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Alexander Büchner: Erinnerung an die Großmutter Reuss und ihren Kreis; Caen um 1899

Wunderliche Erinnerungen.

Als ich noch in das großherzogliche Gymnasium einer wenig bekannten Stadt an dem fabelhaften Fluß Darm , da hatte ich eine weibliche Großmutter, welche alle Kennzeichen des reinsten Rokokostils an sich trug. Sie hätte mit Glanz am Hofe Ludwigs XV. erscheinen können. Über den letzteren waren freilich schon die große Staatsumwälzung von 1789, das erste Kaiserreich, die Restauration nebst den hundert Tagen und selbst die Julirevolution hingegangen. Das that aber nichts zur Sache. Meine weibliche Großmutter war und blieb dennoch Rokoko, obwohl das junge Deutschland schon mit vollen Backen in die Schwingen des Zeitgeistes hineinblies . Sie war eine große, schlanke, stolze Frau, welche nur noch in der Vergangenheit, an einem gewissen Pirmasenser Hof, irgendwo in der Rheinpfalz, lebte. in jener großmütterlichen Vergangenheit besaß Pirmasens nicht nur seine Pantoffeln, sondern auch einen Landgrafen mit Soldaten und sonstigem Zubehör, d. h. ein vor verfassungsmäßiges Regiment, dessen Verdienste von denen, die es an ihren Mitmenschen anwandten, gar nicht genug gewürdigt werden konnten. In solchen Erinnerungen nun schwelgte meine mütterliche Großmutter. Für alles übrige war sie blind – außer für uns, ihre Enkelkinder –, nämlich starblind, und tastete sich, an den Zimmermöbeln hinfühlend, durch die Reste ihres Daseins hindurch. Ich war noch ein kleiner Range. Immerhin aber saß ich oft als kleiner Bengel auf einem Schemel zu Füßen der blinden Rokokogroßmutter, während ihr meine Schwester Luise, die nachmalige Erziehungsschriftstellerin, damals aber nur ein Bündel wie ich selber, aus gedruckten Büchern sehr gebildete Lektüre vorlas. Freilich war es nicht die gebildete Lektüre, welche mich anzog, sondern die ganze pirmasenshafte, rokokoartige Umgebung, in welche sich die Erinnerung der Kinder- und Ammenmärchen – denn für mich war ja alles wirklich passiert! – mit wunderlicher Genauigkeit hineinpaßte. Da befanden sich absonderliche Möbel mit gewundenen Beinen und geschnitzten Säulchen, abgeblaßte Stickereien und Webereien und eine urnenförmige porzellanene gemalte Schlaguhr mit Glasglocke aus der Imperialzeit, welche mein Bruder Ludwig selig noch heute in seinem Salon stehen hat. Das alles war aber gar nichts gegen die Porzellanfiguren und Gruppen aus Meißen und Sèvres, die in der guten alten Zeit so manchen bürgerlichen Haushalt zierten, ohne daß man auch nur einen annähernden Begriff von dem künftigen Finanzwert aller dieser Schäfer und Marquisen, dieser Offizierchen und Soubretten, dieser Apollos und Dianas besaß. Sie galten für Babel und Tand und Kinderspielzeug, obwohl die blinde Großmutter viel darauf zu halten schien.

Großmutter war übrigens nicht allein Rokoko. Außer ihren Porzellanfiguren hatte sie auch Freundinnen gleichen oder nur wenig jüngeren Datums, welche im Hause aus und ein gingen.

Als die Parzen jung waren, nannte man sie Grazien und Musen; als die Grazien und Musen alt wurden, hießen sie Parzen. So geschah es auch mit meiner weiblichen Großmutter. Bis zum Alter von sechzig Jahren ging sie geschminkt und geschnürt, gepudert und ausgeschnitten einher. Dann wurde sie blind und ließ sich von Schwester Luise gebildete Bücher vorlesen. Dennoch vereinsamte sie nicht, wie so viele abgelegte Schönheiten. Sie machte nämlich sozusagen ein Haus aus, und wer seine Mitmenschen auf Polsterstühle setzt mit Viktualien davor, der ist selten mit seinem Gott allein. Als Großmutter jung war, hatten solche Mitmenschen vorzugsweise derjenigen Species angehört, welche sich aus Bescheidenheit die Herrn der Schöpfung zu nennen pflegen; späterhin wurde das anders, und der Kreis der Parzen war fertig. sie waren alle sitzen geblieben. Jedoch ohne ihre Schuld. Ihre Grazien- und Musentage fielen in den Anfang des Jahrhunderts, d. h. in die sogenannte Franzosenzeit . Ihr Hauptvereinigungspunkt, ein- oder zweimal die Woche, war meine feierliche Rokokogroßmutter, und, wie kleine Kinder eben immer unvorsichtig sind, so lernte ich sie in objektiver Nähe kennen. Da war vorerst Henne (Henriette) Traubenblatt, ein kleines, „verzwunzeltes,“ in unendlich viel Kattun gehülltes Wesen mit einem Gesichtchen wie ein Reinetteäpfelchen um Ostern, mit einem Wort, die verkleidete Fee im Märchen. Sie hatte ihre Jugend an einem der kleinen deutsch-französischen Höfchen verbracht und war mit Skandal- und Intriguengeschichten ausgelegt wie ein Raritätenkasten mit Perlmutterplättchen. Ihre Erlebnisse, welche sie den Eingeweihten und Teilnehmenden unter Gebärden der höchsten Verschwiegenheit in die Ohren flüsterte, gaben ihr großes Ansehen. Ihre Nebenbuhlerin war die Frau Hofkonditor Reinsilber. Freilich, die hatte ganz andere Rosinen im Sack! ein Hof ist ein Hof, und ein Hofkonditor ist ein Hofkonditor, und somit galt die Hofkonditorin für eine der wichtigsten Stützen des Parzenkreises, ganz abgesehen davon, daß sie ein „böses Stück“ war, wie man sich verstohlen zuraunte. Deswegen war auch sie allein nicht sitzen geblieben. Nichtsdestoweniger schlug sie gelegentlich mit der Zunge um sich wie ein übergeschnappter Elefant mit dem Rüssel. Dennoch gab es eine, die neben ihr zu sitzen wagte, eine große, hochbusige, überaus reckenhafte Person. Ihren Namen habe ich vergessen, er ähnelte aber dem des Gottes Apollo, was mir beträchtlich imponierte, nicht weniger als der gewaltige Titus oder aufwärts stehende Haarbusch – das gerade Gegenteil der gegenwärtigen Hundshaare –, welcher über ihrer Stirn emporragte. Sie war eine berühmte und selbst berüchtigte Altsängerin gewesen; jetzt war sie nur noch – alt. Dann gab es auch ein Fräulein Line Schmus, bei welchem die Bitterkeiten des Lebens nur als appetitreizende Aperitive, wie Absinth und amer Picon, gewirkt hatten – so groß und dick war sie geraten. Mit sonstigen irdischen Glücksgütern war sie freilich nicht gesegnet. Sie hatte zwar Dach und Fach, aber nichts zu nagen noch zu beißen, weshalb sie bei ihren Freunden die Woche durch in der Reihe herumaß, wie vordem die Schulmeister auf dem Lande. Schwester Luise nun war ein sehr gescheites Kind, weshalb sie auch nicht sehr alt geworden ist, und oft verbrannte sie sich die Zunge – aber nicht an der Suppe. Eines Tages gab dieselbe im engeren Familienkreise folgendes Rätsel auf: „Wer sät nicht? Wer erntet nicht? Und unser himmlischer Vater nährt sie doch?“ Wie aus einem Munde riefen die älteren Kinder: „Das ist die Line Schmus!“ Endlich knüpft sich noch eine besonders komische Erinnerung an ein Fräulein So und So, welches im Parzenkreis die Rolle des Reporters spielte und mit großer Lebendigkeit die jüngsten Ereignisse der Residenz zu kolportieren und zu amplifizieren wußte. In späteren Jahren hatte ich mit diesem Fräulein So und So noch ein ganz besonderes Hühnchen zu pflücken. Dieselbe erlebte nämlich das furchtbare Jahr 1848. Ich war damals, in Gemäßheit meines immer noch anhaltenden kindischen Unverstands, ein schreckenerregender Demokrätzer und somit in den Augen aller wohldenkenden Residenzler jeder Schandthat fähig. Nun begegnete ich eines Tages in den, dem Publikum geöffneten Durchgängen des fürstlichen Schlosses dem Fräulein So und So, ohne daß mir diese Thatsache zum phänomenalen Bewußtsein gekommen wäre. Darüber berichtete das Fräulein, sie habe im Vorbeigehen ihr Schnupftuch fallen lassen, um zu sehen, ob ich, als wohlerzogener Mensch, dasselbe aufheben würde. Da ich nun gar nichts aufhob, so galt ich fortan für einen Bengel.

Überlieferung
Druck: Alexander Büchner, Das „tolle“ Jahr, 1900, S. 1–12.