtige Stellen die Nebenpersonen betreffen, oder Bemerkungen von mir, die etwa der Fam. Büchner, deren Beauftragter Sie sind anstößig sein würden, weg zu lassen, – doch Alles was zu dem ganzen lebendigen Lebensbild G. Büchners u s. Jugendgenossenschaft zusammen wirkt, behalten Sie bei. Meinen Namen brauchen Sie nicht auszuschreiben, er wird durch das Citat aus der Hebbel-Biographie v. Kuh für die, welche suchen u es d. Mühe werth halten angedeutet genug. Anbei Abschrift des Taufscheins v. G Büchner

Ihr
L W Luck.

Folgt Abschrift des Geburts- und Taufprotokolls.

Überlieferung
Handschrift: Goethe- und Schiller-Archiv Weimar; Erstdruck: Fritz Bergemann (Hg.), Georg Büchners sämtliche Werke und Briefe, 1922, S. 629–633 (Auszüge).