4.3. Gießen zur Zeit Georg Büchners

„Büchner ist nach Gies[s]en abgereist“, schreibt Georg Büchners Freund Heinrich Küntzel am 24. Oktober 1833 aus Darmstadt an August Stoeber in Straßburg, und setzt hinzu: „Wir nennen jenen Ort Tomi; denn er ist wirklich ein Verbannungsort.“ LZ 1720 Küntzel an August Stoeber

Wie ein Verbannter in „Tomi“ am Schwarzen Meer, wohin Kaiser Augustus einstmals den römischen Dichter Ovid verbannt hatte, beklagt auch Georg Büchner in einem Brief an Wilhelmine Jaeglé von Mitte Januar 1834 die „hohle Mittelmäßigkeit“, die hier in Gießen „in allem“ herrsche und dass „die Stadt abscheulich“ sei. Nach Mitte Januar 1834. An Wilhelmine Jaeglé in Straßburg

Vor allem im Kontrast zu der elsässischen Metropole Straßburg, von wo Büchner, den Landesgesetzen folgend, im Oktober 1834 zum Abschluss des Studiums nach Gießen übersiedelte, musste die Stadt außerordentlich provinziell erscheinen. Um 1830 lebten hier in rund 800 Häusern ca. 7000 Einwohner. Glanzstück der Stadt war die Ludoviciana, die 1607 gegründete Universität, an der von 18 Privatdozenten und 32 Professoren etwa 500 Studenten unterrichtet wurden. Sie wiederum ist Teil der Stellung, die Gießen historisch und zeitgenössisch als Verwaltungs- und Ausbildungszentrum innerhalb der Region innehatte.

Als im ausgehenden 12. Jahrhundert zunächst um die Burg Gleiberg herum entstandene Siedlung war Gießen von Anfang an auch Verwaltungsmittelpunkt. Mit seiner Lage an der Lahn war es ein Umschlagplatz für Handelsgüter und wurde aufgrund seiner strategischen Stellung zwischen dem gebirgigen nördlichen Hessen und der Wetterau – Gießen beherrschte mehrere Fernverkehrswege und einen Lahnübergang – bald zum Militärstützpunkt. Im 16. Jahrhundert baute Landgraf Philipp der Großmütige Gießen zur Festung aus. Wenngleich dadurch keine wirtschaftliche Entwicklung der vor allem agrarisch geprägten Stadt ausging und auch das Handwerk kaum davon profitieren konnte, wurde das modern befestigte Gießen für die Landgrafen als Nebenresidenz interessant. Das schlug sich in einem monumentalen Ausbau landesherrlicher Repräsentations- und Zweckbauten nieder. Das zwischen 1533 und 1539 erbaute Neue Schloss gehört zu den bedeutendsten Fachwerkbauten Hessens, das Zeughaus, 1585–1590 erbaut, ist mit seinen groß angelegten Abmessungen in Hessen einzigartig. Auch der Marstall, die Kellerei, die Zehntscheuer und das Haus des Stadtkommandanten zeigen die starke Präsenz der landesherrlichen Verwaltung in der Stadt. Als Gießen 1604 an die Hessen-Darmstädter Linie fiel, wurde es zum Regierungssitz für die oberhessischen Landesteile. 1605 wurden im Auftrag des Landesherrn das Gießener Pädagogium und das „Gymnasium illustre“ gegründet, 1607 folgte die lutherische Landesuniversität als Gegenstück zur calvinistischen Universität im Hessen-Kasselischen Marburg.

Durch die während der Französischen Revolution und der Zeit des Rheinbunds ausgelösten Reformschübe verlor Gießen seine Funktion als Festung und den Status der Garnisonsstadt. Zwischen 1803 und 1810 wurden die Wallanlagen geschleift. 1821 erhielt Gießen mit der Einführung einer einheitlichen Kommunalverfassung eigenständigere Verwaltungskompetenzen und wurde neben Stadt-  und Provinzialverwaltung auch Sitz der Verwaltung des Kreises Gießen. Nach dem Abzug der Garnison übernahm die Universität das neu errichtete Kasernengebäude, in dem auch Gießens erste moderne Klinik untergebracht wurde. Während des 17. und 18. Jahrhunderts hatte die (nach ihrem Gründer, dem Landgrafen Ludwig V. von Hessen-Darmstadt, so genannte) Ludoviciana aus den üblichen vier Fakultäten Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie (welcher auch die Naturwissenschaften zugehörten) bestanden. Etwa 20 bis 25 Professoren unterrichteten mehrere hundert Studenten, die sich zumeist aus „Landeskindern“ zusammensetzten. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurden, insbesondere nach dem Vorbild der Universitäten von Halle und Göttingen, Lehrinhalte und Lehrmethoden nach und nach modernisiert. Der berühmteste unter den Professoren war der 1824 nach Gießen berufene Justus Liebig (1803–1873), ein bedeutender Biochemiker moderner Art und vehementer Gegner der romantischen Naturphilosophie. Dass Büchner als Anhänger der Naturphilosophie während seiner Gießener Studienzeit keine Veranstaltungen bei Liebig besuchte, mag sich eben daraus erklären.

Die Mehrheit der Studentenschaft zu Büchners Zeit war poliutisch angepasst und, wie Büchner im Brief an die Eltern vom 15. März 1836 sarkastisch bemerkte, vor allem darauf bedacht, sich „ein Aemtchen zu erkriechen“. 15. März 1836. An die Eltern in Darmstadt

Eine Minderheit, so zum Beispiel die Gießener „Schwarzen“, waren bereits in den 1810er Jahren wegen ihrer revolutionären Ansichten verfolgt worden. Im April 1833 machten sich Gießener Studenten erneut verdächtig, diesmal ging es um die Beteiligung Wachensturm. „Gestern wurden wieder zwei Studenten verhaftet, der kleine Stamm, und Groß“, schrieb Büchner in seinem ersten Gießener Brief an die Eltern am 1. November am Frankfurter 1833. 1. November 1833. An die Eltern in Darmstadt Diese Verhaftungen bildeten so etwas wie die Spitze eines Eisberges von Repressionen, die Büchner „in tiefe Schwermuth verfallen“ und die ihn etwa am 27. März 1834 über sein erstes Gießener Semester schreiben ließen: „ich schämte mich, ein Knecht mit Knechten zu sein, einem vermoderten Fürstengeschlecht und einem kriechenden Staatsdiener-Aristokratismus zu Gefallen.“ Nach 27. März 1834. An die Eltern in Darmstadt

Text: Maximiliane Jäger-Gogoll (Juni 2014)