1.2. Studium in Straßburg 1831–1833

Geschichte und Verfassung der Universität Straßburg

Die Université de Strasbourg, an deren medizinischer Fakultät Georg Büchner am 9. November 1831 sein Studium der Medizin aufnahm und wo er insgesamt vier Semester studierte, war aus dem protestantischen Gymnasium Schola Argentoratensis hervorgegangen, das der humanistische Pädagoge und Schulreformer Johannes Sturm (1507–1589) im Auftrag des Straßburger Bürgermeisters Jakob Sturm von Sturmeck und des Reformators Martin Bucer im Jahr 1638 im alten Dominikanerkonvikt der Stadt begründet hatte. 1566 erhielt das Gymnasium den Rang einer Akademie und wurde 1621 in eine Universität umgewandelt. Nach der Eroberung Straßburgs durch französische Truppen im Jahr 1681 ließ König Louis XIV. das katholische Jesuitenkolleg aus Molsheim nach Straßburg transferieren, das bereits 1617 von Papst Paul V. den Rang einer Universität erhalten hatte, deren ausdrückliche Aufgabe es sein sollte, der Ausbreitung des Protestantismus in Straßburg entgegen zu wirken. Beide Einrichtungen bestanden bis zur Französischen Revolution nebeneinander. In der Französischen Revolution zeitweilig aufgelöst, wurde die Universität unter Napoléon I. als Université Impériale neu zusammengesetzt. (Homepage der Université de Strasbourg, http://www.unistra.fr/uploads/media/historique_uds.pdf [13.08.2012]). Ab 1815 erhielt sie die Bezeichnung Université Royale. In der Zeit von Büchners Studium in Straßburg umfasste die Universität fünf Fakultäten: die theologische, die juristische, die philosophische, die naturwissenschaftliche und die medizinische Fakultät. Es gab zwischen 500 und 650 eingeschriebene Studenten und 30 bis 35 festangestellte Professoren, dazu acht beamtete Lehrbeauftragte in der medizinischen Fakultät.

Insgesamt stand an der Straßburger Universität die Lehre im Vordergrund, wobei die wissenschaftliche und kulturelle Ausrichtung der einzelnen Fakultäten stark variierte. Während die theologisch-protestantische Fakultät deutlich auf den deutschen Kulturraum ausgerichtet blieb und ein Großteil der Vorlesungen und Kollegs in deutscher Sprache gehalten wurden, standen in der Faculté des Lettres die unterschiedlichen Traditionen einerseits der französisch-rhetorischen und andererseits der deutsch-philologischen Schulen einander gegenüber, was eine produktive Forschung eher behinderte. Gleiches galt für die juristische Fakultät, die zwar zahlreiche Studenten besaß, aber kaum in übergreifenden wissenschaftlichen Diskussionen verankert war. Die naturwissenschaftliche und insbesondere die medizinische Fakultät waren hingegen an der Tradition der renommierten französischen Naturwissenschaften orientiert und in den französischen Diskussionszusammenhang eingebunden.

Abfassung und Druck des „Mémoire“ 1835/36 Die Professorenschaft der medizinischen Fakultät setzte sich überwiegend aus nicht-elsässischen Franzosen zusammen, 1833 waren 154, im Jahr 1835 waren 173 Studenten eingeschrieben. Eine wichtige außeruniversitäre Institution für die Straßburger Naturwissenschaftler war die 1828 von Louis-Philippe Voltz ins Leben gerufene „Société du Muséum d´Histoire Naturelle“ (zunächst auch: „Société d’histoire naturelle“).

In sie wurde Georg Büchner – nach dem Vortrag seiner Dissertation – am 18. Mai 1836 als korrespondierendes Mitglied aufgenommen.

Studienverlauf in Straßburg

LZ 1190 Carl Dilthey, Exemtionsschein Am 30. März 1831 wurde Georg Büchner mit dem von Direktor Carl Dilthey ausgestellten „Exemtionsschein“ offiziell aus dem Darmstädter Gymnasium entlassen. LZ 1175 Verordnung

Gesetzlich vorgesehen war der Studienbeginn in Gießen. Eine Verordnung vom 20. September 1807 besagte: „Jedes Landeskind“, das von einem Gymnasium „zur Landesuniversität Giessen übergeht, hat daselbst zwei Jahre, und zwar die beiden ersten Jahre seines akademischen Studiums zuzubringen. Erst nach dem auf der Landesuniversität absolvirten Biennio soll es jedem frei stehen, zu seiner grösseren Vervollkommnung auswärtige Lehranstalten zu besuchen.“

LZ 1280 Dispensationsschein Durch einen Erlass des Ministeriums des Innern und der Justiz wurde Büchner am 5. September 1831 von dieser Vorschrift befreit.

Die „année scolaire“ in Straßburg begann erst am 2. November. Anzunehmen ist, dass Büchner die verbleibenden Monate in Darmstadt auch für Vorbereitungen auf sein Straßburger Studium nutzte. Sein Vater, Ernst Büchner, bot seit 1827 im Darmstädter Krankenhaus Kurse für „junge Leute“ an, deren „Verhältniße ihnen nicht erlaubten eine öffentliche Lehranstalt zu besuchen“, um sich „zu Wundärzten auszubilden“ (Marburger Büchner Ausgabe VIII, S. 178). Möglicherweise besuchte Büchner die dort angebotenen Kurse.

Am 3. November und ein weiteres Mal am 9. November 1831 wurde Georg Büchner in das „Registre servant à l’inscription des étudiants de la faculté de médecine“ eingetragen.

LZ 4560 Schulz 1837 Über den Inhalt seiner Studien in Straßburg liegen zwei Mitteilungen vor. Wilhelm Schulz, Georg Büchners engster Freund der späteren Züricher Monate, schrieb im Februar 1837 im „Nekrolog“, Büchner habe sich

vom Herbste 1831 bis zum August 1832, sodann vom Oktober dieses Jahres bis zur Mitte des Jahres 1833 dem Studium der Naturwissenschaften, besonders der Zoologie und vergleichenden Anatomie

LZ 4260 Ludwig Büchner 1850  gewidmet. Ebenso schrieb Ludwig Büchner über Georgs Studien in Straßburg:

Der Wunsch des Vaters und eigne Neigung bestimmten ihn für das Studium der Medicin und der damit verwandten Naturwissenschaften. […] Mit der französischen Sprache genau vertraut, besuchte er die in dieser Sprache vorgetragenen Vorlesungen über Chemie, Physik, Zoologie, Anatomie, Physiologie, materia medica u. s. w. – Zugleich trieb er mit Vorliebe neuere Sprachstudien, namentlich Italienisch.

Aus beiden Zeugnissen geht nicht hervor, dass Büchner in Straßburg eines der medizinischen Fächer im engeren Sinn – wie Therapie, Chirurgie oder Geburtshilfe – besucht hätte. Vielmehr belegte er Kurse in den allgemeinen naturwissenschaftlichen Disziplinen, namentlich Anatomie und Zoologie (Marburger Büchner Ausgabe VIII, S. 180 f.).

Büchners Mentoren in Straßburg wurden vor allem Ernest-Alexandre Lauth (1803–1837) und Georges-Louis Duvernoy (1777–1855). Lauth, der nach dem Tod des bisherigen Inhabers, Bernard Bérot, beinahe über die gesamte Zeit von Büchners Studium in Straßburg den vakanten Lehrstuhl für Physiologie vertrat und diesen ab 1836 innehatte, galt als bester Anatom Straßburgs und war vor allem für seine trockenen Nervenpräparate berühmt. An der Universität war er für die Übungen in anatomischer Praxis zuständig, an denen Büchner, wie seinem Brief an Adolph Stöber vom 3. November 1832 3. November 1832. An Adolph Stöber in Metz zu entnehmen ist, wiederholt und so auch zu Beginn seines dritten Studiensemesters teilnahm (Marburger Büchner Ausgabe VIII, S. 182).

LZ 4260 Ludwig Büchner 1850 Ludwig Büchner zählte „Lauth, den berühmten Professor der Anatomie,“ zu Büchners „Straßburger Freunden“.

Georges Louis Duvernoy, der zweite wichtige akademische Lehrer Georg Büchners, war seit 1827 als Professor für Naturgeschichte an der Straßburger naturwissenschaftlichen Fakultät tätig. Zugleich war er als „Docteur en médecine, Doyen de la Faculté des Sciences et Agrégé à la Faculté de Médecine“ auch der medizinischen Fakultät assoziiert (Marburger Büchner Ausgabe VIII, S. 182; vgl. Hauschild, Georg Büchner. Eine Biographie. Stuttgart 1993, S. 141). Sein Schwerpunkt lag jedoch mit den Fächern vergleichende Anatomie und Zoologie in der naturwissenschaftlichen Fakultät. Ludwig Büchner bezeichnet ihn in seiner Darstellung als „Professor für Zoologie“. Duvernoy hatte 1803 das fünfbändige Standardwerk von Georges Cuviers, Leçons d'anatomie comparée (Paris 1798–1805), mit redigiert und wechselte 1837 als Nachfolger Cuviers auf dessen Lehrstuhl für „Histoire naturelle des corps organisés“ an das Collège de France in Paris (Marburger Büchner Ausgabe VIII, S. 182). In einer seiner späteren Arbeiten lobte er Büchners Mémoire als „le beau travail de feu M. Büchner, mon élève“ („die schöne Arbeit des verstorbenen Herrn Büchner, meines Schülers“). (Vgl. Marburger Büchner Ausgabe VIII, S. 193).7.5. Burghard Dedner: Vater-Sohn-Konflikt II

Mehrere Indizien sprechen dafür, dass Georg Büchner von Beginn an das Ziel verfolgte, sich nicht zum praktischen Arzt, sondern zum Naturwissenschaftler auszubilden. (Vgl. hierzu ausführlich Marburger Büchner Ausgabe VIII, S. 175-223). Studien in Gießen und Darmstadt 1833–1835 In seinem Studium an der Landesuniversität des Großherzogtums Hessen-Darmstadt in Gießen setzt er diese Richtung weiter fort.

 

Text: Burghard Dedner (Juni 2014); zuletzt bearbeitet: Dezember 2016