HL Dok 7.1.
Landgerichtsassessor Christoph Wagner: Brief an Rittmeister Ernst August Brandes in Hanau; Friedberg 31. Dezember 1834

In Erwiderung Ihres gefälligen Schreibens vom 29en/31en d. M. habe ich die Ehre, Ihnen beifolgend sechs Exemplare der Flugschrift: „Der hessische Landbote. Erste Botschaft“ und zwei Exemplare des Spottgedichts überschrieben „Herr du Thil mit der Eisenstirn“ zu übersenden. Von dem „Leuchter und Beleuchters, oder der Hessen Nothwehr“ besitze ich kein Exemplar, da sich die mir übertragene Untersuchung auf diese Schrift nicht erstreckt.

In dem Vertrauen, daß Sie nur auf die vorsichtigste Weise Gebrauch davon machen werden, nehme ich keinen Anstand, Ihnen folgende Mitteilungen zu machen.

Es liegen Anzeigen dafür vor, daß die seither verbreiteten verbotenen Schriften, ins besondere der Leuchter und Beleuchter, das Spottgedicht: Herr du Thil mit der Eisenstirn und der hessische Landbote erste Botschaft in der Brede’schen Buchdruckerei zu Offenbach gedruckt worden sind. Diese Schriften sind durch Boten von Butzbach und Gießen aus in die Druckerei gebracht und auch dort abgeholt worden. Die beiden letzteren Schriften sind im Sommer dieses Jahrs gedruckt worden. Dieß giebt genügende Aufforderung zu genauen Nachforschungen nach den Reisen, welche Butzbacher, und Studenten aus Gießen nach Offenbach und in die dortige Gegend im Sommer d. Js. gemacht haben. Ueber derartige Reisen ist bis jetzt nur das Folgende bekannt:

1.) Karl Zeuner aus Butzbach, ein Bursche von 22 Jahren, ein Spritzenmacher, ist am Himmelfahrtstage dieses Jahres zu Fuß nach Offenbach gereis’t <…>.

2.) Derselbe Zeuner ist im Sommer d. Jrs. zu Fuß nach Hanau gereis’t <…>. <…>

3.) Karl Flach von Butzbach, ein Bursche von 22 Jahren, der die Kaufmannschaft gelernt hat, aber ohne eine bestimmte Beschäftigung bei seiner Mutter lebt, hat im Laufe des Sommers d. Js mehrere Reisen nach Frankfurt gemacht; unter andern ist er einmal, angeblich um Holz für seine Mutter zu kaufen in Begleitung eines sich durch einen starken rothen Bart auszeichnenden gewesenen Studenten Namens August Becker aus Gießen nach Hanau gereis’t. – Nach der Aussage des Flach haben sie in dem letzten Dorfe vor Hanau in einem großen Wirthshause, welches nach Hanau zu linker Hand stehen soll, übernachtet. Sie haben zu Hanau mit dem schon genannten Wilhelm Braubach verkehrt, und sind ohne einen bestimmten Zweck angeben zu können, über Frankfurt zurückgereis’t. Ferner ist Flach zu Darmstadt gewesen, wofür er ebenfalls einen bestimmten und glaubhaften Zweck anzugeben nicht im Stande ist.

4.) Im Anfang des Monats Juli d. Js, um welche Zeit der Hessische Landbote erste Botschaft in die Druckerei gebracht worden sein soll, sind die beiden Studenten Schütz aus Mainz und Büchner aus Darmstadt von Gießen nach Offenbach und von da nach Steinheim zu dem studiosus Groos, Sohn des verstorbenen Landrichters Groos daselbst, der auch der Theilnahme an den revolutionairen Umtrieben sehr verdächtig ist, gereis’t. Sie sind einen oder zwei Tage bei ihm geblieben, haben in seiner Begleitung einen Vergnügungsort bei Hanau – nach der Angabe des stud: Büchner die Mainkur oder Mainlust genannt – besucht und sind ebenfalls in Begleitung des studiosus Groos nach Offenbach gereis’t, wo sie mit dem stud: Müller aus Kelsterbach zusammengekommen sind. Nach einer Aussage haben sie entweder auf der Reise nach Steinheim oder auf der Rückreise zu Offenbach übernachtet. Büchner will von Offenbach aus allein nach Gießen zurückgereis’t sein und entweder in einem Dorfe in der Nähe von Offenbach, oder von Gießen übernachtet haben. Schütz soll nach Mainz oder nach Frankfurt haben reisen wollen und Groos soll nach Steinheim, Müller aber nach Kelsterbach zurückgekehrt sein.

5.) Der nemliche stud: Schütz war nicht lange vorher und zwar in Gesellschaft des stud: Minnigerode aus Darmstadt bei Groos zu Steinheim, angeblich um das Lamboifest zu besuchen, gewesen. Sie sind an einem Donnerstag oder Freitag von Gießen nach Hanau gereis’t. Bis nach Friedberg wurden sie von einem der revolutionairen Umtriebe sehr verdächtigen Studenten Louis Becker aus Gießen und von stud: Nievergelder begleitet und zu Hanau haben sie im Gasthaus zur Scheuer übernachtet. An dem folgenden Tage sind sie zu Groos nach Steinheim gegangen, bei dem sie den oben genannten stud: Müller von Kelsterbach angetroffen haben und bis zum Dienstag geblieben sind. Sie haben von Steinheim aus mehrere Ausflüge in die Umgegend gemacht und sind namentlich auch zu Hanau gewesen <…>. Von Steinheim aus wollen sie in einem Tage nach Gießen zurückgekehrt sein und stud: Nievergelder soll sie zu Friedberg abgeholt haben.

6.) An dem folgenden Donnerstag reis’te stud: Minnigerode mit dem stud: Schlemmer aus Mainz nach Mainz, dort blieben sie bis zum nächsten Dienstag, reis’ten dann über Frankfurt nach Hanau, übernachteten in dem Gasthaus zur Scheuer, gingen an dem folgenden Morgen zu August Groos zu Steinheim, kehrten an dem Nachmittag, von August Groos begleitet, nach Hanau zurück, und reis’ten an dem nemlichen Abend noch nach Gießen ab.

7.) Am 30en Juli d. J. reis’ten die Studenten Schütz und Minnigerode von Gießen nach Butzbach, kehrten bei dem dortigen Rector Dr Weidig, jetzt Pfarrer zu Obergleen, ein, besuchten gegen Abend die Zellische Wirthschaft, in der mehrere Individuen zusammenkamen, die gegen das revolutionaire Treiben nicht ungünstig gestimmt zu sein scheinen und setzten in der Nacht, nach einer vorliegenden Anzeige von Karl Zeuner von Butzbach begleitet, ihre Reise über Vilbel, Bergen und die Mainkur, wo sie nach der Aussage des Minnigerode um etwas zu essen und zu trinken, sich ein wenig aufhielten, nach Offenbach fort. Nach einer vorliegenden Anzeige soll anfangs nur Bergen oder Enkheim das Ziel ihrer Reise gewesen sein; sie sollen auch zu Enkheim bei einem Oekonomen Meyer eingekehrt sein und weil sie dort die Druckschrift: der hessische Landbote, erste Botschaft nicht vorfanden, sollen die beiden Studenten Schütz und Minnigerode nach Offenbach gegangen sein und sie dort geholt haben. Der stud: Minnigerode behauptet zwar, er wäre zu Offenbach über Nacht geblieben, allein eine Anzeige, nach welcher er an dem nemlichen Tage nach Enkheim zurückgekehrt ist und mit Karl Zeuner dort übernachtet hat, scheint richtiger zu sein. Am Abend des 1n Augusts kam Minnigerode mit vielen Exemplaren des hessischen Landboten bepackt zu Gießen an und er wurde am Eingang der Stadt arretirt. Schütz und Zeuner sind dagegen nicht angehalten worden, und diese sind es, welche die in Umlauf gekommenen Exemplare der fraglichen Schrift aller Wahrscheinlichkeit nach verbreitet haben. Schütz ist auf flüchtigem Fuß und Zeuner befindet sich in der Haft. – <…>

Überlieferung
Handschrift: Staatsarchiv Marburg, 16, Nr. 7282, fol. 296 f.; Druck: MBA II.2, S. 310–312.